Besuch im Paradies – Tag 4

Der heutige Tag ist wieder voll gepackt mit Begegnungen und Ereignissen. Wir nutzen die Motorbikes, um die weit entfernten Orte aufzusuchen. Zunächst geht es in die Buchhandlung in Mombasa. Daniela muss noch einige Schulbücher für ihre Zöglinge der Boardingschool besorgen. Die Eltern haben nicht genug Geld für die Bücher, die in etwa dasselbe kosten wie in Deutschland, also durchaus ein halbes Monatsgehalt. Sie sind damit unerschwinglich. Daniela kann durch ihre Patenschaften diese Kosten abdecken.

Was sich wie ein schneller Einkauf anhört, entwickelt sich zu einem langatmigen Geschäft, das beinahe den kompletten Zeitplan durcheinander wirft. Daniela ist allerdings darauf vorbereitet. Heute geht es nur um ein paar Bücher. Zu Beginn eines Trimesters braucht sie für alle 40 Kinder Bücher und Hefte und steht zusammen mit hunderten Kunden in einer langen Schlange vor dem Buchladen.

Heute geht es nur um acht Bücher. Daniela ist hier wohlbekannt und wird freundlich begrüßt. Sie überreicht dem Verkäufer ihren Einkaufszettel. Der wandert damit durch den Laden und versucht, die gewünschten Titel zu finden. Das dauert erheblich länger als vermutet. Nach welchem System bei der Suche vorgegangen wird, ist nicht erkennbar. Wahrscheinlich nach gar keinem. Endlich hat er alle Bücher gefunden. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Denn in keinem der Bücher steht ein Preis. Den entnimmt der Verkäufer einer ellenlangen Liste und vermerkt ihn auf einem abgerissenen Stück Papier mit dem Rest eines Bleistiftes, der dringend angespitzt werden müsste. Danach werden die acht Zahlen addiert und kontrollier. Der Verkäufer nennt den Preis. Daniela ist geschockt. Das übersteigt ihr Budget bei weitem. Also muss entschieden werden, auf welche Bücher ihre Schüler verzichten werden. Daniela zeigt auf die zwei teuersten Exemplare: den Atlas und die Bibel. Jetzt gehen Rechnerei und Kontrolle von vorne los. Der Endpreis ist in Ordnung. Aber bevor das Geschäft zustande kommt, muss ein Vorgesetzter alles überprüfen. Er kontrolliert die Einzelpreise anhand der Liste und addiert die Beträge. Zum Glück ist alles in Ordnung. Jetzt nimmt der Verkäufer das Geld entgegen und bringt es dem Inhaber. Einem Inder, der den Laden bereits von seinen Vorfahren übernommen hat. Der sitzt hinter der Theke auf einem erhöhten Schiedsrichterstuhl, wie er beim Tennis Verwendung findet. Von dort beobachtet er den ganzen Laden und achtet darauf, dass weder Kunden noch Angestellte etwas entwenden. Auch er vertieft sich noch einmal in die Addition. Den Einzelpreisen vertraut er, denn die hat sein Sohn bereits kontrolliert. Jetzt steckt er die Scheine in seine prall gefüllte Brieftasche und übergibt das Wechselgeld dem Verkäufer, der es an uns weiterreicht. Außer dem abgerissenen Stück Papier gibt es sonst keine Dokumente. Für einen Menschen aus Europa ist völlig unerklärlich, wie in einem so großen Geschäft Finanzbuchhaltung, Steuerklärung oder Warenwirtschaft ohne den Einsatz eines Computers funktionieren können. Aber das geht hier schon so seit fast hundert Jahren.

Eigentlich könnten wir jetzt zu unserem Ziel aufbrechen. Aber da ist noch etwas, was wir unbedingt erledigen müssen. Wir erwischen den Ladeninhaber bei bester Laune und unterbreiten einen Vorschlag. Daniela schickt beim nächsten Großeinkauf eine Liste der benötigten Bücher vorab mit SMS und der Inhaber ruft an, wenn alles zur Abholung bereit steht. Denn sonst ist das für alle Beteiligten ein Ganztagesjob. Der Inder nickt sehr freundlich zur Bestätigung. Einen so guten Kunden wie Daniela, die hunderte von Büchern im Jahr kauft, möchte er keinesfalls verlieren.

Auf dem Weg zur Highschool werden wir die Empfänger der Bücher treffen. Aber vorher schauen wir uns noch die Hauptsehenswürdigkeit von Mombasa an. Es ist das Elefantentor. Jeder Tourist hat es bereits fotografiert. Wir machen das heute recht ausgiebig.

Und schießen auch noch ein Erinnerungsfoto mit uns.

In der Highschool ist Mittagspause, als wir dort ankommen. Danielas Zöglinge Cula, Bernard und Chango begrüßen uns herzlich und freuen sich über die Bücher, die sie dringend für den Unterricht benötigen. Sie werden in diesem oder dem nächsten Jahr die Schule beenden und würden gerne das College besuchen. Mr. George, ihr Lehrer, bestätigt, dass sie in der Schule gute Fortschritte machen. Zunächst wird man die Ergebnisse ihrer Abschlussarbeiten abwarten. Aber Daniela muss die Erwartungen der Jungen dämpfen. Die Schulgebühren am College sind so teuer, dass Daniela den Aufenthalt nicht alleine aus ihren Spenden bewerkstelligen kann. Wahrscheinlich müssen die Jungen zunächst einmal eine Arbeit für ein paar Jahre annehmen, um einen Zuschuss zu den Kosten zu erwirtschaften. Man wird sehen. Noch sind die Prüfungen zu meistern. Es wird schon wieder Zeit, Abschied zu nehmen. Ein weiterer Programmpunkt ganz in der Nähe wartet auf uns.

Es geht weiter zum Altersheim Nyumba Ya Wazee. Wir werden dort von Amos empfangen, der den alten Leuten jeden Morgen ein Frühstück anbietet, für das Daniela die Kosten übernimmt. Denn das Altersheim selbst stellt nur ein Abendessen zur Verfügung. Außerdem erhalten die Alten heute von Daniela ein paar Geschenke, die sie für ihr tägliches Leben benötigen. Das sind Zahnpasta, Seife, Wasserflaschen , Kekse und ein paar andere nützliche Dinge. Das Altersheim ist eine staatliche Institution, das den alten Menschen eine notdürftige Unterkunft und ein Essen am Tag zur Verfügung stellt. Es gibt dort keine Pfleger oder Ärzte. Wäre dort nicht Amos, der, unterstützt von Daniela, dort den Alten hilft, wären sie komplett auf sich alleine gestellt. Alle wurden sie von ihren Familien hier hergebracht, damit sie ihnen nicht weiter zur Last fallen.

Wir haben nicht viel Zeit und müssen schon wieder weiter. George wartet auf uns. Er leitet die Tudor Sep Foundation und betreut die Einwohner des Moroto Slums im Stadtgebiet von Mombasa. Ohne ihn, den dort jeder kennt, wäre es wahrscheinlich zu riskant, sich durch die engen Gassen zu bewegen.

George gibt uns eine kurze Einweisung und bereitet uns auf unsere Erkundungstour vor. Aber es hilft nicht wirklich. Was wir nun zu sehen bekommen, ist eine unübersehbare Ansammlung von zusammengezimmerten Wellblechhütten, in denen tausende von Menschen hausen. Es gibt keine Wasserversorgung, ganz wenige Gemeinschaftstoiletten und Berge von Unrat. Der Slum liegt an einem Abhang. Während der Regenzeit wird der gesamte Müll Mombasas den Hang heruntergespült und bleibt dort liegen, wo ein Hindernis im Weg steht. Eigentlich ist die Aussicht idyllisch. Der Slum liegt in der Nähe des Flusses. Aber zwischen dem Fluss und dem Slum liegt ein zugemüllter Mangrovenwald, ein idealer Brutplatz für Moskitos, die das tödliche Malaria verbreiten. Jetzt, in der prallen Mittagshitze, merkt man nichts davon. Wenn aber am Abend die Lichter angehen, schwirren sie überall herum. Die Menschen sehen krank und gebrechlich aus, die Kinder ausgehungert. Es gibt wenig Unterstützung. Georges kann in diesem unüberschaubar großen Gebiet mit den vielen Menschen trotz großzügiger Spenden nicht viel bewirken. Dennoch wird seine Hilfe gerne angenommen.

Es macht einen wütend, dass es in diesem großen Elend dennoch einen Profiteur gibt. Es ist der Eigentümer dieses riesigen Areals, der die Blechhütten zu horrenden Preisen an die Bewohner vermietet. Dreitausend oder sogar fünftausend Schilling sind für die meisten Anwohner unbezahlbar. Ungelernte Arbeiter verdienen vielleicht soviel Geld im Monat, wenn sie denn Arbeit haben. Aber die meisten Männer stehen morgens am Straßenrand und warten auf Jemanden, der ihnen Arbeit unter Mindestlohn anbietet. Da müssen sie dann mit all den anderen um einen Sitzplatz im LKW kämpfen. Da das Geld nie reicht, müssen auch die Kinder arbeiten, häufig als Prostituierte. AIDS und andere Geschlechtskrankheiten grassieren. Trotz der kostenlosen Abgabe von Medikamenten sterben viele Menschen an den Folgen der Krankheit. Ich habe nur sehr wenige Fotos gemacht und darauf geachtet, dass Betroffene nicht abgelichtet wurden. Insofern ist das gesamte Elend nur halbwegs erkennbar.

George versucht, das Übel an der Wurzel zu bekämpfen. Er macht Frauen und Kinder mit dem Thema Familienplanung vertraut und verteilt Kondome oder klärt über Verhütungsmethoden auf. Er zeigt auf, dass Schulbildung der einzige Weg zum selbst bestimmten Leben ist. Dazu hat er eine einfach verständliche Broschüre erstellt, die er aber in den Schulen nicht verteilen darf. Regierung und Kirche arbeiten Hand in Hand und erklären, seine Schrift sei jugendgefährdend. Tatsächlich aber haben schon sehr junge Menschen Erfahrungen mit den Themen Sex und Gewalt.

Nach unserer zweistündigen Tour bedanken wir uns bei George, der uns diesen Einblick in die düsterste Seite des Landes ermöglicht hat.

Es ist genug für heute. Da möchte ich am Abend mit meinen Gedanken nicht alleine sein. Also verabrede ich mich mit Daniela zum Abendessen im Hotel. Es gibt ein üppiges Buffet und eine Nightshow mit afrikanischen Akrobaten. Gegensätzlicher kann ein Tag nicht ausklingen in einem Land voller sozialerSpannungen.

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