Fennpfuhl – nichts los hier

Es ist kein Wunder, dass hier nichts los ist. Fennpfuhl existierte praktisch bis in die frühen 60er Jahre überhaupt nicht. Hier gab es einige vereinzelte Häuser und ein paar Schrebergärten. Das Land war eine einzige Sumpflandschaft, eigentlich unbebaubar.

Fennpfuhl wurde zum Experimentierfeld für den neuen sozialistischen Wohnungsbau auserkoren. Nach dem aufwändigen Prestigeprojekt „Stalinallee“ war Geld für den Wohnungsbau kaum noch vorhanden, Wohnraum aber nach wie vor sehr knapp. Man entschloss sich, völlig neue Wege zu gehen und möglichst viele Menschen auf wenig Raum unterzubringen. Vorgefertigte Betonteile sollten die Lösung für eine neue Ar des Bauens werden. Was man hier erprobte, sollte später zum Maßstab für Großprojekte in Marzahn und Hellersdorf werden. Fennpfuhl sollte auf einer Fläche von nur etwa zwei Quadratkilometern mehr als dreißigtausend Menschen beherbergen. Dazu wurden zunächst die Schrebergärten enteignet. Die Pläne für verschiedene Bautypen waren bereits genehmigt. Es gab Wohnblocks mit fünf oder sechs Stockwerken, die später in ganz Berlin gebauten Punkthäuser, (schmale Hochhäuser mit 17 Stockwerken),sowie Massenunterkünfte, die mit mehr als 20 Stockwerken geplant waren. Das ehemalige Sumpfgebiet sollte zu einem Naherholungsgebiet mit zwei Seen ausgebaut werden. Die Versorgung der Bewohner sollte durch ein zentrales Einkaufszentrum sichergestellt werden. Außen vor blieben kulturelle Einrichtungen, wie Kinos, Theater, Sportstätten oder die bei den Berlinern so beliebten Eckkneipen. Der Staat ging wohl davon aus, dass seine Arbeiter nach dem schweren Tagewerk nur noch essen und schlafen wollten.

Mit den ersten, noch relativ flachen Bauten lief alles prächtig. Sie konnten dank der vorgefertigten Elemente schnell errichtet werden. Als man mit den Hochhäusern begann, gab es erste Schwierigkeiten. Edith B. berichtete mir, dass ein erster Versuch bereits nach der Fertigstellung der ersten drei Stockwerke wortwörtlich in sich zusammenbrach. Schuld daran war die mangelnde Festigkeit des Betons. Funktionäre, die das Desaster erlebten, sahen darin die Verschwendung von Volkseigentum und brauchten für die Bestrafung den Namen einer Person.

Edith gelang es mithilfe der Akademie der Wissenschaften, dass diese in einer Versuchsreihe bestimmen konnte, welche Qualität die Betonplatten der unteren Stockwerke haben mussten, damit dieses Unglück nicht wieder passierte. Sie beschreibt das Vorgehen so: Eine schwere Eisenkugel wurde aus großer Höhe auf die Betonplatten geworfen. Zerbarsten diese, so wurde eine neue Formel für die Zementmischung erfunden und solange weiter geprobt, bis diese der Belastung standhielt.

Es gab noch ein zweites ungelöstes Problem. Berlin bestand vor dem Krieg überwiegend aus maximal fünfstöckigen Gebäuden. Es gab keine Hochhäuser, schon gar nicht im Osten der Stadt. In der DDR gab es keine Erfahrungen, wie man einen Personenaufzug auf etwa fünfzig Meter Höhe bewegt. Die Lösung wäre einfach gewesen, wenn man in Westberlin nachgefragt hätte. Diese Blöße ließ die Partei aber nicht zu. Denn es konnte nicht sein, dass der ruhmreiche Bauern-und Arbeiterstaat nicht über ausreichendes Wissen für eine solche Lappalie selbst verfügte. Also musste der Kollege von Edith selbst durch weitere Experimente eine Lösung finden, was den Bau noch einmal erheblich verzögerte.

Alles kam aber letztendlich zu einem guten Ende. Der erste Prototyp einer Plattenbausiedlung wurde fertiggestellt. Er lag nur etwas außerhalb der Innenstadt, auf der anderen Seite des S-Bahnringes. Wohnen konnte man dort preiswert, leben aber nur eingeschränkt. Dieses Modell hat sich dann schnell in die weit entfernten Neubaugebiete Hellersdorf und Marzahn und in alle größeren Städte der DDR ausgebreitet.. Aber während die Leute am Stadtrand von Berlin fast eine Stunde unterwegs sind, um die Freuden des Stadtlebens genießen zu können, haben es die Menschen in Fennpfuhl deutlich besser. Sie müssen, besonders nach der Wende, nur unter der S-Bahn hindurchgehen und sind mitten im Nachtleben, von Friedrichshain-Kreuzberg oder Mitte. Auch das ehemalige Sumpfgebiet ist inzwischen ein ansehnlicher Park mit hohem Baumbestand geworden -ein beliebtes Naherholungsgebiet für Familien, Jogger und Hundebesitzer. Zu allem Überfluss hat man die tristen Plattenbauten ordentlich aufgehübscht. Es wurde ordentlich Farbe eingesetzt und fast alle Wohnungen haben jetzt einen Balkon. Fennpfuhl ist heute ein beliebtes Wohngebiet für Familien aus aller Herren Länder.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..