The man,who invented Google Maps/Der Mann, der Google Maps erfand

 

English Version below

Es muss an einem Sonntagnachmittag im Jahre 1823 gewesen sein, als Friedrich Wilhelm August Netto aufgeregt in seinem Wohnzimmer auf und ab ging. Es war bereits kurz vor fünf und seine Dienstbotin immer noch nicht von ihrer Besorgung zurück. Dabei hätte sie dafür nach seiner Einschätzung nicht länger als eine halbe Stunde benötigen dürfen.  Auf das Personal war überhaupt kein Verlass.

Zu allem Überfluss war seine Frau bereits mehr als eine Stunde mit der Abendtoilette beschäftigt und drohte mal wieder nicht pünktlich fertig zu werden. Dabei begann die Vorstellung im Königstädter Theater bereits um 18 Uhr, und er hatte mit Mühe die letzten heißbegehrten Premierenkarten bekommen. Wieviel Zeit blieb überhaupt noch, um rechtzeitig am Theater zu erscheinen? Der Weg war nicht weit, nur ein paar Straßen waren zurück zu legen. Er war den Weg schon häufig gegangen und hatte eine ungefähre Vorstellung von der Zeit, die sie benötigen würden. Aber mit jeder Minute, die seine Frau länger in der Garderobe verbrachte, reichte eine ungenaue Einschätzung nicht mehr aus. Eine präzise Vorhersage wäre jetzt sehr hilfreich gewesen.

Endlich traf seine Hausangestellte ein. Aber er hatte keinen Beweis dafür, dass sie auf ihrem Weg trödelte.Daher konnte er sie auch nicht für die Verspätung maßregeln. Außerdem war er viel zu sehr damit beschäftigt, auf seine Frau zu warten, die jetzt endlich vor ihm stand, bereit für den großen Abend. Netto schaute auf seine Uhr. Es war bereits fünfzehn Minuten nach fünf. Man eilte los  und erreichte das Theater knapp und etwas außer Atem, noch eben rechtzeitig fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung. Netto hatte auf dem Weg zum Theater kein einziges Wort mit seiner Frau gesprochen. Um seine Aufregung zu dämpfen, hatte er seine Schritte gezählt. Da blieb keine Zeit für Gespräche. Als er am Theater ankam, war er bei 3750 angekommen.

Die Vorstellung konnte Netto überhaupt nicht genießen. Zu sehr war er damit beschäftigt, eine Lösung zu finden, wie man solche Aufregungen in Zukunft vermeiden konnte. So wollte er auch sofort wieder zurück nach Hause, als sie ihre Mäntel an der Garderobe in Empfang genommen hatten. Zurück gingen sie einen anderen Weg. Wieder zählte Netto seine Schritte und blickte auf die Uhr. Sie benötigten drei Minuten weniger und hatten auch nur 3417 Schritte zurückgelegt.

Am nächsten Morgen stand Netto früh auf. Die ganze Nacht hatte er gegrübelt. Warum hatte er nicht den kürzeren Weg genommen und woher sollte er wissen, welcher Weg schneller zum Ziel führte? Er hatte genügend Zeit darüber nachzudenken, denn als Leutnant a.D. erhielt er bereits seit Jahren eine auskömmliche Pension und konnte sich den Tag mit Dingen vertreiben, die für ihn selbst wichtig waren. Und als Doktor der Weltweisheit und königlicher Lehrer der praktischen Geometrie besaß er auch das fachliche Wissen für die Lösung eines so schwierigen Problems. Was er anstrebte, war eine Lösung zu finden, die es ermöglichte, zu berechnen, wie lange man von jedem Punkt in Berlin zu jedem anderen Punkt der Stadt benötigte. Dazu legte er zunächst ein alphabetisches Verzeichnis aller Straßen Berlins an. Zu Nettos Zeit gab es in Berlin 248 Straßen.

Nun galt es, alle Straßen Berlins auszumessen. Metrische Systeme waren weitgehend unbekannt, ebenso Vermessungssysteme. Gängige Maße waren Schritt, Dezimalfuß und Ruthe. Wobei 1 Schritt 2 Dezimalfuß und fünf Schritte eine Ruthe waren. Der preußische Staat legte per Gesetz fest, dass für 5000 Schritte nicht mehr als eine Stunde benötigt wird. Damit waren die Grundlagen für Netto´s Werk gelegt, wenn auch mit einer gewissen Ungenauigkeit.

Netto wanderte (oder ließ wandern, das ist nicht bekannt) alle Straßen Berlins ab und notierte dabei die Anzahl der Schritte, die er jeweils bis zur nächsten Kreuzung oder Straßeneinmündung benötigte. Bei damals 248 Straßen war das jedenfalls eine überschaubare Angelegenheit. Und spätestens im Jahre 1826 verfügte er über alle Informationen, die ihm ab sofort eine präzise Vorausschätzung seiner geplanten Wege ermöglichte. Zugegeben: das war noch ein wenig mühsam, denn man musste sich den Weg auf einer Landkarte suchen, danach in den Aufzeichnungen für die einzelnen Abschnitte die Anzahl der Schritte notieren und addieren und danach den Zeitbedarf in einer Art Dreisatz bestimmen. Und wenn man dann einen alternativen Weg  suchte, konnte die gewonnene Zeitersparnis leicht durch die zusätzliche Rechenarbeit aufgebraucht werden.

Netto fand, dass seine Erkenntnisse zu wertvoll waren, um sie nur für sich selbst zu nutzen. Deshalb beschloss er eine Veröffentlichung. Aber für den gemeinen Nutzer waren seine Darstellungen zu kompliziert. Außerdem waren sie nur für weinige Nutzer interessant. Daher ergänzte Netto sein Werk  um eine Straßenkarte, sowie um Tabellen, mit denen man einfach Fuß in Zeit umrechnen konnte und umgekehrt. Und er ergänzte  wichtige Namen und Adressen, wie die Namen aller Polizisten in den Stadtteilen, sowie Namen von Gasthäusern und Restaurants. Für die Touristen in Berlin fügte er ein Kapitel über Merk- und Sehenswürdigkeiten hinzu. Im Jahre 1826 veröffentlichte Friedrich Wilhelm August Netto sein Werk unter dem Titel „Etui Wegweiser für Einheimische und Fremde in Berlin“ im Burchardt Verlag. Somit war wohl der erste Reiseführer für Berlin im Taschenformat entstanden.

Wieder ein Sontag im Jahre 1826. Auch heute gibt es eine Premiere im Theater. Friedrich Wilhelm August Netto sitzt entspannt in seinem Sessel. Seine Dienstbotin ist pünktlich von den Besorgungen zurück. Eine weitere Maßregelung kann sie sich nicht leisten. Sie weiß, dass ihr Dienstherr über entsprechende Mittel verfügt, sie bei der Arbeit zu kontrollieren. Frau Netto ist, wie immer, noch mit der Garderobe beschäftigt. Aber Netto zieht ruhig an seiner Zigarre.Sie haben noch zwanzig Minuten Zeit. Wenn sie die Abkürzung nehmen, sogar dreiundzwanzig.

Wo kann ich das Buch finden?    http://digital.zlb.de/viewer/image/15444572/1/

Wie kommt man hin zur Landes- und Zentralbibliothek? Schaut nach in Google Maps!

Lieben Dank an die Mitarbeiter der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die mich bei meiner Recherche unterstützt haben. Übrigens: ob sich die Geschichte genau so zugetragen hat? Wer kann das schon wissen, außer Friedrich Wilhelm August selbst. Oder, um unseren großen Dichter Johann Wolfgang Goethe zu zitieren: „Das habe ich nicht erfunden, das habe ich erwandert.“

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English Version

It was a sunday afternoon in 1823, when Friedrich Wilhelm August Netto walked up and down in his living room. It was almost five 0´clock and his made did not return from a short  trip. As always, she needs too much time to fulfill her duties. You could never trust your personal.

But on top of that his wife was in the bathroom for hours to prepare for the tonights theater premiere. Netto was able to get one of the very few popular tickets for the 6 o´clock show. How much time was left to reach the theater in time?  It was only a few streets away and Netto went this way already very often. So he could estimate, how long it would take them to go there. But with every minute his wife needed longer, an estimation was not good enough. It would be very helpful to have a precise information.

Finally the maid appeared. But Netto had no measurement, to find out, if the absent time was appropriate to his order. So he could not punish her for the delay. He also was too busy waiting for his wife to come out of the bathroom. Netto checked the time. It was already a quarter after five.They hurried and arrived at the theater just five minutes before the curtain raised. Netto did not talk to his wife during the whole walk. To calm down, he counted the steps to the theater and ended at 3750.

Netto was not able to enjoy the performance. He was too busy to find a solution to avoid uncomfortable situations like this in the future. After the performance ended, he  rushed home with his wife immediately. They choosed another way home and again Netto counted the steps. The result was 3417 and the time spent was three minutes less.

The next morning Netto went up very early. He couldn´t sleep the whole night. He wanted  to find a solution for last days problem. Why didn´t they took the shorter way from the beginning and how could he know, which way is shorter? He had enough time to think about it. His pension as a former officer of the army gave him the freedom to do, whatever was important to him .And as a doctor of worldwisdom and a  royal teacher of practical geometry he had the base of Knowledge to cope with the challenge. What he wanted to find out was a solution fo the question: Which is the quickest way from any place in Berlin to any other? He started to register all streets of Berlin, a total of 248 at that time.

As a next step he had to measure the lenght of all streets. The state of Prussia had no metric system and no way to measure other than in footsteps or foots.  The law of that time declared 5000 footsteps as the regular number, which you can make in one hour. This was the base of Netto´s further work, not very precise.

Netto walked all 248 streets of Berlin.He divided each street into segments to the next crossing and counted the steps to walk this segment. At least in  1826 he completed his work and was able to to calculate every route within Berlin. But it was not simple. First of all he had to find a route on a map, add the steps of all segments he walked and then calculate the time by a formula. Knowing, that 5000 steps takes one hour. That was quite time consuming. If you want to see, if an alternate route was faster than the originally one, you may waste more time on the calculation than win on the shorter route.

Netto found his results worth to share with a big community. But they were too difficult for common people and they addressed not too many people. Therefore he added a lot of useful information to his work. First of all you can find a table, that converts footsteps into time and v.v. and a streetmap of Berlin. Also you can find the names and addresses of every police officer in every district of Berlin as well as names and addresses of restaurants and hotels. And finally Netto added a chapter „Curiosities and sights in Berlin“.  1826 Netto published his work under the title „Pocket Guide for the Berliners and Tourists“ at Burchardt Verlag, probably one of the first tourist guides at all.

We are on a sunday afternoon at the year 1826. It is almost five o´clock. Friedrich Wilhelm August Netto sits relaxed in his armchair and smokes. His maid just arrived from a work outside in time. She has been warned for beeing late a couple of times before and cannot risk to get fired. She knows, that her master has tools available to control her work. Mrs. Netto is still in the bathroom to get ready for the theater premiere. But there is plenty of time left: twenty minutes. Or twenty-three minutes, if they take the shortcut.

If you want to see a copy of the original book, refer to   http://digital.zlb.de/viewer/image/15444572/1/

How to get to the Central State Library? Look at Google Maps!

Many thanks to the people of Zentral- und Landesbibliothek Berlin for the support during my investigation. By the way: did everything happened exactly as described here? Who can know that except Friedrich Wilhelm August himself. Or, as a our great German Poet Johann Wolfgang Goethe already said:“I did not made this up, I hiked it.“

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