
Nach einem ausgiebigen tiefen Schlaf wird es Zeit für das Frühstück. Nach der Dusche noch ein kurzer Blick in den Garten. Ich muss ins Restaurant, denn um 10 Uhr holt mich mein Fahrer ab. Bis dahin will ich noch den Meerblick und das Buffet genießen. Beides ist großartig. Es gibt frische Säfte aus exotischen Früchten, meine geliebten Mangos und an verschiedenen Stationen frisch zubereitete Speisen. Danach noch ein kurzer Spaziergang am Strand, zum Schwimmen reicht die Zeit nicht mehr. Im Hotelzimmer liegt eine Nachricht, dass heute ein Großkampftag gegen die Mücken geplant ist. In Sträuchern und Büschen wird gesprüht, von einem Nickerchen auf dem Rasen wird dringend abgeraten. Als ich zum Eingangstor unterwegs bin, sehe ich schon die Männer mit ihren Geräten und ohne Mundschutz.
Mein Fahrer sollte um 10 Uhr erscheinen, tut es aber nicht. Ok, denke ich so bei mir. Die Vorauszahlung war ein schwerer Fehler. Aber es hält wenig später ein anderes Taxi mit einem Fahrer, den ich nicht kenne. Ob ich zu Daniela wolle? fragt er mich. Das stimmt zwar, aber ganz wohl ist mir bei der Sache nicht. Was soll ich machen? Warten oder mitfahren? Ich entschließe mich für die Fahrt und lande sicher nach dreißig Minuten vor dem Paradies. Geld will er keines. Na ja, denke ich, die Fahrt wurde gestern bezahlt. Wieder werde ich von der Hundemeute freudig begrüßt. Bis auf einen kleinen strubbeligen Terrier, der mich wütend ankläfft. Ich glaube, ihm gefällt meine Kappe nicht, die ich gestern noch nicht hatte.
Heute ist ein großes Programm vorbereitet. Wir wollen einige der Schulen besuchen, in die Daniela ihre Kinder schickt. Dazu benutzen wir zwei Motorräder, weil die einzelnen Schulen weit auseinander liegen. Auf Helme wird verzichtet, da es nur über Feldwege geht und die lokalen Schutzhelme nichts taugen. „So ein billiger Mist aus China, den die nur in Afrika verkaufen können“. Daniela weist mir ihren sichersten Fahrer zu. Was soll da schiefgehen?
Der erste Besuch gilt einer Primary School. Heute erlebe ich zum ersten Mal, dass man in Afrika viel Zeit einplanen muss, wenn man Geschäfte irgendwelcher Art zu erledigen hat. Besonders bei Behörden. Da werden zunächst die Schultage aus einem Kalender herausgesucht und mit dem Tagespreis für das Essen multipliziert. Jetzt müssen die Akten der einzelnen Kinder gefunden werden, Dabei wird festgestellt, dass einige Kinder an wenigen Tagen wegen Krankheit gefehlt haben. Das wird entsprechend berichtigt. Die dann ermittelten Summen werden in der Akte vermerkt, ein Gesamtbetrag ermittelt, Quittungen ausgestellt, Geld entgegengenommen und Wechselgeld herausgegeben. Dazwischen wird noch Tee getrunken, sich nach dem Lernerfolg erkundet, dies und das besprochen.

Da alles händisch erfolgt, habe ich genügend Zeit, um mich auf dem Schulgelände umzuschauen. In allen Räumen wird unterrichtet. Die Klassen sind überschaubar groß. Alle Kinder tragen eine Schuluniform. Es sieht so aus, als ob sowohl Lehrer als auch Schüler Spaß am Unterricht haben. Ein Teil des Unterrichtsstoffes ist an verschiedene Außenwände gemalt. Dies hier ist eine Tagesschule. Der Unterricht geht von morgens in der Frühe bis abends um fünf, unterbrochen durch das gemeinsame Mittagessen. Das ist oft die einzige Mahlzeit für die Kinder. Abends gehen die Kleinen noch einen oft langen Weg nach Hause und machen dort ihre Schulaufgaben.
Während Diana ihre Aufgaben erledigt, mache ich ein paar Fotos auf dem Schulgelände.




Nach etwa einer Stunde kann es weitergehen. Daniela hat auf dem Weg eine Baumschule gesehen, die sie schon immer einmal besuchen wollte. Jetzt bietet sich die Gelegenheit. Also ein kleiner Abstecher vor der nächsten Schule. Der Eingang der Baumschule ist verschlossen Das habe ich bereits ein paar Mal gesehen. Wer einen kleinen Besitz hat, der muss ihn offensichtlich gut schützen. Ein junger Mann öffnet die Tür, sieht uns etwas verwundert an. Um diese Zeit hat er offensichtlich keinen Besuch erwartet. Aber er führt uns gerne herum, erklärt die verschiedenen Pflanzen, weist auf Besonderheiten hin. Sagt, wo sie gut gedeihen. Zum Schluss klärt er uns noch auf, wie man Orangenbäume vor Pilzbefall schützt. Dazu pfropft man sie auf einen kleinen Zitronenschössling, der den Pilzen widersteht. Damit wir das auch verstehen, zeigt er es uns gleich an Ort und Stelle. Kaufen will Daniela heute nichts. Aber sie verspricht, mit dem Tuk-Tuk wiederzukommen. Heute gab es keinen Umsatz, aber ein kleines Trinkgeld als Belohnung ist schon drin.

Inzwischen ist es Mittag geworden. Also höchste Zeit, zur nächsten Schule aufzubrechen, der S. T Paddy Rise Junior Acadamy. Als wir ankommen, sind die Kinder beim Mittagessen, das in den Klassenräumen eingenommen wird. Jeder erhält eine Schüssel, wohl überwiegend mit Gemüse und Reis, aus der mit den Händen gegessen wird. Der Lehrer Victor, ein junger Mann, begrüßt uns am Eingang und führt uns durch das Gebäude. Überall werde ich freundlich empfangen. Als ich ein Kind mit Take-Five begrüße, wollen das alle machen. Das dauert eine Weile. Victor erzählt uns, wie motiviert Kinder und Lehrer zusammen arbeiten. Ihm kann man die Begeisterung förmlich ansehen. Er erklärt uns, wie es in den staatlichen Schulen zugeht. Die sind zwar kostenlos. dennoch müssen auch dort die Schuluniform, das Essen und das Lernmaterial bezahlt werden. Das können sich viele Eltern nicht leisten. Während an seiner Schule nur etwa zwanzig Schüler in einer Klasse unterrichtet werden, sind es an den staatlichen Schulen oft hundert und mehr. Da lernen nur die ersten beiden Reihen etwas. Hier, sagt er, können wir uns individuell um jeden einzelnen Schüler kümmern und ihn auch entsprechend weiter entwickeln.

Nach dem Mittagessen treffen wir Danielas Schützlinge. Trotz der guten Bedingungen an der Schule haben sie etwas zu bemängeln. Das wollen Sie mit der Schulleiterin im Beisein von Daniela besprechen. Der Lehrer bleibt außen vor. Wir lassen also die Gruppe allein. Ob er sich nicht zurückgesetzt fühlt, weil er nicht dabei ist, frage ich ihn. Er bestreitet das vehement. Wenn es an der Schule etwas zu verbessern gibt oder wenn Schüler sich ungerecht behandelt fühlen, dann muss das ohne Angst ausgesprochen werden. Das Ziel der Schule ist es, jeden einzelnen so gut wie möglich zu fördern. Wenn er als Lehrer persönlich dazu etwas beitragen kann, wird er davon erfahren und es auch umsetzen. Einen solchen Lehrer hätte ich mir als Kind gewünscht.
Bevor wir zur nächsten Schule aufbrechen, gönnen wir uns eine kleine Ruhepause am Wasser. Daniela kennt eine hübschen Fleck, Moorings Restaurant, in dem wir Erfrischungen zu uns nehmen. Die kleine Pause im Schatten ist dringend notwendig, da es inzwischen wieder um die 35 Grad sind. Daran habe ich mich noch nicht gewöhnt. Gottseidank weiß ich noch nicht, was als nächstes auf mich zukommt.

Es ist noch ein gutes Stück bis zur nächsten Station, nämlich der Sajnad Special School. Daniela hat dort zwei ihrer Schützlinge untergebracht. Die Schule ist das private Hilfsprojekt eines indisch-stämmigen Bauunternehmers. Der Name seiner Firma „Mombasa Cement“ prangt an vielen öffentlichen Gebäuden der Stadt. Sieben Jahre konnten Familien ihre bedürftigen Kinder hier kostenlos unterbringen. Dort entgingen sie dem Schicksal, ausgestoßen zu werden. Jetzt wird auch dort eine Gebühr erhoben. Was dazu führt, dass mehr behinderte Kinder auf der Straße landen.
Wir halten vor einem riesigen Gelände mit hohen Mauern. Es macht den Eindruck einer Festung. An der eisernen Pforte warten wir, bis wir eingelassen werden. Der erste Eindruck ist erschreckend. Das gesamte Gelände ist zubetoniert, alle Bäume wurden entfernt. Im Schatten wären es jetzt 35 Grad, aber in der prallen Sonne auf dem Zementboden? Die meisten Kinder laufen barfuß ziellos durch die Gegend, viele von ihnen dürftig oder gar nicht bekleidet. Manche sind blind oder taub, körperlich versehrt, kleinwüchsig oder geistig behindert. Die Menge der Kinder ist unüberschaubar. Es sieht so aus, als ob niemand sich um sie kümmert. Wer krank ist oder müde, liegt zusammen mit vielen anderen Kindern in einem kleinen Zimmer, in das ich mich nicht traue hineinzugehen. Der Geruch ist streng, die Hygiene vernachlässigbar.
Als die Kinder uns sehen, kommen sie auf uns zu, klammern sich an unseren Händen fest und wollen uns nicht mehr loslassen. Danielas Schützling erkennt sie von Weitem, rennt auf sie zu, fällt rückwärts auf den Zement und schlägt auf den Hinterkopf. Wir suchen nach einer Sanitätsstelle, die den Jungen notdürftig versorgt. Ohne uns wäre er für eine Weile auf dem Zementboden in der prallen Sonne liegengeblieben.
Mich hat ein wirklich kleiner junger Mann entdeckt. Der strahlt mich an, nimmt meine Hand und folgt mir überall hin. Er kann nicht sprechen, aber er kommuniziert mit mir. Zeigt mir das komplette Areal und weicht nicht von meiner Seite. Eine Weile später stellt er mich seiner Freundin vor, die noch kleiner ist als er.

Ich werde von Minute zu Minute deprimierter, weil ich mir nicht vorstellen will, dass es einen so schrecklichen Ort geben kann. Es ist kein Trost, zu hören, dass es den Kindern sonst noch viel schlechter gehen würde. Die meisten Eltern könnten es sich finanziell nicht leisten, sich um sie zu kümmern. Die Kinder würden dann unweigerlich auf der Straße landen. Daniela hatte inzwischen ihre Aufgaben erledigt. So wurde es Zeit, diesen Ort zu verlassen. Dass es noch schlimmer werden könnte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Es wurde Zeit, ins Paradies zurückzukehren. Es war noch etwas Wichtiges mit allen Team-Mitgliedern zu besprechen. Ich hatte eigentlich vor, alle Mitarbeiter zu einem ein Picknick am Strand einzuladen. Das scheiterte aber an Organisation und Logistik. Es ist unmöglich, das Paradies komplett alleine zu lassen. Im Tagesablauf sind so viele Dinge zu erledigen. Außerdem war schier unmöglich, alle Menschen, den Grill, die Getränke und Lebensmittel an den Strand zu bringen. Daniela schlug ein gemeinsames Mittagessen im Paradies vor. Die Mitarbeiter sollten über ein Lieblingsgericht abstimmen, die Frauen würden es zubereiten, die Männer die Zutaten einkaufen. Also musste am Abend erst einmal über das Gericht abgestimmt werden. Da gab es zunächst unterschiedliche Meinungen, aber nach ausgiebiger Beratschlagung fand man die Lösung: Pilau. Was das sein sollte, würde ich am nächsten Tag erfahren.
Dienstags ist Zahltag im Paradies. Jeder bekommt für seine Arbeitstage während einer Woche den Lohn. Früher wurde monatlich gezahlt. Aber damit konnten die meisten nicht umgehen. In der Monatsmitte war das Geld ausgegeben. Dann bat man um einen Vorschuss, der dann verrechnet wurde. Jetzt gibt es wöchentlich Geld, aber das Problem ist geblieben. Viele erwischt eine ungeplante Ausgabe. Ein Familienmitglied wird krank, das Motorrad muss repariert werden oder oder oder. Also wird nach wie vor der verdiente Lohn mit den Vorschüssen verrechnet. Die sind manchmal so hoch, dass sie über Monate abgetragen werden. Daniela führt Buch, wie hier üblich mit Bleistift und Kladde. Darin sind die Arbeitstage und die Kredite eines Jeden vermerkt. Der Auszahlungsbetrag wird vom Mitarbeiter quittiert. Alles geschieht etwas abseits. keiner soll vom anderen wissen, wie hoch er bei Daniela verschuldet ist.

Als das alles erledigt war, bat ich Daniela, mich zum Abendessen im Hotel zu begleiten. Ich wollte nach diesem Tag den Abend nicht alleine verbringen.
