
Als ich mit meinen Wanderungen 2017 begann, waren es noch 96 Stadtteile in Berlin. In den meisten Reiseführern steht es immer noch so. Völlig von der Öffentlichkeit übersehen wurde es am 11.12. 2020 amtlich: der 97. Stadtteil heißt Schlachtensee. Da es in Berlin keine neuen Gebiete gibt, muss man anderen Stadtteilen etwas wegnehmen, damit andere entstehen können. Dies waren in diesem Fall Zehlendorf und Nikolassee. Damit wurde nach zweijährigen Anhörungen endlich ein entsprechendes Bürgerbegehren umgesetzt.. Eigentlich wäre das ein Grund zum Feiern gewesen. Leider war aber Corona-Zeit und Versammlungsverbot. Daher ist auch mir diese Tatsache lange verborgen geblieben. Jetzt gibt es also diesen wunderschönen, nur vier Quadratkilometer großen Flecken mit etwa zehntausend Einwohnern, 58 Straßen und drei Plätzen. Seit der Neugründung sind es auch nicht mehr geworden. Solange hier niemand stirbt und streitbare Erben hinterlässt, wird sich daran auch nichts ändern. Nur in ganz wenigen Fällen wurden die alten Häuser abgerissen und durch größere Eigentumswohnungen ersetzt. Die meisten Häuser sind ohnehin durch den Denkmalschutz abgesichert. Die größte Fläche ist durch den Grunewald gegen Neubau gesichert. Halt! Die drei Plätze in Schlachtensee sind dazu gekommen. Die brauchte man, um damit einige wenige berühmte Persönlichkeiten, die dort wohnten, zu ehren. Allerdings lebten in Schlachtensee vielmehr berühmte Menschen, als es Plätze gibt. So auch der frühere Regierende Bürgermeister Willy Brandt mit seiner Familie. Der musste hier auf einen eigenen Platz verzichten. Sein ehemaliges Wohnhaus auf dem Marinesteig 14 aus den 1940er Jahren gehört nicht zu den wirklichen Sehenswürdigkeiten im Stadtteil. Es ist ein typisches Siedlungshaus, überwiegend aus Betonplatten gebaut, wie es damals für die höheren Dienstgrade der stark wachsenden Marineeinheiten gebaut wurde.
Muss man Schlachtensee gesehen haben? Auf alle Fälle! Schon wegen des Sees gleichen Namens, der wegen seiner hohen Wasserqualität gerne auch von den Berlinern aufgesucht wird. An sonnigen Wochenenden kann es hier sehr lebhaft werden. Gut, dass die traditionelle Fischerhütte am See den Hunger und Durst der vielen Badegäste stillen kann. Aber auch wegen der einzigartigen Häuserlandschaft muss man wenigstens einmal hierher kommen. Mit der Bebauung wurde Ende des 19. Jahrhunderts begonnen. Schlachtensee wurde wegen seiner guten Anbindung durch zwei S-Bahnlinien schnell ein begehrter Rückzugsort für die gut gestellte Mittelschicht. Aber Dank der städtischen Baugesellschaft wurde auch an die gedacht, die sich ein eigenes Haus nicht leisten konnten. Es entstanden Siedlungsbauten berühmter Architekten, die zwischen den verschiedenen Haustypen viel Platz für Spielplätze, Grünanlagen und Wege berücksichtigten. In kurzer Zeit wurden alle verfügbaren Grundstücke bebaut, so dass ein sehr einheitlicher Baustil der Gründerzeit zu sehen ist. Den kann man heute noch erkunden, da der Ortsteil weitgehend von allen Kriegen verschont blieb.

Es gibt neben großzügigen Einfamilienhäusern aber durchaus auch bescheidenere Anwesen. Insgesamt ist Schlachtensee nicht so mondän und großbürgerlich wie zum Beispiel Dahlem oder Grunewald.

Kirchenbauten waren zu der damaligen Zeit immer Teil der Stadtplanung. So rundet das Ensemble die beschauliche Johanneskirche ab.

Für das seelische Wohl war also bestens gesorgt, für das leibliche allerdings so gut wie gar nicht. Vergeblich sucht man im Ortsteil nach Restaurants oder Einkaufsmöglichkeiten. Nicht einmal Imbissbuden oder Spätis sind zu finden, die sonst in Berlin an jeder Ecke stehen. Selbst Autofahrer sollten wissen, wo die nächste Tankstelle liegt. Zum Tanken muss man auf alle Fälle nach Zehlendorf – und in den Super-oder Baumarkt auch.
Für Familien mit Kindern lohnt sich vielleicht ein Besuch des Museumsdorfes Düppel. Am Ortsrand von Schlachtensee wurde ein mittelalterliches Dorf rekonstruiert. Man kann altes Handwerk beobachten, ursprüngliche Rassen von Rindern und Schafen bestaunen und möglicherweise ein Brot kosten, wie es im Mittelalter hergestellt wurde. Wer große Attraktionen erwartet, wie sie Disney bietet, ist hier völlig fehl am Platz. Alles geht beschaulich zu. Nicht immer sieht alles sehr gepflegt und in gutem Zustand aus. Die fehlende finanzielle Unterstützung ist deutlich zu spüren. Aber wenigstens an den Sommer- Wochenenden gibt es die eine oder andere Veranstaltung. Ein guter Ort, um der Hektik der Großstadt zu entfliehen und zu entspannen.
Und das ist auch das Geheimnis von Schlachtensee.
