Schöneweide – Glanz und Schande

Schöneweide gibt es als Stadtteil so nicht. Es gibt zwar noch den alten S-Bahnhof gleichen Namens. Aber die Stadtteile, die zusammen Schöneweide bilden, heißen Oberschöneweide und Niederschöneweide. Sie werden durch die Spree getrennt. Beide Teile sind sowohl rühmlich als auch unrühmlich in die Geschichte eingegangen.

Oberschöneweide steht für den Aufschwung des industriellen Zeitalters und für die Familie Rathenau. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gründete Emil Rathenau an den Ufern der Spree in Oberschöneweide die Allgemeine Elektricitäts Gesellschaft (AEG). Ihm war es gelungen, die Patente von Edison für den deutschen Markt zu kaufen. In der Wilhelminenhofstraße künden noch heute die großen Fabrikhallen vom Ruhm der Familie.

Dort wurden Kabel, Transformatoren und Röhren gefertigt. Rathenau war der direkte Konkurrent der Familien Siemens und Schuckert, die im Westen der Stadt in gleichem Umfang in die neue Technologie investierten. Der Sohn Erich übernahm die Leitung des Kabelwerks Oberspree. Er wollte in unmittelbarer Nähe zum Firmensitz wohnen und errichtete 1902 die „Villa Rathenau“ gleich neben seiner Arbeitsstätte. Leider konnte er den Komfort nicht lange genießen, denn er starb bereits ein Jahr später im Alter von 32 Jahren. Das Haus stand somit unter einem ungünstigen Stern. Die übrige Familie hat es daher nie betreten. Sie bauten standesgemäß im Grunewald auf der Königstraße.

Erichs Vater hatte wohl den frühen Tod seines Sohnes vorhergesehen. Denn bereits ein Jahr zuvor schenkte er der Gemeinde Oberschöneweide ein Grundstück, um darauf einen Friedhof zu errichten. Kapelle und Verwaltungsgebäude schenkte er gleich mit. Erich Rathenau war das Erste, welcher in der Familiengruft bestattet wurde. Ihm sollte zwanzig Jahre Später sein Bruder Walther folgen. Der war in der Nachkriegszeit zum Außenminister der jungen Republik ernannt worden. Im Jahre 1922 unterzeichnete er den Friedensvertrag mit Russland. Das stieß auf den erbitterten Widerstand nationalistischer Gruppen, die darin einen Verrat am Deutschen Volk sahen. Im Jahre 1922 wurde Walther Rathenau in der Nähe seines Hauses in Grunewald von Männern der rechtsradikalen Gruppe Consul erschossen.

Das Geschäft mit Elektrotechnik wuchs rasant. Immer mehr Arbeiter wurden benötigt, aber es gab nicht genug Wohnungen. Der Platz auf der anderen Spreeseite in Niederschöneweide reichte bei weitem nicht aus, um alle Menschen, die bei der AEG arbeiteten, unterzubringen. Anders als die Familie Siemens, bauten die Rathenaus keine Betriebswohnungen für die Arbeiter. Andere Stadtteile, wie Johannisthal erkannten die Chance für den Zuzug von Menschen und boten Grundstücke an. Der Zuwachs war enorm. Es entstanden die ersten sozialen Wohnungsbaustätten, um den riesigen Bedarf von billigen Mietwohnungen zu decken.

AEG war schon vor und nach dem ersten Weltkrieg stark im Rüstungsgeschäft vertreten. Mit der Machtübernahme Hitlers und zur Vorbereitung des nächsten Krieges wuchs die Bedeutung der Gesellschaft. Zunächst konnte die Firma daher ihre Arbeiter überwiegend weiter beschäftigten. Je länger der Krieg aber dauerte, desto weniger gelang es, die Mitarbeiter in den Werken zu halten. Die meisten mussten an die Front. Fehlende Arbeitskräfte wurden durch Zwangsarbeiter aus allen besetzten Ländern ersetzt. Im gegenüberliegenden Niederschöneweide wurden dreizehn Baracken für etwa 2160 Zwangsarbeiter errichtet. Weitere Arbeiter wurden aus den umliegenden Konzentrationslagern herbeigeschafft. In den Baracken ist heute ein Dokumentationszentrum untergebracht. Dort kann man die unrühmliche Geschichte der AEG und ihrer Führungskräfte zu dieser Zeit nachlesen.

Die AEG stand selbst unter großem Druck. Die von der Wehrmacht geforderten Stückzahlen mussten erreicht werden, ohne dass das entsprechende Fachpersonal zur Verfügung stand. So wurden jedwede Unregelmäßigkeiten der Zwangsarbeiter sofort an die Gestapo gemeldet, auch wenn sie noch so belanglos waren. Es gibt Protokolle darüber, wer solche Meldungen machte und was dann mit den Betroffenen angestellt wurde. Das reichte von der Verwahrung im Kerker, Entzug von Entgelt oder Nahrung bis zur sofortigen Erschießung. Der Ersatz getöteter Zwangsarbeiter erfolgte reibungslos. Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkrieges etwa 2,2 Millionen Zwangsarbeiter in deutschen Fabriken und in der Landwirtschaft beschäftigt. Das Entgelt war sehr niedrig und richtete sich nach Volkszugehörigkeit. Menschen aus westlichen Besatzungsgebieten erhielten mehr, aus östlichen Gebieten, wie Polen oder Russland weniger. Insassen der Konzentrationslager erhielten überhaupt nichts.

Mit dem Ende des Krieges kam das Aus für die AEG in Berlin. Die meisten Produktionsstätten lagen im Osten der Stadt. Die wurden von den Sowjets rigoros ausgeschlachtet. Danach wurden sie der neuen Staatsmacht übergeben, die daraus volkseigene Betriebe machte. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung war der Rest der AEG im Westen bereits bankrott, nachdem sie vorher noch von Mercedes Benz übernommen wurde. Die alten Fabrikgebäude stehen zum großen Teil noch und haben schon mehrfache Versuche der Umstrukturierung überstanden. Industrieproduktion findet nicht mehr statt. Oberschöneweide ist heute ein riesiges Industriemuseum und Niederschöneweide ein Dokumentationszentrum der Schande.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Bernd Diefenbach sagt:

    Vielen Dank!

    Gefällt mir

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