
Ich habe schon viele absonderliche Geschichten in Berlin gehört. Aber diese ist bei Weitem die unglaublichste, gruseligste und ungewöhnlichste, die ich bisher vernommen habe. Also eine Geschichte, die zu Berlin gehört.
In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelte sich Berlin zu einer Metropole. Verursacht wurde dies durch eine riesige Anzahl von Immigranten aus aller Herren Länder, die teils wegen Verfolgung oder aus wirtschaftlichen Gründen nach Berlin zogen. Innerhalb von weniger als 50 Jahren vervierfachte sich die Bevölkerung auf die Gesamtzahl von nahezu zwei Millionen. Das war eine große Herausforderung für die Stadt. Denn Wohnraum fehlte allenthalben. Wenn wir heute glauben, dass der Flüchtlingsstrom uns total überfordert, obwohl wir nur von etwa einer Million Menschen für ganz Deutschland reden, so müssen 1,5 Millionen Menschen nur in Berlin eine Katastrophe gewesen sein. Arbeit gab es damals genug für alle, denn das Zeitalter der Industrialisierung hatte begonnen. Ein großes Problem war der fehlende Wohnraum. Aber auch der Platz auf den Friedhöfen wurde knapp. Denn wo viele Menschen leben, da sterben auch viele.
Die meisten Flüchtlinge waren Protestanten, die wegen ihres Glaubens in anderen Ländern verfolgt und von Preußen gerne aufgenommen wurden. Daher lag das Problem der Bestattung überwiegend bei der evangelischen Kirche. Platz für weitere Friedhöfe innerhalb Berlins war nicht mehr vorhanden.
Im Umland, etwa sechs Kilometer außerhalb Berlins, wurde man fündig. Von der Gemeinde Stahnsdorf erwarb man um 1900 Land, das für einen Friedhof genutzt werden konnte. Die Gemeinde erwartete durch den Friedhofsbau mehr Fremdenverkehr und verschenkte eine stattliche Fläche an die Kirche. Man wurde schnell handelseinig und erwarb das Land. Dabei wurde in der Eile aber übersehen, dass ein Weg von über sechs Kilometern zur damaligen Zeit eine fast unüberwindbare Strecke war, um täglich und mehrfach Leichen und Trauergemeinden zu transportieren. Stahnsdorf lag wirklich jottwedee. Bei zwei Millionen Einwohnern sterben halt täglich jede Menge Menschen. Zu einer Zeit, als die Lebenserwartung deutlich niedriger war als heute. Pferdefuhrwerke konnten keine Lösung sein. Da wären auf der langen Strecke so viele Gefährte notwendig gewesen, dass eines hinter dem anderen hätte fahren müssen. Eine Straße dafür war aber auch nicht vorhanden.
Die Lösung war nicht einfach und guter Rat gefragt. Der ist bekanntlich teuer. Die Kirche bat die Reichsbahn, eine S-Bahnstrecke von Wannsee nach Rahnsdorf z verlängern. Die willigte ein. Allerdings war sie nur bereit, die Betriebskosten zu übernehmen. Bau und Wartung der Strecke sollte die Kirche übernehmen. Man wurde sich einig, in zwei Jahren war die Strecke betriebsbereit.
Die Gesamtkosten beliefen sich nur auf etwas mehr als eine Million Mark. Das war aber nur deswegen so günstig, weil der preußische König den für die Streckenführung benötigten Grund schenkte. Dennoch ist erstaunlich, dass die Kirche über solche Geldreserven verfügte.
Am 13. Juni 1913 war die feierliche Eröffnung. Der Transport der Leichen war eine logistische Herausforderung. In Halensee wurde ein sehr pompöses Zwischenlager für die Leichen errichtet. Dorthin wurden sie zunächst mit Droschken verbracht und bis zum Bestattungstermin gekühlt aufbewahrt. Am Morgen des Begräbnisses ging es dann zunächst bis Dreilinden, wo sie an den von Wannsee kommenden Zug angehängt wurden. Von hier aus fuhren Leichen, Trauergäste und Touristen zusammen weiter. In Spitzenzeiten fuhren täglich 16 Zugpaare den letzten Weg der Verstorbenen. Jährlich nutzten bis zu 600.000 Menschen die Verbindung. Damit erreichte das verschlafene Nest Rahnsdorf tatsächlich einen wirtschaftlichen Aufschwung, wovon wohl hauptsächlich die Gasthäuser profitierten.
Im Laufe der Zeit wurde die S-Bahnstrecke elektrifiziert, sogar ein zweispuriger Ausbau war in der Planung. Dann aber kam der Erste und dann der Zweite Weltkrieg. Geld war knapp. An Investitionen war nicht zu denken. Nach dem Zweiten Krieg lag Rahnsdorf in der Sowjetischen Besatzungszone, dann in der DDR. Tote aus Westberlin wurden fortan nicht mehr bestattet. Besucher benötigten einen Passierschein, mussten am Bahnhof Dreilinden aussteigen und sich einer langwierigen Pass- und Sicherheitskontrolle unterziehen. Im August 1963 fuhr am 13. des frühen Morgens ein letzter Zug nach Wannsee und verblieb dort. Nach der Errichtung der Mauer wurde der Zugverkehr komplett eingestellt. Der Friedhof konnte von Westberlinern nicht mehr besucht werden.
Signale und Gleise wurden teilweise abgebaut und an anderer Stelle verwendet. Nach der Wiedervereinigung war die Strecke nicht mehr nutzbar, da auch die Bahnbrücke über den Teltow-Kanal abgerissen worden war. Die Evangelische Kirche klagte durch alle Instanzen für den Wiederaufbau oder eine Entschädigung für ihre Investitionen. Leider erfolglos. Die damaligen Verträge beinhalteten keine Klauseln über Kriegsschäden oder politische Entscheidungen. So wächst immer mehr Gras über die noch vorhandenen Gleise, aber auch über die Geschichte selbst. Ein Spaziergang entlang der alten Trasse gehört aber durchaus zu den Sehenswürdigkeiten Berlins. Es lohnt sich, denn am Ende der Strecke steht man vor einem der schönsten Friedhöfe der Stadt mit pompösen Grabstätten.
