
Weißensee liegt am Weißensee. Oder besser gesagt: es wurde darum herum gebaut. Das ist nicht der schlechteste Ort, um einen Stadtteil zu gründen. Obwohl ich schon sehr oft in Berlin war, konnte ich mit dem Stadtteil nur wenig anfangen. Was ich wusste: der Jüdische Friedhof liegt hier. Er ist der größte seiner Art in ganz Europa. Das liegt wohl daran, dass es in Berlin einst eine große jüdische Gemeinde gab. Nicht so sehr an den Vernichtungsaktionen des Dritten Reichs. Denn die meisten ermordeten Juden in den Vernichtungslagern konnten nicht ordnungsgemäß bestattet werden. Den ersten Tag meines Besuches in Weißensee wollte ich am Jüdischen Friedhof ausklingen lassen. Ich war dort vor vielen Jahren zum ersten Mal. Mich beeindruckten die vielen bedeutungsvollen Namen der Personen, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Ein wenig Rast und Nachdenklichkeit, bevor es zurück ins Hotel ging. Aber daraus wurde nichts. Als ich nach langem Marsch die Eingangspforte erreichte, war sie verschlossen. Ich muss den Besuch also verschieben.

Weißensee ist ein Stadtteil von Pankow und grenzt an den Prenzlauer Berg. Es gibt einen fließenden architektonischen Übergang von den Bauten der Gründerzeit in der Stadtmitte Berlins zu dem mehr kleinstädtischen Vorort. Gefühlt besteht Weißensee zum größten Teil aus Friedhöfen. Das Gefühl täuscht nicht. Insgesamt vierzehn liegen auf Weißenseer Gebiet und bedecken die Fläche von fast einem Quadratkilometer. Das sind immerhin zwölf Prozent des Stadtteils, auf dem nur knapp 55.000 Menschen leben und viel mehr begraben wurden.
Wer also an Friedhöfen besonders interessiert ist, muss unbedingt einen Abstecher nach Weißensee machen. Es ist nicht nur die Anzahl, die beeindruckt. Vielmehr sind es die sehr unterschiedlichen Gestaltungen. Neben dem pompösen Jüdischen Friedhof gibt es noch einen ganz kleinen jüdischen Friedhof, der aber privat nicht zugänglich ist. Sehr idyllisch liegen die Dorfkirchhöfe von Blankenburg und Heinersdorf. Der Auferstehungsfriedhof ist die evangelische Begräbnisstätte, während der Sankt-Hedwig-Friedhof die katholische ist. Daneben gibt es auch Ruhestätten für Jedermann. Einen ganzen Tag sollte man einplanen, wenn man die Anlagen besichtigen will.
Was kann man sonst noch berichten? Weißensee war schon im vorletzten Jahrhundert ein begehrter Wohnort, denn dort gab es noch ausreichend preiswerten Wohnraum. Hier wurden schon sehr früh riesige Wohnkomplexe errichtet, die teilweise über mehrere Straßenzüge gehen.

Aber auch aus der Gründerzeit gibt es noch einige Viertel mit schönen Fassaden. Und sicher eines der ältesten Wirtshäuser der Stadt, das die Wende wohl nicht überlebt hat.

Walter Gropius hat sich hier sein eigenes Wohnhaus errichtet, Bertolt Brecht hier vorübergehend gewohnt. Wenn man an einem heißen Sommertag nach Weißensee kommt, sollte man die Badehose nicht vergessen. Das Schwimmbad im Weißensee ist so schön nostalgisch und immer einen Besuch wert.
