Buch – gruselig

am

Buch liegt im äußersten Norden Berlins, weit entfernt von der Innenstadt. Warum es überhaupt dazu gehört, ist zunächst unerklärlich. Das Dorf hat seine eigene Geschichte, besitzt eine gute Infrastruktur und Verwaltung. Hier kann man gut leben, wenn man der Großstadt entfliehen möchte, aber dennoch die täglichen Bedürfnisse in der Nähe abdecken möchte. Buch ist auch bei weitem kein Dorf mehr, sondern mit über siebzehntausend Einwohnern eine Kleinstadt.

In den 1920er Jahren, als die Bürger entschieden, sich Berlin anzuschließen, hatte die Berliner Verwaltung gute Vorarbeit geleistet. Die Bevölkerung der Stadt wuchs explosionsartig. Mit den vielen Menschen gab es auch immer mehr Kranke. Die mussten versorgt werden. Berlin plante ein Zentrum mit über 5000 Betten außerhalb der Stadt, weil in der Stadt der Platz fehlte. Außerdem erhoffte man sich von der frischen Landluft auch bessere Heilungserfolge. Angesiedelt wurden verschiedene Spezialgebiete der Medizin, so auch Gehirnforschung und Lungenheilkunde. Von Anfang an war geplant, in Buch auch psychisch Kranke und geistig behinderte Menschen zu behandeln und zu pflegen. Diese Pläne vereitelte aber zunächst der Erste Weltkrieg. Tausende Soldaten, die schwer verwundet von der Front zurück kamen, wurden hier behandelt, aber auch zu Grabe getragen. Die Größe der Krankenanstalten kann man am besten aus der Luft erkennen.

Erst nach Ende des Krieges wurden die Krankenanstalten ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt. Eine Vielzahl bedeutender Professoren nahm ihre Arbeit in Buch auf. Besonders im Bereich der Psychiatrie gab es viele jüdische Mitarbeiter, deren Kenntnisse sehr gefragt waren. Aber der gute Ruf der Kliniken hielt nicht lange. Schon 1934 begann das NS-Regime, alle jüdischen Mitarbeiter und Patienten auszusortieren. Was in der Zeit zwischen 1934 und 1945 in Buch geschah, ist zum Teil dokumentiert, in weiten Teilen aber immer noch nicht aufgeklärt. Im Zuge der Vernichtung „unwerten Lebens“ fanden in Buch zunächst Sterilisierungen, danach aber auch Überführungen zur Euthanasie in großem Umfang statt. Erst durch die Befreiung durch russische Soldaten wurde der Spuk beendet.

Kurz nach dem Einmarsch in Berlin fanden russische Soldaten die Gebeine der Goebbels-Familie- Vater, Mutter und sechs Kinder – und brachten sie in die Chirurgie Buch. Dort wurde einwandfrei die Identität der betroffenen Personen festgestellt. Bei den Gebeinen von zwei weiteren Personen, einem Mann und einer Frau, war die Identifikation schwieriger. Beide waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Erst als man die Assistentin eines geflüchteten Zahnarztes fand, konnte diese Merkmale an den Gebissen feststellen, die eindeutig Eva Braun und Adolf Hitler zugeordnet werden konnten. Alle Leichnam wurden in Buch beigesetzt. Aber dort verblieben sie nicht lange. Stalin zweifelte an den Informationen und glaubte, dass Adolf Hitler noch lebte und in Sicherheit sei. Also wurden die Leichenteile wieder ausgegraben und weiteren Untersuchungen unterzogen. Sie irrten jahrelang durch Ostdeutschland bis zur Souveränität der DDR. Man traute den Genossen in Deutschland nicht. Daher wurden die Überreste auf einen großen Haufen geworfen und noch einmal verbrannt. Die Asche wurde in einen Nebenfluss der Elbe gestreut. Niemals sollte ein Wallfahrtsort für spätere Nazis entstehen. Nur Fragmente des Kopfes behielten die Sowjets für sich. Somit lagert wohl ein kleiner sterblicher Überrest von Adolf Hitler irgendwo hinter den Mauern des Kreml.

Auch während der DDR Zeit haben die Krankenanstalten in Buch eine noch nicht vollständig aufgeklärte Vergangenheit. Fest steht jedenfalls, dass Teile von der Stasi genutzt wurden. Heute sind die Krankenhäuser von Buch der größte Arbeitgeber vor Ort. Zusammen mit den angeschlossenen wissenschaftlichen Instituten haben sie wieder eine Vorreiterrolle im medizinischen Bereich.

Was macht man in Buch, wenn man nicht krank ist? Es gibt einen großen wilden Schlosspark ohne Schloss. Das wurde niedergerissen. Aber die Schlosskirche steht noch und erhält zur Zeit einen neuen Glockenstuhl. Und wohnen kann man dort sehr gut, weit genug weg vom Lärm der großen Stadt – und doch nah genug, um deren Annehmlichkeiten zu genießen.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Avatar von Dr. Burkhard Muschner Dr. Burkhard Muschner sagt:

    Lieber Siggi,
    erneut ein sehr informativer Artikel.
    Wieder etwas dazu gelernt über die Stadt, in der ich nach dem 2. Weltkrieg aufwuchs. Danke.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..