
Daniela ist mit einem Taxi gekommen. Das bringt uns auch zunächst in mein Hotel. Aber es geht nicht gleich los. Wir warten und warten ohne Klimaanlage in der prallen Sonne. Normalerweise macht die Taxifahrten ein guter Bekannter von Daniela. Der hatte aber heute keine Zeit. So schickt er einen seiner Bekannten. Der aber hat wohl einen nicht offiziell registrierten Wagen. Am Ausgang des Flughafens wird gerade kontrolliert. Wir müssen warten, bis ein anderer Wagen inspiziert wird, um dann zügig an der Kontrolle vorbeizufahren. Das hat geklappt. Jetzt geht die einstündige Fahrt los. Auf dem Weg zum Hotel erzählt mir Daniela, was in der Zwischenzeit in ihrem Paradies so alles passiert ist. Das kommt später noch im Detail. Im Augenblick versuche ich, die neuen Eindrücke in einem unbekannten Land einzuordnen. Zunächst geht es in Richtung Mombasa, das auf einer Insel liegt. Hinter der ersten Brücke liegt auf der linken Seite ein riesiger Slum. Den werden wir noch besuchen, verspricht Daniela mir. Als wir Mombasa verlassen haben, befinden wir uns auf einer riesigen Baustelle. Hier wird eine neue Autobahn mithilfe ausländischer Investoren gebaut. Alle großen Industrienationen bemühen sich um Infrastrukturprojekte, allen voran die Chinesen und Russen. Aber auch Deutschland ist inzwischen dabei. Die Landstraße daneben, auf der wir uns fortbewegen, ist holprig und staubig. Sie besteht aus riesigen Löchern, die die Regengüsse ausgespült haben. Trucks, Taxen, PKWs, aber vor allem Kleinbusse, Tuk-Tuks und Kleinmotorräder teilen sich die Straße, auf der es keine Fahrspuren gibt. Jeder fährt dort, wo gerade Platz ist. Auch ganz rechts bei entgegenkommenden Linksverkehr. Auch über die Randstreifen. Jeder kennt hier jedes Loch und weicht rechtzeitig aus. Nur Eingeweihte können das richtig einschätzen. Ich habe während meines gesamten Aufenthaltes keinen einzigen schweren Unfall gesehen. Aber natürlich gibt es die regelmäßig. Die Bauarbeiten wirbeln den Dreck über die komplette Fahrbahn und in die umliegenden Häuser. Riesige Betonsäulen ragen aus dem Staub. Die tragen die späteren Abfahrten, welche mitten durch die Wohngebiete gelegt werden.
Öffentlicher Personennahverkehr findet nicht statt. Wer unterwegs sein muss, stellt sich an den Straßenrand und wird von vorüberfahrenden Kleinbussen oder Tuk-Tuks gegen kleines Entgelt mitgenommen. Nach etwa einer Stunde biegen wir nach der zweiten geplanten Autobahnabfahrt auf eine kleine Straße ab, die zum Strand führt. Hier gibt es eine Handvoll Hotels, deren Areal bewacht und umzäunt ist. Bei der dritten Einfahrt biegen wir ein und halten an der Torkontrolle. Es ist wie am ehemaligen DDR-Grenzübergang. Das Auto wird untersucht, der Kofferraum inspiziert, der Wagen mit einem Spiegel von unten kontrolliert. Nachdem mein Name auf einer Liste abgehakt wurde, dürfen wir zur Rezeption durchfahren. Der Weg dorthin ist absolut sauber und das krasse Gegenteil zur vorherigen Fahrt. Der Rasen ist grün, die einzelnen Häuser der Hotelanlage weiß und gepflegt. Überall dienstbare Geister, die gießen, Beete säubern und und den Boden reinigen.
Wir sind etwas zu früh, die Zimmer noch nicht fertig. Also machen wir, was ich immer mache, wenn ich ans Meer fahre. Ich muss meine Füße in den Sand stecken. Ich muss das Wasser riechen und die Temperatur prüfen. Ich muss den Wind spüren. Ich muss an den Horizont schauen. Jetzt bin ich angekommen. Auf das Wasser muss ich allerdings noch verzichten. Es ist Ebbe. Da wird es bis zum Abend dauern, bis ich ein erstes Bad im Indischen Ozean nehmen kann..

Mittlerweile ist auch mein Zimmer hergerichtet. Ich nehme eine ausgiebige Dusche und ziehe mich um. Nur ein kurzer Blick ins Zimmer. Es gibt ein großes Moskitonetz über dem Bett, die Fenster sind geschlossen, die Klimaanlage läuft. Ich sprühe noch meine Kleidung ein und trage erst Sonnencreme und dann Moskitoschutz auf meine Haut auf. Jetzt bin ich rundum geschützt. Nur die fehlende Schirmkappe muss schnell ersetzt werden. Jetzt kann es losgehen. Bis zum Paradies sind es nur noch dreißig Minuten.
Es ist wieder die gleiche staubige Straße. Aber sobald wir abbiegen: große Felder, kleine Ansiedlungen von Hütten, ruckelige Feldwege. Nachdem wir ein letztes Mal abgebogen sind, stehen wir vor der Eisentür zum Paradies. Unsere Ankunft ist nicht unentdeckt geblieben. hinter der Tür aufgeregtes Hundegebell.
Nachdem geöffnet wurde, begrüßt mich eine Meute von dreizehn Hunden unterschiedlicher Größe, Farbe und Rasse. Sehr freundlich, aber wer kann das bei dieser Wuselei feststellen, wenn er Hunde nicht so gut kennt, wie ich.
Dann erscheint die komplette Crew, die das Paradies instand hält. Insgesamt sind es vierzehn Personen, denen Daniela damit ein stetiges Einkommen bietet. Es ist nicht viel, aber landesüblich für umgelernte Hilfskräfte. Die Frauen kümmern sich um das Gelände, erledigen die Hausarbeiten, kochen für Mensch und Tier und gehen täglich mit den Hunden spazieren. Die Männer kümmern sich um die großen Tiere, sind für die Motorräder und das Tuk-Tuk zuständig und erledigen Reparaturen und Umbauten. Und dann sind da noch eine alte Frau und ein alter Mann, denen Daniela hier Unterkunft gewährt. Ihre Familien kümmern sich nicht um sie. Alle, die heute Dienst haben, kommen freudig auf mich zu. Sie haben mich schon erwartet. Daniela hat ihnen erklärt, wer ich bin und was mich mit Ihrem Projekt verbindet.
So langsam merke ich die Anstrengung der langen Reise. Also versuche ich der Hitze zu entfliehen und setze mich in den Schatten. Sofort werde ich mit einer herrlichen frischen Mango versorgt, die meinen Durst stillt. Ich schmecke den Unterschied zu den bei uns importierten angeblich reifen Früchten. Diese kommt direkt vom Baum aus der Umgebung und schmeckt unbegreiflich gut. Mangos werden mich während meines gesamten Aufenthaltes in Kenia begleiten. Ich werde regelrecht süchtig nach ihnen.
Daniela war den ganzen Tag unterwegs und hat einiges zu regeln. Wenn ich weiter hier rumdöse, fallen mir bestimmt gleich die Augen zu. Das will ich unbedingt vermeiden, damit ich die Nacht durchschlafen kann. Da bin ich froh, dass Samson, der alte Herr, mich einlädt, mit ihm das Paradies zu erkunden. Er spricht zwar kein English, aber wir verstehen uns bestens. An den Ställen vorbei führt mich Samson zu den großen Tieren: Esel und Kühe. Sie werden hier nicht als Nutztiere gehalten. Vielmehr ging es allen schlecht, bevor sie ins Paradies kamen. Daniela hat sie wieder hochgepäppelt, ärztlich versorgt und ihnen einen Platz zum Leben gegeben. Einige Tiere sind blind, aber alle kommen mir freundlich entgegen. Jetzt ist es Zeit für sie zum Weidegang. Einige der Männer führen sie auf eine nahe gelegene Wiese. Die Regenzeit endete erst vor kurzem. So gibt es noch genügend Futter. Samson zeigt mir noch die kleine Bananenplantage. Es ist eine Sorte, die ich noch nicht kenne. Sie bleiben grün, sind aber keine Kochbananen. Erst vor kurzem gab es eine große Ernte, die an Bedürftige verteilt wurde. Jetzt dauert es noch eine Weile, bis wieder Früchte reif werden. Leider bis nach meiner Abreise.

Auf dem Rückweg kommen uns die Hunde vom Spaziergang entgegen. Wieder ist es ein großes Hallo! Inzwischen ist die Dunkelheit eingebrochen. Es wird Zeit, dass ich in mein Hotel zurückkehre. Abendessen gibt es von 19 bis 21 Uhr. Und zwar pünktlich, denn die überwiegende Zahl der Gäste kommt aus Deutschland. Mein Taxifahrer bringt mich bis vor das Hotel. Ich steige dort aus, um die nervige Sicherheitskontrolle zu umgehen. Er wird mich am nächsten Tag am gleichen Platz um 10 Uhr abholen. Da ich kein passendes Geld habe, bezahle ich auch gleich die morgige Fahrt.
Mit dem Baden wird es heute nichts mehr. Es ist dunkel, das Meer reicht bis an die Hotelmauer. Kein Mensch weit und breit. Das hebe ich mir für morgen auf und gehe schnurstracks zum Abendessen. Es ist eine wirkliche Überraschung. Eigentlich bin ich im Urlaub nicht der Buffet-Typ. Aber erstens bin ich nicht im Urlaub und zweitens sind die Auswahl und Qualität überragend. Ich gönne mir vier Gänge mit Fischsuppe, Vorspeisen, rosafarbenem Rinderfilet und – natürlich Mangos und Passionsfrucht zum Nachtisch. Dazu einen passablen Rotwein aus Kenia. Danach falle ich todmüde in mein traumhaftes Bett, schließe das Moskitonetz und schlafe durch bis zum nächsten Morgen.

