
Es hat eine Weile gedauert, bis der Entschluss reifte, nach Kenia aufzubrechen. Als mich Daniela im Sommer 2023 auf einer Reise nach Berlin begleitete, kam die Einladung. Sie habe sich mein Projekt angeschaut. Es wäre doch toll, wenn ich in Kenia vorbeischauen würde. Einfach mal sehen, was sie so in ihrem Projekt leistet. Etwas zögernd sagte ich zu, aber ein Zeitpunkt wurde noch nicht vereinbart. Es gab vielerlei Bedenken. Da war erst einmal die Überlegung der Kosten. Dass das viele Geld für Flug und Unterkunft doch vielleicht besser als Spende für ihr Projekt angelegt wäre. Die Tatsache, dass es in Kenia eine Vielzahl von giftigen Schlangen gibt. Ich habe eine Phobie gegen alles, was herumschlängelt und keine Beine hat, selbst wenn es nicht giftig ist. Die Gefahr von Malaria. Mombasa ist Hochrisikogebiet, und in Kenia sterben die meisten Menschen an einem Mückenbiss. Wann ist es nicht zu heiß, wann ist es nicht zu nass? Angst vor Durchfallkrankheiten und vieles mehr.
Wenn man die Herausforderungen definiert hat, kann man mit den Lösungen beginnen. Also fangen wir mal mit dem besten Reisezeitraum an. Im Februar/März ist die eine Regenzeit vorbei, die andere fängt erst danach an. Also suchte ich nach preiswerten Flügen und Hotels im betreffenden Zeitraum. Leider ist dann natürlich auch Hochsaison, was die Suche erschwert. Daniela nannte mir ein sehr gutes Hotel am Strand. Das beste Angebot dafür lag bei fünfhundert Euro für eine Woche mit Frühstück und Abendessen – ein Schnäppchen, wie sich später herausstellte. Da wäre das Risiko der Magen-Darm-Beschwerden auch gleich minimiert. Als nächstes ging es an die Flugsuche, die sich als äußerst schwierig darstellte. In meinem Alter brauche ich für Flüge über acht Stunden unbedingt einen Liegeplatz. Im Sitzen stehe ich das nicht durch. Gottseidank fiel mir mein Meilenkonto ein, das ein gutes Polster aufweist. Tatsächlich konnte ich bei einer Zuzahlung von nur hundert Euro einen Flug ergattern. Der hatte zwar ein kompliziertes Routing (Frankfurt-Brüssel-Wien, Adis Abeba, Mombasa, Adis-Abeba-Athen-Frankfurt), aber fast durchgehend Liegesitze. Also buchte ich erst den Flug und dann das Hotel. Jetzt konnte ich mich den nächsten Herausforderungen widmen.
Die Beratung beim Arzt dauerte länger. Eine empfohlene Tetatanus-Impfung hatte ich erst vor kurzem erhalten. Gegen Malaria entschieden wir uns gemeinsam für Tabletten, die bei Hochdosierung auch noch nach einem Mückenstich wirksam helfen. Aus früheren Erfahrungen in Asien wusste ich, dass eine Prophylaxe meinem Magen nicht bekommt. Jetzt noch ein paar Medikamente gegen Durchfall und bakterielle Magenkrankheiten, sowie eine hochdosierte Sonnencreme und Lippenbalsam, Tabletten gegen Kopfschmerz und Fieber, sowie Verbandszeug. Blieb einzig und allein meine Angst vor Schlangen. Damit musste ich leben – oder sterben. Schon drei Monate vor Abflug waren alle Vorbereitungen erledigt. Ich konnte mich entspannt zurücklegen und mich auf meine Reise freuen. Dachte ich.
Es war kurz vor Weihnachten, als mich eine E-Mail von Ethiopian Airlines erreichte. Die Flugverbindung von Adis Abeba nach Athen sei aus dem Flugplan genommen worden. Damit sei auch mein Anschlussflug von Mombasa gestrichen. Den Hinflug nach Mombasa könne ich noch antreten, den Rückflug leider nur von Athen nach Frankfurt. War jetzt alles umsonst gewesen? Ich suchte nach alternativen Verbindungen, fand aber nur andere Routen oder Daten nach Hause. Für andere Daten checkte ich das Hotel. Das kostete aber inzwischen 150 Euro die Nacht. Also blieb nur eine andere Route. Das kann man nicht selber erledigen, sondern benötigt die Hotline. Zwei Stunden brauchten wir gemeinsam für eine Ersatzlösung über Rom, allerdings mit knapp 5 Stunden Aufenthalt vor Ort gegen vier Uhr morgens. Egal. Es war die einzige Alternative. Bis zum Check-in zwei Tage vor Abflug keine weiteren Horrormeldungen.
Der Check-in bei Ethiopian Airlines lief ins Leere. Bei Lufthansa war es nicht viel besser. Meine Buchung war bekannt. Es gab aber eine Fehlermeldung. Mit meiner Buchung sei etwas nicht in Ordnung. Wieder die Hotline. Die bestätigte, dass ein Check-in nicht durchgeführt werden könne. Ich solle das bei Abflug am Flughafenschalter klären. Die würden das Problem lösen. Nach einer schlaflosen Nacht stand ich dann am Schalter der Lufthansa, zeigte meinen Pass, und der Mitarbeiter fand auch meinen Flug. Allerdings nur bis Brüssel. Da solle ich dann zu Ethiopian gehen und das Problem lösen. Mein Gepäck könne er aber bis Mombasa abfertigen. Ich hatte einen ziemlich unruhigen Flug. Das lag aber nicht am Wetter oder am Flugzeug, sondern ausschließlich an mir. Was, wenn man mich am Gate stehen lässt, mein Koffer aber nach Mombasa weiter fliegt? Wie komme ich eventuell wieder zurück nach Frankfurt und wann? Im Airport von Brüssel begab ich mich sofort zum Abfluggate nach Wien und Adis Abeba. Mein Flieger war auch schon da.

Sonst allerdings niemand. Es waren aber auch noch zwei Stunden bis zum Abflug -.eine unglaublich lange Zeit, wenn man wartet. Endlich, dreißig Minuten vor Abflug erschienen am Ende des Terminals einige Mitarbeiter für die Abfertigung. Sie hatten es nicht eilig. Als sie ihren Schalter vorbereitet hatten, begannen sie umgehend mit dem Boarding. Für mich ohne Ticket war da gerade keine Zeit. Als dann doch ein Mitarbeiter auf mich zukam, hatte ich bereits alle Hoffnung aufgegeben. Er erklärte mir das Problem. Auf meinem Pass stünden drei Vornamen, Lufthansa habe ihnen aber nur einen übermittelt. Somit gäbe es eine Abweichung zwischen Passagierdaten und Pass. Ob man das jetzt berichtigen könne, nachdem man mich und meinen Pass gesehen hätte? wollte ich wissen. Theoretisch schon, aber da wäre noch ein anderes Problem – mein Gepäck. Das würde nämlich nicht eingeladen, wenn der Passagier nicht an Bord sei. Das müsse jetzt erst einmal geklärt werden, etwa zehn Minuten vor regulärem Abflug. Ich will die Geschichte jetzt nicht noch spannender machen, als sie ohnehin schon ist. Es wurde mit unglaublich lang anmutender Gelassenheit geklärt. Der Koffer war im Flieger. Ich bekam zwei Boarding-Pässe nach Adis Abeba und Mombasa und durfte als letzter das Flugzeug betreten.
Allerdings gab es erst noch einen geplanten Zwischenstopp in Wien. Es gab bereits ein Abendessen, das ich bestellte. Da es in Wien erst nach 22 Uhr weiter ging wollte ich den Weiterflug überwiegend zum Schlafen nutzen. Nach dem Start in Wien bereitete ich sofort, nachdem die Anschnallzeichen erloschen waren, mein Bett und schlief bis zum Morgengrauen, als mich der Sonnenaufgang kurz vor der Landung weckte.

Auf das Frühstück verzichtete ich. Das wollte ich im Airport nachholen. Der Flughafen von Adis Abeba ist für afrikanische Verhältnisse riesig und besonders. Es gibt praktisch nur eine Airline, die den Flughafen bedient, nämlich Ethiopian. Morgens um sieben Uhr kann man die komplette Flotte betrachten, denn alle Flugzeuge scheinen innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne zu landen, um sich danach gleich wieder in alle Himmelsrichtungen zu begeben. Als wir landeten, war der Flugplatz so voll, dass es wie ein Wunder wirkte, dass der Pilot noch eine Lücke fand zwischen all den gleich bemalten Flugzeugen. Ein Bus brachte uns zum Terminal, in das dem Anschein nach mehrere tausend Passagiere hineinströmten, um die Sicherheitskontrolle zu passieren. Zum Glück gab es aber für Statuskunden einen kleinen, unscheinbaren direkten Zugang zur Security, den ich fast übersehen hätte. Das sparte mindestens zwei Stunden, die ich bei einem ausgiebigen Frühstück in der Lounge nutzte. Von dort gönnte ich mir noch einen kurzen Blick auf die Stadt.

Der zweistündige Flug nach Mombasa war unspektakulär. Es gab noch einmal ein Frühstück, auf das ich verzichtete. Dafür genoss ich noch einmal einen kurzen Schlaf auf meinem Liegesitz.
Gleißende Sonne bei der Landung am einzigen Finger des Flughafens. Gottseidank blieb uns die Hitze draußen erst einmal erspart. Dachte ich. Aber kurz nachdem ich das Flugzeug verlassen hatte, musste ich über eine Treppe ins Freie und quer über den ganzen Flughafen zur Passkontrolle laufen. Dabei bemerkte ich, dass ich meine Kappe im Flugzeug liegen gelassen hatte. Die wollte ich aber auf keinen Fall holen. Denn ich war als Erster aus dem Flugzeug gestiegen, in dem insgesamt etwa zweihundertsiebzig Passagiere waren. Auf keinen Fall wollte ich als der Letzte in einer riesigen Schlange am Zoll verweilen. Meine Entscheidung erwies sich als richtig. Als ich an der Passkontrolle anlangte, war dort nur ein Beamter, der den Pass entgegennahm, ihn sorgfältig prüfte, Fingerabdrücke nahm und ein Foto machte. Was etwa fünf Minuten in Anspruch nahm. Ich war damit der erste am Gepäckband, das Gepäck natürlich noch nicht. Das war aber gut so. Daniela hatte mir schon Geschichten erzählt, die sich dort manchmal zutragen. Die Zöllner verdienen sich gerne ein Zubrot, indem sie mitgeführte Waren zunächst beschlagnahmen, sie dann aber für ein Trinkgeld wieder freigeben. Besonders beliebt sind Plastiktüten, deren Einfuhr nach Kenia nicht gestattet ist.
Ich hatte also ein wenig Zeit, mit dem einzigen Zollbeamten ein kleines Gespräch zu führen. Dass dies mein erster Besuch sei, wie mich das Wetter freue und dass alle hier so nett sind. Das half. Als ich meinen Koffer endlich fand, ging ich anstandslos und freundlich grüßend an ihm vorbei. Daniela fand mich gleich vor dem Terminal. Es war eine große Wiedersehensfreude. Nach einigen Umarmungen gingen wir zum Taxi. Das Abenteuer konnte beginnen.
Aber eigentlich hatte es das ja bereits seit fast einem Tag.
