Wer ist Edith B?/ Spurensuche

sorry to my english speaking followers. This  story might be a quite long one and divided into many chapters. I am afraid my english is not good enough to express my findings and feelings correctly. I am looking for a professional translator and you can read the story  later then.

24. Januar 2016

Schnee in Berlin, schon seit Stunden. Aber es ist nicht kalt genug. Ein weißer Schleier liegt über der Karl-Marx-Allee, der langsam wegtaut. Es ist uselig, wie man im Rheinland sagt. Kein Tag, um ihn draußen zu verbringen. Ich bin zum dritten Mal in Berlin, um mein neues Projekt vorzubereiten. Bis Ende September 2015 bin ich zu Fuß von Bonn nach Wien gelaufen, auf den Spuren Beethovens, der die Reise mit knapp siebzehn Jahren in einer Kutsche unternommen hat. Ich war schneller.

Dann war da kurzfristig diese Leere, wenn man sich über Monate mit einem Thema beschäftigt hat und es ist auf einmal zu Ende. Ein neues Projekt war schnell gefunden. Nicht wieder an Flüssen entlang und über Berge. Dieses Mal sollte es  eine Stadt sein und die Wegstrecke deutlich länger. Man wächst mit den Herausforderungen. Schnell war klar: es wird Berlin. Das sind etwa 12000 Straßen und mindestens 5000 Kilometer. Ein Projekt war geboren und ein Name stand schnell fest: „allstreetsofberlin“. Aber meine Leidenschaft ist nicht das Wandern. Die langsamste aller Fortbewegungen eröffnet mehr Möglichkeiten, Unbekanntes zu entdecken, Menschen kennen zu lernen, Zeit zum Nachdenken zu haben. Ich bin Geschichtenerzähler. Darum komme ich ab jetzt einmal im Monat aus Wiesbaden für einige Tage nach Berlin und suche nach Geschichten. Meistens stolpere ich dabei über kleine Randnotizen, Zeitungausschnitte und Gedenktafeln und plötzlich entsteht daraus etwas Ungewöhnliches, Einzigartiges, Berührendes oder  Unbekanntes. Es gibt so viele Geschichten, die noch erzählt werden müssen und andere, die nicht vergessen werden dürfen. Da ist die Geschichte vom Richter, der nicht studiert hat, aber 7000 Urteile in 14 Monaten gefällt hat. Oder die Geschichte vom Sinti-Boxer, der erfolgreich war, aber in der falschen Zeit lebte. Oder…….

Seit November bin ich unterwegs und habe das Elend der Flüchtenden erlebt. Wie sie morgens in klirrender Kälte mit ihren Kleinkindern draußen warteten, um eine Registrierungsnummer zu erhalten. Immer wieder abgewiesen wurden, weil der Andrang so groß war und jeden Morgen wieder dort standen. In der Kälte zitterten und nur mühsam überlebten, weil freiwillige Helfer ihnen heiße Getränke, Mahlzeiten und Kleidung gaben. Da kam mir die Idee, zu helfen. Und so spende ich nun für jeden gewanderten Kilometer zwei Euro, kaufe Babynahrung, Windeln oder Schuhe in kleinen Größen und gebe sie in der Aufnahmestelle ab. Das ist nicht so viel, aber wenn es jeder täte, kämen etwa hundertzweiundneunzig Milliarden Euro im Jahr  zusammen.Hab ich mal ausgerechnet.

Jetzt sitze ich also im Cafe Sybille auf der Karl-Marx-Allee bei einer heißen hausgemachten Limonade und bereite eine Wanderung vor mit dem Titel „Der Sozialismus siegt“. Es soll vom Alexanderplatz zur Eastside Gallery gehen und dann wieder zurück zum Fernsehturm und der Weltzeituhr am Alex. Im Cafe gibt es eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Stalinallee, wie sie zu Beginn hieß. Man sieht Fotos vom riesigen Trümmerfeld nach dem Zweiten Weltkrieg, emsige Frauen beim Aufräumen des Trümmerschuttes, die Anfänge der Bauarbeiten. Dann bleibt mein Blick an einem Foto hängen. Es zeigt zwei junge Menschen auf dem Dach eines Rohbaus, die eine Fahne der Freien Deutschen Jugend schwenken. Darunter ein kleines Schild mit folgendem Text:

„Edith B. lernt als eines von vier weiblichen Lehrlingen beim Bau des Hochhauses an der Weberwiese das Maurerhandwerk. Das 16jährige Mädchen ist begeistert bei der Sache, es war für sie ein großes Gefühl, dabei zu sein damals. Sie baut an der Weberwiese und am Block D-Süd mit. Nach ihrer eigentlichen Arbeit leistet sie Sonderschichten und spendet zwei Prozent ihres Lehrlingsgeldes für den Frieden. Für die Propaganda der DDR sind dies Gründe, dieses Mädchen als Vorzeigelehrling zu präsentieren. Oft ist ihr Foto in den Zeitungen zu sehen. Sie wird Jungaktivistin und bei feierlichen Anlässen vorgeführt. Ihr Ziel ist klar, sie will beim Bau bleiben.

Edith B. studiert und wird selbst Architektin. Im Büro von Josef Kaiser ist sie an der Planung des zweiten Abschnittes der Stalinallee beteiligt. An den Kinos Kosmos und International arbeitet sie mit, auch am Warenhaus am Alexanderplatz und am Außenministerium. Auch jetzt noch wird sie in der Presse vorgezeigt. „Vom Maurerlehrling zum Architekten“. Doch aus dem lächelnden Mädchen vom Bau der Weberwiese ist eine nachdenkliche Frau im Projektionsbüro geworden. Ein Ereignis in dieser Zeit veränderte sie: der Mauerbau am 13. August 1961. Noch versucht sie in diesem Eingemauertsein eine Nische für sich zu finden, bis sie Mitte der siebziger Jahre nicht mehr kann: Fluchtversuch, Frauengefängnis Hoheneck, Freikauf in den Westen. Noch heute ist aber die Stalinallee ein Stück ihres Lebens.“

Ich merke, wie mein Herz zu rasen beginnt. Das passiert immer unweigerlich, wenn ich merke, da klopft eine Geschichte bei mir an, die erzählt werden muss. Aber der kleine Ausschnitt ist keine Geschichte, nur eine Aufzählung von Tatsachen, die einer jungen Frau passiert sind. Wie kann daraus eine Geschichte werden?

Auf schnellstem Wege gehe ich in mein Hotel zurück. Da steht mein Labtop, und es gibt WLAN. Wer ist oder wer war Edith B?  Natürlich ist der erste Gedanke: Google kennt jeden. Oder doch nicht? Die Ergebnisse sind unbefriedigend und erschreckend zahlreich. Ich könnte jetzt zwar alle registrierten Edith B. in Deutschland anrufen, aber bringt mich das weiter? Ich versuche es mit  allen weiteren Einschränkungen und Kombinationen von Informationen, die in der Notiz im Cafe Sybille zu finden waren. Aber Edith B. will sich mir nicht zeigen. Noch nie ist eine Nacht so schnell vergangen mit der Suche im Internet. Am frühen Morgen des nächsten Tages weiß ich lediglich, wie die erste Frau des Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker hieß: Edith Baumann. Da bin ich mit  Sicherheit auf der falschen Fährte. Sonst nichts, gar nichts.

Ich beschließe zum Block D Süd der Karl-Marx-Allee zu gehen. Dort soll es eine eine Gedenktafel für die Werktätigen geben. Block D Süd wurde ausschließlich von Lehrlingen unter Aufsicht ihrer Lehrmeister gebaut. Vielleicht erhalte ich so wenigstens den vollen Namen der Edith B.? Es gibt eine Ehrentafel, aber keine Namen der etwa 380 beteiligten Lehrlinge. Dafür reichte wohl der Platz nicht aus.

Im Augenblick bin ich ratlos. Es muss eine neue Strategie her. Aber welche? Wäre bestimmt eine tolle Geschichte geworden. War´s das? Bleibt Edith B. ein ungeklärtes Geheimnis für immer?

26. Februar 2016

Inzwischen ist ein Monat vergangen ohne weitere Informationen zu Edith B. Allerdings habe ich auch nicht mehr so häufig gesucht, da alle Versuche ergebnislos waren. Es sind auch noch viele Vorbereitungen für mein Projekt notwendig. Die ersten drei Touren sind geplant.

Heute ist der Start für meine lange Reise durch Berlin. Gestern war ich bei Radio Berlin 88,8 zum Interview, das heute morgen gesendet wird. Pünktlich um 10 Uhr geht es mit einigen Interessierten vom Alex los. Das Thema heute: „Das alte und das sehr alte Berlin“. Ein Besuch in der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) ist eingeplant. Wir besuchen das Berlin- Archiv. Wenn man etwas über Berlin erfahren will, ist man hier richtig. Alle Zeitungen seit 1946 sind hier archiviert und mikro-verfilmt. Es gibt  Adressverzeichnisse der Stadt, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Oder zum Beispiel ein Verzeichnis aller zugelassenen Autos in Berlin. Wenn man also auf einem alten Foto das Kennzeichen eines Wagens erkennen kann, so kann man leicht den damaligen Besitzer feststellen. Die ZLB ist eine wahre Fundgrube für jeden, der mehr über Berlin erfahren will. Da werde ich nicht zum letzten Mal gewesen sein.

Tage später, zurück in Wiesbaden, erinnere ich mich wieder an meine Begegnung in der ZLB, und da kommt mir Edith B. in den Sinn. Werde ich bei meiner Wanderung über die Karl-Marx-Allee mehr über sie wissen? Ich schreibe eine E-Mail an dieZLB, erzähle das Wenige, das ich weiß und bitte um Hilfe. Gibt es ein Dokument in der Bibliothek, welches mir weiter helfen kann? Ich bin gespannt.

Es dauert gar nicht lange und ich erhalte Antwort. Man habe einen Verweis auf einen kurzen Artikel im Neuen Deutschland des Jahres 1952 gefunden. Eine Edith mit dem Nachnamen B… sei damals für besondere Leistungen beim Bau der Stalinallee ausgezeichnet worden. Ob es sich um die gesuchte Person handele, sei aber fraglich, da sie bereits zu diesem Zeitpunkt zweiundzwanzig Jahre alt gewesen sei. Ich könne aber gerne in die ZLB kommen und mir den fraglichen Artikel auf dem entsprechenden Mikrofilm ansehen und auch kopieren. Also plane ich für meinen nächsten Besuch einen Termin in der ZLB ein. Wird mich das wirklich weiter bringen oder ist es wieder eine Spur, die ins Leere führt?

17. März 2016

Heute bin ich wieder in der Zentral- und Landesbibliothek, bewaffnet mit USB-Stick und Laptop. Einen Platz vor dem Lesegerät habe ich vorsorglich reserviert. Ich werde schon erwartet. Eine nette ältere Dame weist mich in die Technik ein. Zeigt mir, wie ich Kopien der Zeitungsartikel erstellen kann. So suche ich nun nach dem betreffenden Artikel und werde schnell fündig. Edith B. erhielt eine Auszeichnung für besondere Leistungen zusammen mit einundzwanzig anderen Frauen, sonst wenig. Aber zumindest ihr voller Name und dass sie als Maurerlehrling auf der Stalinallee gearbeitet hat. Ich bin mir sicher, dass ich die richtige Edith B. gefunden habe. Obwohl ihr Alter mit 22 Jahren nicht ganz stimmen kann. Es gab nämlich nur vier weibliche Maurerlehrlinge zu dieser Zeit. Also mache ich eine Kopie des Zeitungsartikels und überlege, wie ich jetzt weiter komme. In der ersten Notiz, mit der ich zu recherchieren begonnen habe, stand. „Häufig wurde sie in den Zeitungen erwähnt“. Also könnte ich mir die Jahrgänge 1951/52/53 des Neuen Deutschland ansehen, um auf einen weiteren Artikel zu stoßen. Das ist aber im Prinzip so, als würde ich alle Zeitungen von drei Jahrgängen überfliegen, um vielleicht einen weiteren Artikel zu finden. Was wäre das Ergebnis? Bestimmt noch eine Auszeichnung, aber nichts, was mich wirklich weiter bringt. Eine Suche wäre nur sinnvoll, wenn ich im Zeitungsarchiv nach Schlagworten suchen könnte. Aber das gibt es in der LZB nicht. Hier liegen nur die Abbilder der Zeitungen auf Mikrofilm vor. Ich versuche eine weitere Google-Suche mit dem vollen Namen der Edith B. Es gibt einen Treffer-  und das  ist genau der Zeitungsartikel, den ich soeben kopiert habe. Frustriert gehe ich zu der freundlichen Dame an der Rezeption und gebe ihr den Mikrofilm zurück. Die ist verwundert und wohl auch enttäuscht, dass ich so schnell aufgebe. Von einem ernsthaften Rechercheur hatte sie wohl größere Hartnäckigkeit erwartet.  Ich erzähle ihr mein Problem. Sie hat eine Idee. Auch bei der Humboldt-Universität habe man die Zeitungen Berlins digitalisiert, jedoch mit einem Schrifterkennungsprogramm, welches auch  auch klassifiziert. In deren Programm könne man über einen Suchbegriff alle zugehörigen Artikel finden. Sie zeigt mir die Internet-Adresse und wie man sich dort kostenlos registrieren kann.Leider gibt es kein Internet für Besucher in der LZB.

Also geht es rasch zurück in mein Hotel. Jetzt ist der Jagdinstinkt wieder in mir erwacht. Die Registrierung ist einfach. Nun kann es mit der Recherche beginnen. Ich tippe den vollen Namen der Edith B.  ein und warte auf das Ergebnis. Es kommt sehr schnell, aber es ist wieder der Artikel, den ich schon kenne. Sonst nichts, gar nichts. Die Schrifttypen der Berliner Zeitungen waren den digitalen Erkennungsprogrammen noch ziemlich fremd. So gibt es zwar noch andere Treffer, aber die Ergebnisse sind irgendwelche Hieroglyphen, die mich in der Sache nicht weiter bringen. Da werde ich erst einmal etwas essen und dann den Abend bei Google verbringen. Es wurde der Abend und die ganze Nacht. Ich habe alles versucht, alle Kombinationen von Namen und Ereignissen eingetippt. Etwas hinzugefügt, etwas weggelassen, Schreibweisen verändert. Am nächsten Morgen hatte sich mir Edith B. immer noch nicht gezeigt.

Morgen gehe ich noch einmal in die LZB und werde in den Büchern über die Stalinallee blättern. Vielleicht habe ich dort Erfolg. Gesagt, getan. Man zeigt mir das Regal mit den betreffenden Büchern. Ich nehme alles, was mir brauchbar erscheint uns setze mich zu den andern Lesenden, schweigsam  blätternd. Ich habe mehr als zwanzig Bücher gewälzt, bin durch die Inhaltsverzeichnisse gegangen. Habe nach Kapiteln gesucht, die sich mit den Arbeitern beschäftigen. Aber ich habe nichts gefunden, außer die Namen aller Architekten, den Bau-Verantwortlichen, aller möglichen bedeutenden  Parteigenossen, Geschichten zum 17. Juni 1953. Ich bin jetzt der professionelle Stadtführer für die Stalinallee, aber ich weiß nichts über Edith B.

Edith B. wird mir für immer verschlossen bleiben. Da sind noch andere Geschichten, die erzählt werden müssen. Denen werde ich mich jetzt widmen. Am 21. April habe ich den nächsten Termin in der LZB für meine Story über den Mann, der Google erfand. Ich darf in einem Buch aus dem Jahre 1826 blättern und Fotos machen. Das wird sicher spannend.

21. April 2016

Der Winter hat sich endlich ein wenig aus Berlin zurückgezogen. Heute ist ein sonniger Tag. Da will ich mich mit meinen Fotos beeilen, um danach noch ein paar Straßen abzuwandern. Die Geschichte des Erfinders von Google ist bereits geschrieben. Ich muss nur noch das Original-Buch des Herrn Netto von 1826 ablichten. Dann kann ich die Story veröffentlichen. Ich bin schon früh in der Bibliothek und werde von Frau Porschien empfangen, die mich zum Buch führt. Sie hat mir bisher bei meinen Recherchen sehr geholfen. Natürlich will sie wissen, wieweit ich mit Edith B. gekommen bin. Ich erzähle ihr die traurige Wahrheit. Sie habe eine letzte Idee, die mir helfen könnte. Es gäbe noch ein Buch über die Stalinallee, das man aber nicht ausleihen kann. Das kann ich daher auch nicht in den Regalen finden. Aber sie würde es mir zeigen.

Also setze ich mich wieder ganz leise in den Lesesaal und beginne, in dem Buch zu blättern. Und plötzlich sehe ich ein Foto,.das mir schon im Cafe Sybille aufgefallen war. Jenes über dem Artikel über Edith B.: zwei junge Mädchen, die auf einem Rohbau der Stalinallee eine Fahne der FDJ schwenken. Und daneben steht auch der volle Name der Edith B., allerdings anders geschrieben, als im Neuen Deutschland. Auch ihr Alter ist unterschiedlich. Sie ist jünger. Kein Wunder, dass ich bisher nichts finden konnte, wenn dies der richtige Name ist. Neben dem Foto steht auch noch eine kleine Geschichte über Edith B. die sich im Wesentlichen mit derjenigen im Cafe Sybille deckt. Ich habe eine neue Spur und einen neuen Namen. Schnell mache ich noch ein paar Fotos der Buchseiten und eile in mein Hotel zurück. Heute wird nicht mehr gewandert, sondern gegoogelt.

Jetzt bin ich ganz sicher auf einer heißen Spur. Hastig tippe ich den neuen Namen ein und warte auf das Suchergebnis. Nicht, was ich erhoffte. Vor allen Dingen ganz viele Traueranzeigen. Habe ich den Namen falsch eingegeben? Leider nicht. Edith B. ist 1935 geboren, dann muss sie jetzt achtzig oder einundachtzig Jahre alt sein. Bin ich etwa auf der Suche nach ihr auf eine ihrer Traueranzeigen gestoßen?  Ich will das nicht glauben. Also geht alles wieder vorn vorne los, Google-Suche mit verschiedenen Merkmalen, dann Bing-Suche, weil es oft unterschiedliche Ergebnisse gibt. Nichts Verwertbares. Wieder hat eine stundenlange Recherche mich keinen Millimeter näher an Edith B. gebracht.

Ich muss eine Pause machen und nachdenken. Ich bin so kurz vor dem Ziel, habe ihren Namen und bin sicher, das ist die Person, nach der ich suche. Warum finde ich sie nicht? Ich lese noch einmal in der Kopie des Buches vom Alexanderplatz. Das ist nahezu die gleiche Information, wie ich sie im Cafe Sybille gelesen habe. Aber jetzt fällt mir der kleine Unterschied auf. Dort steht, dass sie früher einen anderen Namen gehabt habe, nämlich…. Ich hatte das vorher überlesen, weil man als Frau im Alter von 17 Jahren normalerweise keinen anderen Namen hat. Ich war so fixiert auf Edith B., und dieser Name lautet so ganz anders. Ich habe wenig Hoffnung, denn dieser neue Name ist so ein deutscher Allerweltsname. Da gibt es wahrscheinlich millionen Treffer. Ich atme einmal tief durch, gebe den neuen Namen bei Google ein und starre gebannt auf den Bildschirm. Es gibt unzählige Einträge, wie erwartet. Aber es gibt Bezüge zur Stalinallee und zum 17. Juni und es gibt neue Fotos. Aber das Schönste: es gibt Hinweise, dass Edith. B. noch sehr aktiv ist. Ich lese die ganze Nacht, finde Zeitungsberichte, Hinweise auf ihr Leben, ein Interview in Youtube, aber keinen entscheidenden Hinweis, wo sie wohnt, wie man sie kontaktieren könnte. Auch keine Telefonnummer.Ich möchte die Geschichte der Edith B. von ihr selbst hören. Jetzt, wo ich plötzlich so nah dran bin.

Tatsächlich finde ich Stunden später einen Eintrag, in dem Edith B. mit ihrem anderen Namen nach Zeitzeugen sucht, die einen Teil ihres schweren Lebens mit ihr gegangen sind. Sie hat sich an eine Organisation gewendet, die sich professionell mit dem Aufspüren vermisster Personen beschäftigt. Schnell habe ich im Impressum deren Mail-Adresse gefunden und so schreibe ich noch in dieser Nacht, was mich bewegt und warum ich Edith B. kennen lernen möchte. Ich bitte, einen Kontakt mit Edith B. herzustellen.

Jetzt kann ich die ganze Nacht nicht schlafen? Werde ich eine positive Rückmeldung erhalten, werde ich überhaupt kontaktiert? Was könnte ich sonst noch anstellen?

28.5.2016

Es ist nicht viel passiert in der Zwischenzeit. Ich bin auf einer Wanderung in Berlin. Mein Handy summt. Das muss bis zu nächsten Pause warten. Oder doch nicht? Die Neugier siegt. Eine neue E-Mail ist angekommen:
„Hallo Siegfried!

Wir haben deinen Wunsch an Edith B. weitergeleitet. Bis dato hat sie sich bei uns noch nicht gemeldet.Wir bleiben dran.“

Edith B. lebt! Wird sie sich melden? Ist das, was ich vorhabe, interessant für sie? Wird sie einem fremden Menschen etwas von sich erzählen? Ich bin sehr aufgeregt, und das bleibt auch so die nächsten Tage. Werde ich Edith B. kennen lernen oder waren alle meine Bemühungen vergebens?

30.5.2016

Heute ist mein Geburtstag. Da erhalte ich viele Glüchwunsch-mails. Diese hier aber ist die schönste:
„Hallo, Siegfried Baaske,

Herr R. E. von help2find.it hat den Kontakt zu mir hergestellt.Ich freue mich für das Interesse an meinem schicksalsreichen Leben. Ich habe mich auf Deinem Blog informiert über Dein Projekt. Es ist originell und passt zu mir. Einen Zahn muß ich Dir gleich ziehen. Ich war nie eine „treue Sozialistin“. Und der „Mauerbau“ hat mich nicht erst vom sozialistischen Weg abgebracht. Das ist ganz falsch und stammt bestimmt aus einem Zeitungsartikel.

Übrigens bin ich auch bei Facebook vernetzt und habe heute auch Dein Profil angeschaut. Wollte Dich aber erst mal auf diesem Weg kontaktieren.

Das soll es für’s Erste sein. Nun bist Du an der Reihe.

Mit herzlichen Grüßen

Edith B.“

Ich bin so aufgeregt, eine Antwort darf da nicht warten:

„Liebe Edith B.,

das ist eine große Überraschung für mich, so schnell von Dir zu hören. Viel weiß ich noch nicht, aber im Cafe Sybille auf der Karl-Marx-Allee habe ich eine kleine Notiz über Dich gefunden. Da stand aber nur Edith B. als Name. Über diverse Recherchen bin ich schließlich auf einen Artikel im Neuen Deutschland von 1952 gestoßen. Da stand etwas über ausgezeichnete Leistungen und ein Name, der aber falsch geschrieben war. Der half bei weiteren Recherchen nicht weiter. Aber in der Zentral- und Landesbibliothek gibt es ein Buch über die Stalinallee und einem Kapitel, welches den damals  Tätigen gewidmet ist. Dort gibt es ein Foto von Dir, wie Du auf einem Dach stehst und eine Fahne hältst. Vor allem aber stehen dort Deine beiden richtigen Namen. Darüber habe ich dann einen Bericht eines DDR Radio-Reporters am 17. Juni 1953 gefunden, sowie Deine Suchanfragen im Internet. Jetzt weißt Du, wie ich Dich gefunden habe, worüber ich sehr froh bin.

Nun ein paar Zeilen zu mir. Ich wohne in Wiesbaden, bin heute 72 Jahre alt geworden und mache seit meiner Pensionierung verschiedene große Wanderprojekte. Dabei steht nicht so sehr die eigentliche Wanderung im Vordergrund, sondern vielmehr die Möglichkeit, interessante Menschen und Geschichten zu erleben, über die ich in meinem Blog berichte. Und Deine Geschichte, soweit ich sie kenne, hat mich sehr berührt.

Jetzt ist natürlich mein größter Wunsch, Dich persönlich kennen zu lernen und mehr über Deinen Lebenslauf zu erfahren, um darüber in meinem Blog zu berichten. Ich weiß noch nicht, wo Du wohnst. Ich würde gerne in Deine Stadt kommen (vielleicht sogar Berlin, wo ich jeden Monat bin?), um mit Dir zu reden. Mein Vorschlag wäre, dass wir uns zu einem Kaffee oder Tee irgendwo verabreden und überlegen, was wir aus Deiner Geschichte machen. Dazu habe ich bereits einige Ideen.

Übrigens: ich habe mir überhaupt kein Urteil über Dich gebildet, was Deine Vergangenheit angeht. Dazu weiß ich viel zu wenig. Daher möchte ich es auch von Dir persönlich hören.

Ich hoffe, ich habe Dich neugierig gemacht, so dass ich bald wieder von Dir höre.

Herzlichst Siegfried Baaske“

Lieber Siegfried Baaske,

zu Deinem Geburtstag herzlichen Glückwunsch. Es sei Dir noch viel Kraft gegeben, Dein schönes Projekt zu verwirklichen. Wenn ich dabei helfen kann, soll das mein Geschenk sein. Ich wohne in Berlin, meine Heimatstadt. Ich habe schon in Deinem Blog gelesen, Du verbringst öfter Zeit in Berlin. Musst Du ja auch, wenn Du die Stadt erwandern möchtest. Diese Idee ist ganz wunderbar. Es gibt so viel in Berlin zu entdecken. Leider kann ich Dich nicht zu Fuß begleiten. Aber mit meinem „Smart“ kann ich Dich und Deine Wandergruppe an Zielpunkten erwarten und etwas darüber erzählen. Ich bin Zeitzeuge des 17. Juni 1953.

Das können wir ja alles so besprechen wie Du es vorgeschlagen hast. Ich schlage das Restaurant….vor. Es könnte Dir gefallen. Sie haben eine gue Frühstückskarte mit Fischgerichten. Du kannst Dir dann mein ganzes Elend anschauen. Ich bin bereits seit letztem September 80 Jahre alt. Hast mich gerade noch erwischt um für Dein Projekt zu berichten.

Ich wohne nicht weit weg (20-30 Minuten mit dem Auto) von diesem Restaurant, aber nahe zum Unglücksflughafen BER „Willy brandt“.Mein Geburtsbezirk war Pankow. Das soll es mal für heute sein.

Herzliche Grüße  Edith B.

 

Liebe Edith B.

vielen Dank für die Glückwünsche zu meinem Geburtstag. Inzwischen bin ich ja auch in einem Alter, wo man an die Zeit seiner Jugend zurück denkt. Zur Zeit des 17.Juni war ich neun Jahre alt. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir in der Schule darüber gesprochen haben. Aber das war alles so weit weg und auch sehr einseitig berichtet. Später habe ich oft im Sommer meinen Großvater in Eisleben besucht und das Leben in der DDR näher kennen gelernt. Auch meine Großtante, die in der Nähe von Berlin lebte, habe ich oft im Osten der Stadt besucht. Ja sogar manchmal unerlaubt die Berliner Stadtgrenze überschritten, um sie zuhause zu besuchen.

Aber nun freue ich mich, dass ich authentisch etwas erfahre, wie es damals wirklich gewesen ist. Mit Deinem Vorschlag für unser erstes Treffen bin ich sehr einverstanden. Mein nächster freier Termin wäre der 27. Juni. Da habe ich noch keine Touren geplant. Ich könnte so gegen 10 Uhr auf dem Schiff sein. Wenn Du damit einverstanden bist, so bestätige das doch bitte kurz. Ich freue mich schon sehr auf die Begegnung mit Dir.

Herzlichst Siegfried Baaske

 

Lieber Siegfried Baaske,

Du bist schon verbindlich in meinem Kalender am 27.06.2016 um 10;00 Uhr im Restaurant eingetragen. ….Mein Mann ist schon 1971 verstorben und liegt auf dem Friedhof hinter dem der „berühmte Spionagetunnel“ der AMIS verlief. Auch so ein „Zielpunkt“ den Du entlang der „Mauer“, beginnend in Treptow, Bouchestr. mit interessanten Zwischenpunkten, erwandern kannst.

In der Bouchestr. , nahe der Mauer, hatte ich 1976 eine Baustelle, auf der ich  Kurioses mit Grenzern, Polizei, Anliegern und Bauarbeitern erlebte. Gleich in der Nähe sind zwei Mahnstätten für Mauertote. die mir sehr am Herzen liegen.

Du siehst, ich bin schon Feuer und Flamme. Mein Kopf kann nicht still halten. Immer sprudeln Gedanken. Diese werde ich jetzt hier abbrechen, sonst nimmt es kein Ende. Ich weiß ja noch nicht was Du von mir erwartest? Und dann scheitert es an meinen Einschränkungen!

Mit herzlichen Grüßen aus Berlin

Edith B.

Liebe Edith B.,

vielen Dank für die Zusage. Ich werde natürlich standesgemäß anreisen und den Fußweg vom Alexanderplatz zum Restaurant nehmen. Auf dem Weg dahin sind so viele Straßen, die ich noch wandern muss. Da passt das gut. Ich freue mich schon sehr. Mir geht es, seit ich Kontakt zu Dir habe, ganz ähnlich wie Dir.  Dauernd gehen mir Fragen durch den Kopf, aber noch völlig ungeordnet. Und manchmal muss ich mit einer anderen Sache aufhören, weil ich an Deine Geschichte denke. Ich möchte mir auch nicht zu viel ausmalen, weil ich natürlich Deine Geschichte hören möchte und nicht irgendetwas, was ich mir vorstelle. Daher glaube ich, ist es am besten, wenn wir die Sache spontan angehen. Und mal schauen, wo wir enden. Ich nehme mir jedenfalls alle Zeit, die nötig ist und hoffe, dass es bei Dir auch so ist. Jedenfalls bin ich schon ganz aufgeregt und kann es gar nicht erwarten, Dich zu sehen und von Dir zu hören. Bis bald!

Herzlichst Siegfried Baaske

Jetzt beginnt ein neues Kapitel. Ich kann den 27. Juni kaum erwarten. Wer hätte gedacht, dass eine so aussichtslose Geschichte doch noch eine solche Wendung nimmt. Zum Schluss des Kapitels noch ein Foto von der Baustelle Stalinallee, welches mir Edith B. zugeschickt hat.

Foto Max Ittenbach 1952 jpeg

27.6.2016

Heute ist es soweit. Ich lerne Edith B. persönlich kennen. Daher bin ich schon früh aufgestanden, habe ausführlich gefrühstückt und mich um acht Uhr auf den Weg gemacht. Ich will ja Berlin erwandern, und unser Treffpunkt, ein Restaurantschiff auf der Spree, liegt in einer Gegend, wo ich noch nicht war. Es ist ein wunderbarer, sonniger Tag, ganz anders, als vorhergesagt. Die zehn Kilometer bis zum Treffpunkt vergehen wie im Flug. Edith ist noch nicht da. Also suche ich mir einen schönen Platz an Bord im Schatten, wo wir dann ungestört reden können.

Ich bin in meine Unterlagen vertieft, als Edith plötzlich vor mir steht. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch, habe ich das Gefühl. Edith bietet mir das Du an. Jetzt stelle ich fest, dass ich mich gar nicht vorbereitet habe und bin ein bisschen nervös. Ich wollte alles dem Augenblick überlassen,  obwohl ich über sie viel im Internet hätte erfahren können. Wie jetzt so spontan anfangen?

Edith möchte mich zunächst kennen lernen. Also erzähle ich ihr über mein Projekt, wie ich auf sie gestoßen bin und warum mich ihre Geschichte so gefesselt hat. Sie weiß schon das meiste, denn sie hat sich auf meinem Block informiert. Dann fange ich an. Zunächst will ich wissen, ob ich sie alles fragen kann. Ihre Geschichte, soweit ich sie kenne, hat bestimmt große Wunden hinterlassen. Darf man die ankratzen?  Edith ist eine robuste Frau. Sie kann mit ihrer Vergangenheit umgehen, hat nach ihrer Übersiedlung in den Westen  psychologische Hilfe erhalten, die ihr geholfen hat. Nicht, um zu vergessen, sondern sich der Vergangenheit zu stellen. Sie hat das aufgearbeitet, ihre Stasi-Unterlagen eingesehen und die Orte ihrer Pein wieder aufgesucht.

Das war nicht einfach, wenn man plötzlich mit Schmutz, Bösartigkeiten und Verleumdungen konfrontiert wird. Wenn man erfährt, wer einen verraten und ausspioniert hat. Oder wenn bestätigt wird, dass Menschen, die man persönlich gekannt hat, gegen einen ausgesagt haben. In den Akten wird ein Mensch gezeichnet, der ihr fremd ist. Mehrere Aktenordner sind zusammen gekommen. Praktisch jeder ihrer Schritte wurde festgehalten. Angeheuerte Mitarbeiter der Stasi müssen, um ihr Geld zu erhalten, Dinge erfinden, die Edith belasten. Sie sitzt Tage über den Akten und weint. Sie geht zurück an die Stätte, wo man sie gefangen hielt. Sie engagiert sich mit anderen, um das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und am Schluss ist sie der Mensch, der heute neben mir sitzt: selbstbewusst, stark und bereit, mir über ihr Leben zu erzählen.

Edith schlägt vor, dass wir die Stätten ihrer Vergangenheit besuchen, denn nur so erschließt sich, was sie mir erzählen wird. Wir werden noch einmal um Akteneinsicht bitten, wir werden die Gefängnisse besuchen, in denen sie inhaftiert war und wir werden gemeinsam weitere Dokumente in Archiven durchblättern, damit ich ihre Geschichte  besser begreifen kann.

Edith erzählt mir an diesem Tag, wie ihr Leben begann. Von ihren Eltern und der schwierigen Zeit im Nationalsozialismus. Wir machen kurze Streifzüge durch die verschiedenen Stationen ihres Lebens. Zum ersten Mal blicke ich nach acht Stunden auf die Uhr. Da haben wir uns für ein nächstes Mal verabredet. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Ich muss mich noch bei den geduldigen Obern bedanken, die uns so lange ziemlich ungestört haben reden lassen. Wir verabschieden uns, Edith steigt in ihren Smart, ich wandere zurück in mein Hotel.

Nach dieser ersten Begegnung versuche ich einen roten Faden für diese Geschichte zu finden und nach einiger Überlegung habe ich beschlossen, die Geschichte der Edith B. so zu erzählen: Zum einen werde ich ihr Leben chronologisch darstellen. Daneben werde ich auch von unseren gemeinsamen Treffen berichten, die dann immer einen besonderen Ort zum Thema haben werden. Damit gibt es jetzt jeden Monat  zwei Episoden. Ich freue mich darauf und ich hoffe, Euch geht es genau so.

21. Juni 1933

Als die junge Herta O. am Morgen des 21. Juni 1933 aufstand, hatte sie keine Ahnung, was ihr an diesem Tag zustoßen würde. Wie immer machte sie sich für den Tag zurecht. In wenigen Minuten wollte sie das Haus verlassen, um ihrer beschwerlichen Arbeit als Maschinennäherin nachzugehen. In diesen schweren Zeiten war man froh über jede Arbeit, die ein genügsames Leben ermöglichte. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Folgen der Inflation noch überall zu spüren. Herta O. konnte nicht so wirklich glücklich sein. Erst vor ein paar Monaten hatte sich ihr heißgeliebter Freund Erwin von ihr verabschiedet, um auf eine lange und unsichere Reise zu gehen. Er wollte sie sofort holen, wenn das Projekt erfolgreich war. Herta hatte Erwin vor einigen Jahren beim Tanzen kennen gelernt. Zusammen mit ihm besuchte sie das Tanzstudio „Sichel und Hammer“ beim ASV Fichte Süd. Dort probten sie häufig, um auch in öffentlichen Wettbewerben einen guten Eindruck zu hinterlassen. Mehrfach wurde ihre neue Art des Tanzens durch Preise belohnt und auch mit guten Kritiken in der Presse bedacht. Einige alte Fotos aus der Zeit zeigen, wie sich ihre Gruppe im Ausdruckstanz  darstellte.

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Erwin war nicht nur ein begnadeter Tänzer, sondern auch ein glühender Kommunist und ahnte die Gefahr, die ihm in Deutschland bevor stand. Zusammen mit seinen Kollegen plante er, beim Aufbau des Kommunismus in der Sowjetunion zu helfen. Wie er glaubte, waren Facharbeiter wie er dringend benötigt. Also machten sich die jungen Männer eines nachts auf den Weg heimlich über die deutsche Grenze nach Polen und weiter nach Russland. Herta hatte schon lange nichts mehr von ihrem geliebten Erwin gehört. Längst hätte er ihr eine Nachricht zukommen lassen müssen. Sie war davon überzeugt, dass er sie in der neuen Heimat vergessen hatte und vielleicht ein neues Glück gefunden hatte. Die Vernunft riet ihr, nicht mehr an ihn zu denken. Dennoch küsste sie das Bild des hübschen Mannes. Wie jeden Morgen, bevor sie sich auf den Weg machen wollte.

Im Januar des Jahres war Adolf Hitler als Reichspräsident gewählt worden. Andere Parteien hatten keine charismatischen Führer aufgestellt, und so hatte er die Mehrheit der Stimmen gewonnen. Aber seine Macht war noch nicht gefestigt. Erst durch die Wahlen im März festigte sich die NSDAP. Sie wurde  stärkste Partei, aber zum Beispiel in Berlin erhielten SPD und KPD immer noch über eine Million der Stimmen. Das oberste Ziel der Nazis war es daher, ihre Macht im Staat auszubauen, und zwar mit allen Mitteln. Sie verfügten im Gegensatz zu anderen Parteien über die schlagkräftigen Truppen der SA und SS und setzten diese rigoros im Kampf gegen den politischen Gegner mit allen Mitteln ein. Obwohl noch die Polizei die Staatsmacht verkörperte, setzte sich die NSDAP darüber hinweg. Es begann eine gnadenlose Jagd, hauptsächlich gegen Parteimitglieder der SPD und KPD, die immer noch eine beachtliche Anhängerschaft unter den Arbeitern hatten. In der Woche vom 21.bis 26. Juni begann dann in der gesamten Republik eine gnadenlose Hetzjagd auf alle politischen Gegner und jüdische Mitbürger. Besonders in Berlin und im Stadtteil Köpenick suchten sowohl sowohl SA als auch SS  systematisch alle Häuser der politischen Gegner ab, um sie ein für alle Mal aus dem Verkehr zu ziehen. Und so drangen diese Horden am frühen Morgen des 21. Juni in das Haus der Herta O. ein, in dem sie mit ihrer Mutter lebte. Die hatte aber bereits früher das Haus verlassen.

Die Männer durchsuchten das ganze Haus nach verdächtigen Dokumenten, fanden aber nichts Beweiskräftiges. Die im Kohlenkasten verborgene Liste der Parteimitglieder der kommunistischen Partei entdeckten sie dabei nicht, was ihr nicht half. Herta wurde aus dem Haus gebracht, auf einen bereitstehenden Wagen geschleppt und dann in die Hedemannstraße 5  verbracht. Als man sie im Verhör grün und blau geschlagen hatte, um Informationen aus ihr heraus zu prügeln, stellte man schließlich fest, dass man die Falsche festgenommen hatte. Eigentlich wollte man ihre Mutter festsetzen, die für die KPD arbeitete und die Mitgliederbeiträge einsammelte. Noch in der Nacht wurde sie der Polizeidienststelle Alexanderstraße überstellt und in Schutzhaft genommen. Dieses Gefängnis quoll bereits über mit Menschen, die von der SA aus allen Stadtteilen Berlins hergebracht worden waren. Unter ihnen war auch der Werkzeugmacher Kurt B., den Herta an diesem Abend kennen lernte.

Am Morgen des nächsten Tages wurde Herta O. entlassen, da es keine belastenden Beweise gegen sie gab. Mit zerschundenem Körper , einem Gesicht, das in allen Farben leuchtete, quälte sie sich in ihr Haus zurück. Sie war gedemütigt worden, hatte den schlimmsten Tag ihres Lebens erlebt. Aber was ihr Hoffnung gab: sie hatte sich in Kurt B. verliebt.

9. Juli 2016

Ich mache mich auf den Weg nach Stollberg in Sachsen zum Zuchthaus Hoheneck, in dem seit 1945 politische und andere weibliche Straftäter einsaßen. Bereits im Jahre 1862 wurden die Reste der ehemaligen Burg  abgetragen und die „Weiberzuchtanstalt Hoheneck“ für bis zu 600 Gefangenen errichtet. Aber bereits im Jahre 1886 wurden die Frauen umgesiedelt, um Platz für Männer und Jugendliche zu machen.  Die schlimmste Zeit erlebte das Zuchthaus während der sowjetischen Besatzungszeit, wo Frauen unter den unmenschlichsten Bedingungen und  unter fadenscheinigen Gründen eingesperrt wurden. Ab 1954 ließen verschiedene Volkseigene Betriebe im Auftrag westdeutscher Firmen im Zuchthaus Waren für wenig Geld produzieren. Die Auftragslage war oft so angespannt, dass an sechs Tagen in drei Schichten gearbeitet werden musste. Die Frauen selbst erhielten für ihre Arbeit nur Wertmarken in geringem Umfang, die sie in der Kantine gegen Ergänzungen zu ihren kärglichen Mahlzeiten eintauschen konnten. Häufig kommen die Bosse der VEB´s  zu Besuch, um die Insassinnen zu höherer Erfüllung der Arbeitsnormen anzutreiben. Wegen der drei Schichten gab es, außer am Sonntag, praktisch keine Ruhezeiten, denn das Zuchthaus hallte ständig wider vom Geräusch der Arbeit und der Schritte der Insassinnen auf den eisernen Treppen.

1973 wird die DDR als Mitglied in die UNO aufgenommen und verpflichtet sich, die Menschenrechts Konvention einzuhalten. Damit verbessern sich die Haftumstände in Hoheneck geringfügig. Aber zu dieser Zeit sitzen etwa 1600 Frauen ein in einem Gebäude, welches für 600 Frauen geplant war. Ab etwa 1989 werden einige der einsitzenden politischen Häftlinge durch die Bundesrepublik Deutschland vorzeitig freigekauft, andere werden nach Absitzen der Strafe in die DDR entlassen. Zwischen 1989 und 1990 wird das Martyrium der politischen Gefangenen beendet, die Strafanstalt wird teilmodernisiert und dient noch bis April als JVA für Männer, bevor sie endgültig geschlossen wird.

Jetzt sitzt die Stadt Stollberg auf einer Immobilie, mit der sie nichts anzufangen weiß. Schließlich verkauft sie diese für wenig Geld an den privaten Investor Artemis. Der hat die Idee, aus dem Gebäude ein Event-Hotel zu machen. Die Gäste sollen noch einmal erleben, was es bedeutet, in einem Zuchthaus zu leben. Für etwa hundert Euro soll man auf Pritschen schlafen und bei Wasser und Brot einen Tag verbringen. Bereits vorher lockten „Mystische Führungen“ und „Führungen bei Tageslicht“ bis Mai 2007 etwa 17000 Besucher an.

Inzwischen hat sich  der Verein der ehemaligen Hoheneckerinnen gegründet. Dieser bemüht sich, in Stollberg eine Gedenkstätte zu errichten. Sie laden den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff ein, der Hoheneck am 13.5.2011 besucht. Noch heute sind ihm die „Hoheneckerinnen“ dankbar für die Aufmerksamkeit, die er ihnen damals geschenkt hat. Nach ihm war nie wieder eine hochrangige Persönlichkeit auf Hoheneck.

Im Jahre 2012 gründet sich der Förderverein Gedenkstätte Sollberg-Frauenhaftanstalt Hoheneck e.V., der aus dem ehemaligen Zuchthaus eine Gedenkstätte errichten will. Auf Druck dieses Vereins und der ehemaligen Hoheneckerinnen nimmt der Investor Abstand von seinem Hotelbau, da seine Pläne politisch nicht mehr umzusetzen sind. Er nutzt die Gunst der Stunde und verkauft das Gebäude zurück an die Stadt Stollberg. Die sitzt jetzt auf einer verwahrlosten Ruine und hat keinen konkreten Plan, was sie tun soll.

Edith B. trifft sich heute zu einer Mitgliederversammlung der ehemaligen Hoheneckerinnen in der Nähe von Stollberg. Auch über das Vermögen des Vereins muss Klarheit verschafft werden. Anschließend trifft man sich mit anderen zu einer kleinen Gedenkfeier vor dem Schloss. Nun sitzen acht  Damen zusammen, um die rechtlich notwendigen Schritte für den Eintrag ins Vereinsregister zu gehen. Im Gepäck haben sie die Stimmen von weiteren Frauen, die die Beschwerlichkeit oder die Kosten der Anreise nicht auf sich nehmen wollen. Die älteste der Anwesenden ist 92 Jahre alt. Was allen besonders am Herzen liegt ist, dass das begangene Unrecht der letzten Jahrzehnte nicht in Vergessenheit gerät. Darum treffen sie sich einmal im Jahr hier, um der verstorbenen Kameradinnen zu gedenken und über das geschehene Unrecht aufzuklären. Es ist nicht die Haftstrafe selbst, von der die meisten wussten, dass sie bei missglückter Flucht unausweichlich war. Es sind die unmenschlichen Zustände im Gebäude und die unendlichen Schikanen der Wärter. So gab es in den 50er Jahren weder Waschräume noch Toiletten. Hierfür reichte ein Loch in der Mitte der Zelle und ein Napf, der wechselweise zum Waschen und zum Essen benutzt wurde. Die Schikanen, so das berüchtigte Spießrutenlaufen, führten nicht selten zu schweren körperlichen Schäden, oft sogar zum Tode der Gefangenen. Besonders die politischen Gefangenen standen im Fokus der Wärterinnen.

Auch heute wird der Kolleginnen gedacht. Am vom Verein gestifteten kleinen Mahnmal vor dem Schloss werden Blumen niedergelegt. Etwa 70 Menschen sind gekommen, um der Feier beizuwohnen. Der Bürgermeister des Stadt Stollberg, obwohl eingeladen, fehlt. Wie immer.  Einge Musiker aus Stollberg sind erschienen, um den Rahmen für die Veranstaltung zu geben. Sie haben früher oft Konzerte in ihren nahelegenen Schrebergärten gegeben, um die Insassen zu erfreuen. Die haben es ihnen gedankt und mit Tüchern aus den Zellen gewinkt.

Die 92jährige Annerose Matz-Donath erzählt von den unmenschlichen Zuständen zu ihrer Zeit. Sie war damals ohne ordentliches Verfahren nach Hoheneck gebracht worden. Ein Verdacht und die Beschuldigung eines Nachbarn waren für ihre Strafe nach damaligem Gesetz völlig ausreichend. Und die war hart. 25 Jahre Arbeitslager wegen Spionage.

Im Anschluss führen ehemalige Gefangene durch das Gefängnis. Vieles hat sich inzwischen verändert, sie erkennen es selbst kaum wieder. So viele Dinge sind inzwischen umgebaut worden. Und es wird auch wieder gebaut, aber die Arbeiten scheinen eingestellt worden zu sein. Die Baustelle macht einen verwahrlosten Eindruck. Kein schöner Anblick. Obwohl der Gedenktag öffentlich bekannt war, macht sich hier niemand die Mühe, aufzuräumen.

Am frühen Nachmittag endet die kleine Gedenkfeier bei Kaffee und Kuchen auf dem Gelände. Was bleibt? Ein bitterer Nachgeschmack. Die Gepeinigten kämpfen um Anerkennung, auch um Entschädigung. Viele konnten die Kosten für die Reise nicht aufbringen. Das geschehene Unrecht soll vergessen werden. Die Peiniger aber wurden nie zur Rechenschaft gezogen und erhalten heute als ehemalige Staatsdiener eine auskömmliche Rente.

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1. September 1935

Heute wird Edith B. im Bezirk Pankow geboren. Nach dem Aufenthalt im Untersuchungs-gefängnis der Polizei haben sich Herta O. und Kurt B. wieder getroffen. Es war wohl für Beide Liebe auf den ersten Blick. Aber die Zeiten sind für sie schwieriger geworden. Die Kommunistische Partei war bereits durch das neue Regime verboten worden, am Tag ihrer Freilassung trifft es auch die SPD. Das Vermögen der Partei wird eingezogen, um die 3000 Funktionäre durch SA und SS verhaftet,  verschleppt und in Verhören auf brutale Weise misshandelt. Viele von ihnen haben diese grausamen Prozeduren nicht überlebt. Politische Arbeit ist nur noch im Untergrund möglich, aber das muss vorsichtig geschehen, denn die Späher des NS-Regimes lauern überall. Herta O., obwohl neu befreundet, hält mit der Familie ihres ausgewanderten Freundes Kontakt. Vielleicht, um doch noch ein Lebenszeichen von dem Verschollenen  zu hören. Aber da kommt nichts. Erst nach dem Krieg wird die Familie erfahren, dass die jungen Leute, die mit soviel Enthusiasmus aufgebrochen sind, um die Sowjetunion beim Aufbau zu unterstützen, an der Grenze von sowjetischen Grenzschützern abgefangen wurden. Diese hielten sie für deutsche Spione und haben sie kurzer Hand an Ort und Stelle erschossen.

In der Familie von Erwin lernt Herta auch deren Bruder kennen, der allgemein unter dem Namen „Papa Schulze“ in die Geschichte eingegangen ist als der Funker der „Roten Kapelle“. Die Rote Kapelle formierte sich bald nach dem Verbot der KPD und SPD als eine Widerstandsorganisation im Untergrund. Um besonders effektiv zu sein, bildeten sich einzelne, voneinander unabhängige Zellen in verschiedenen Stadtteilen. Die Kommunikation untereinander erfolgte überwiegend durch Funksprüche. Dennoch waren sie schnell auch dem Geheimdienst des NS-Regimes bekannt, der der Gruppe intern diesen Namen verpasste und begann, ihre Funksprüche abzuhören. In der Sprache der Geheimdienste war das Codewort für einen morsenden Funker  „Pianist“ und mehrere „Pianisten“ bildeten eine „Kapelle“. Da alle Mitglieder entweder Kommunisten oder Sozialisten waren, gab das der Gruppe den Namen. Insgesamt bestand die Gruppe aus etwa 150 Mitgliedern.

Die Rote Kapelle hatte einen idealistische Ansatz für ihren Widerstand gegen Hitler. Die Gruppe war lange Zeit der Meinung, dass das deutsche Volk nur über das Unrecht Hitlers aufgeklärt werden müsse. Dann würde es sich langfristig gegen den Diktator erheben. Daher wurden Flugblätter entworfen und heimlich verteilt. Als das Regime begann, gegen die Juden vorzugehen, unterstützte die Rote Kapelle sie finanziell, half bei der illegalen Ausreise oder suchte Unterschlupf für sie. Zu keiner Zeit war aber ein bewaffneter Aufstand gegen das Regime geplant. Erst viel später, als das deutsche Volk in einen Angriffskrieg verwickelt wurde, versuchte die Gruppe durch Spionage Hitlers Sieg zu verhindern. Dies misslang aber. Nachweislich ist nur ein einziger Test-Funkspruch der Gruppe in Russland angekommen.

Herta fand bei den Menschen, die sich politisch so engagierten, eine neue geistige Heimat und auch eine zweite Familie. Gleichzeitig verbrachte sie auch mehr Zeit mit ihrem neuen Freund Kurt, in den sie sich in der Untersuchungshaft verliebt hatte. Kurt wurde auch in den Kreis der Familie ihres früheren Freundes aufgenommen, und die Beiden zu allen Familienfeiern eingeladen. Denkwürdig blieb die Feier zu Sylvester des Jahres 1934, bei der es so hoch herging, dass am Ende nicht mehr daran zu denken war, den Heimweg anzutreten.

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Für die Beiden wurde eine Schlafstätte eingerichtet. Dabei ist es wohl passiert. Im Sommer 1935 war es nicht mehr zu übersehen: Herta war schwanger und würde bald ein Kind zur Welt bringen. Das war eine große Herausforderung für die Beiden. Ihre Einkünfte waren bescheiden und reichten kaum für zwei. Es musste ein neues Zuhause für die  Familie gefunden werden. Die Zeiten waren schlecht für Menschen, die nicht Parteimitglied der NSDAP waren. Aber man wollte dennoch nach reiflichen Überlegungen das Wagnis eingehen. Da half es, dass die Mutter ihres früheren Freundes das junge Paar unterstützte und ihnen eine Wohnung finanzierte, die in unmittelbarer Nähe lag. Noch rechtzeitig vor der Geburt ihrer Tochter wurde geheiratet. Und schon nach acht Monaten erblickte die kleine Edith am 1. September 1935 das Licht der Welt in ihrem neuen Zuhause. Am Montag war der Gang zum Standesamt angesagt. Die Hebamme bestätigte die Geburt und damit war Edith offiziell ein neuer deutscher Staatsbürger. Dass der weitere Weg nicht leicht werden würde , war allen klar.

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23.8.2016

Heute bin ich mit Edith im Untersuchungsgefängnis der STASI in Hohenschönau verabredet. Sie ist dort am Morgen zu einem Interview als Zeitzeuge eingeladen, das gefilmt werden soll. In der Zwischenzeit nehme ich an einer Führung durch das Gefängnis teil. Noch immer interessieren sich große Besuchergruppen für die Geschehnisse, die sich hier abgespielt haben. Bis auf einige Schulklassen aus der Umgebung aber nur wenige Menschen aus den neuen Bundesländern.

Anders als in Hoheneck wurde hier gegenüber den Gefangenen keine physische Gewalt angewendet. Auch die Unterbringung war etwas „komfortabler“. Dagegen war der psychische Druck auf die Gefangenen umso höher. Wer hierhin kam wusste nicht, wo er war. Der Transport zum Gefängnis erfolgte in verdunkelten Autos, die zunächst durch ganz Berlin fuhren, um den Betroffenen die Orientierung zu nehmen. Das Gefängnis selbst war komplett von der Bevölkerung abgeschirmt. Den nahen Angehörigen wurde nicht mitgeteilt, wo sich ihre Verwandten aufhielten. Besuche waren nicht erlaubt, es gab keine Kommunikation nach draußen.

Ziel der STASI war es, nicht nur ein Geständnis zu erzwingen, sondern möglichst auch Mitwisser und Mittäter herauszufinden. In den meisten Fällen ging es um das Vergehen der Republikflucht. Aber auch ein Antrag auf Ausreise genügte, um direkt beim Verlassen der Ständigen Vertretung der BRD verhaftet und verschleppt zu werden. Zum einen war es Aufgabe der Stasi, die Bürger der DDR vollkommen zu kontrollieren. Allerdings war die wirtschaftliche Not des Staates so groß, dass es darauf ankam, möglichst viele politische Straftäter zu verurteilen und sie dann später gegen ein Lösegeld von etwa dreißigtausend Mark in die BRD zu entlassen. Der Freikauf von politischen Gefangenen war neben den Transitgebühren und dem Zwangsumtausch für einreisende Touristen die wichtigste Devisen-Einnahmequelle der DDR.

Die Gefangenen wurden in unregelmäßigen Abständen, oft auch am späten Abend, zum Verhör gerufen und konnten je nach Ausgang mit verschärfter Haft oder Erleichterungen rechnen. Auf jeden Fall wurden diese Verhöre solange fortgesetzt, bis es zu einem Geständnis kam. Dabei wurden alle Mittel des psychischen Drucks angewandt. So konnte es vorkommen, dass ein Mitarbeiter der STASI plötzlich ins Zimmer trat und vom nahen Tod eines Verwandten berichtete, ohne dabei spezifisch zu werden. Erst, wenn es zu einem Geständnis kam, wurde der Verhörte einem ordentlichen Gericht zugeführt und hatte zum ersten Mal die Möglichkeit, einen Verteidiger zu sehen. Die STASI teilte mit der Überführung dem Gericht auch bereits das gewünschte Strafmaß mit, welches dann in aller Regel auch ausgesprochen wurde. Nach dem Urteil wurden die Verurteilten dann in die Strafanstalten der DDR überführt und hofften dann auf ihren Freikauf.

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Nach der Führung bin ich mit Edith verabredet, aber sie ist nicht zu ihrem Interview erschienen. Die psychische Belastung ist zu groß. Noch kann sie nicht wieder hierhin gehen. Wir verabreden uns auf dem Restaurantschiff im Plänterwald, wo wir uns zum ersten Mal trafen. Was geschah nach ihrer Geburt? Was ist ihr aus den ersten Jahren noch erinnerlich?  Es verbringen wieder sechs aufregende Stunden miteinander.

1. September 1939

Edith läuft aufgeregt in der Wohnung ihrer „dritten Oma“ auf und ab. Wieder ist es die Mutter des früheren Freundes der Mutter, die sich um das kleine Mädchen rührend kümmert. Es ist ihr vierter Geburtstag, aber die Eltern sind nicht da. Vor kurzem hat sich ihr Pappi ein Motorrad mit Beiwagen gekauft, das er heiß und innig liebt. Zum ersten Mal geht es mit Mutti auf große Fahrt nach Italien. Da war kein Platz für die Kleine. Also verbringt sie ihre Zeit bei der Oma, die sie am meisten liebt. Ihre Eltern  sind schon seit einiger Zeit unterwegs, und es ist nicht sicher, ob sie wieder pünktlich zuhause sein werden. Edith ist früh aufgestanden, weil sie so sehr auf die Ankunft der Eltern hofft und kann vor Aufregung nicht still sitzen. Sie ist gespannt, was ihr die Eltern zu ihrem Geburtstag aus Italien mitbringen werden und sitzt am Fenster, um die Ankunft nicht zu verpassen.

In den letzten vier Jahren ist viel in ihrem Leben passiert. Manches davon ist ihr nur durch Erzählungen der Mutter erinnerlich, aber es gibt auch Geschichten, die in ihrem Gedächtnis geblieben sind. So denkt sie gerne an die Obhut und Fürsorge ihrer Eltern und der ganzen Familie in der Zeit, die sie in Pankow verbrachte. Ihr Vater hatte nach langer Arbeitslosigkeit wieder eine Stelle als Werkzeugmacher. Aber der karge Lohn reichte vorne und hinten nicht. So kauften sie auf dem Trödelmarkt eine alte, kaputte Nähmaschine, die der Vater wieder instand setzte. Er versah sie mit einem selbstgebauten Motor, damit seine Frau zuhause Näharbeiten für andere verrichten konnte. Da man damit nicht viel Geld erwirtschaften konnte, musste bis tief in die Nacht gearbeitet werden. Das Rattern der Maschine begleitete Edith bis in die vierziger Jahre. Edith erlitt Schlafstörungen und entwickelte einen regelrechten Hass auf Nähmaschinen, der sie noch bis in ihr spätes Leben begleiten sollte. Dass auch damals die Heimarbeiter schon gnadenlos ausgebeutet wurden, zeigen die erhaltenen Dokumente aus der damaligen Zeit.

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Dass sie mit knapp zwei Jahren so krank wurde, dass sie daran fast gestorben wäre, hat ihr ihre Mutter später erzählt. Einen Tag vorher war sie noch mit ihrer Mutter im Zoo gewesen. Dort ging der Zoowärter mit der Gorilladame Susi spazieren. Die riss sich plötzlich von ihm los, raste auf Ediths Mutter zu nahm ihr das Kind aus der Hand. erst nach langem Zureden gelang es dem Wärter, Edith wieder frei zu bekommen. Jetzt liegt sie im Kinderkrankenhaus Pankow, und die Ärzte  reden von einer ernsten Erkrankung mit wenig Überlebenschance. Wenn alles gut gehe, würde die Tochter erblinden oder taub werden. Schließlich untersucht sie ein jüdischer Arzt, der Meningitis diagnostiziert. Er beginnt mit einer jüdischer Arzt Meningitis und beginnt mit einer Behandlung, die  zu keiner schnellen Besserung führt. Ediths Vater ertrug das  Leid seiner Tochter nicht: unfassbare Schmerzen, Lähmungen am ganzen Körper und keine Aussicht auf Besserung. Er beschloss ernsthaft, sich und seiner Familie das Leben zu nehmen, um diesem unerträglichen Leid ein Ende zu bereiten. Aber der unerschütterliche Glaube seiner Frau an ein gutes Ende hielten ihn letztlich davon ab. Tatsächlich zeigten sich nach langer Behandlung erste kleine Erfolge, aber es sollte noch lange dauern, bis Edith wieder laufen und ein normales Leben führen konnte. Edith denkt noch heute oft an den jüdischen Arzt, der ihr das Leben rettete, kurze Zeit selbst aber von SS-Schergen aus seiner Wohnung abgeholt und in ein KZ überführt wurde, wo sich seine Spur verlor.

Ediths Mutter musste tagsüber die fertiggestellte Arbeit zu ihren Kunden bringen. Beim Transport half ihr der Kinderwagen. So konnte sie mehrere Dinge gleichzeitig erledigen. Edith kam an die frische Luft, die Kunden erhielten ihre Kleider zurück, und unter der Matratze gab es ein ideales Versteck für die Flugblätter der Roten Kapelle, die sie als Kurier an einen geheimen Treffpunkt brachte. Als Mutter mit Kleinkind war sie offensichtlich vor dem Zugriff der Gestapo geschützt, denn sie wurde nicht ein einziges Mal kontrolliert.

Für Edith war es unverständlich, dass immer mehr geliebte Menschen aus ihrem Umfeld verschwanden. Ihre Familie war kommunistisch und mit vielen Juden befreundet. Keiner wollte der Kleinen erzählen, was da wirklich vor sich ging. Edith selbst sah überall auf der Straße und in den Wohnungen die Bilder von Adolf Hitler, den sie selbst liebevoll „Adipüppi“ nannte. Aber die Eltern erschraken jedes Mal, wenn sie das sagten und legten die Hände über ihren Mund.

Am 1. Mai 1939 ging die Familie zum großen Volksfest in den Lustgarten und bewunderte das riesige Feuerwerk. Ediths Vater nahm die Kleine auf den Arm, damit sie das auch sehen konnte und sagte zu ihr. „Merke Dir das gut, so beginnt ein Krieg“.

Heute, wo Edith auf die Rückkehr ihrer Eltern wartet, hatte es merkwürdige Nachrichten im Radio gegeben. Seit dem frühen Morgen waren deutsche Soldaten in Polen einmarschiert. War das der Krieg, von dem ihr Vater gesprochen hatte? Aber es hatte doch gar kein Feuerwerk gegeben! Egal, wichtig war einzig, dass die Eltern bald zurück kamen. Am späten Nachmittag war es soweit. Edith hörte schon das Knattern des Motorrades und lief aufgeregt nach draußen. Sie konnte es nicht erwarten, ihre Eltern in die Arme zu nehmen. Die wollten eigentlich noch ein paar Tage in Italien bleiben, aber wegen des Kriegsbeginns wurden sie augenblicklich aus Italien ausgewiesen und waren damit pünktlich zum Geburtstag zuhause. Edith war überglücklich und hoffte natürlich auf ein schönes Mitbringsel. Das bekam sie auch: ihr erstes Dirndl, das sie sofort auspackte und anprobierte. Aber ihr Vater war todtraurig. Sein geliebtes Motorrad, für das er so lange gespart hatte, war kriegswichtig und wurde umgehend von den Nazis konfisziert.

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Der vierte Geburtstag war ein Höhepunkt im Leben der Edith B. Aber auch der letzte, den sie jemals in ihrem Leben gefeiert hat. Denn unauslöschlich für immer war damit der Kriegsbeginn und das spätere große Leid verbunden.

15. September 2016

Edith und ich sind heute mit Frau Kühn verabredet, der Frau des Kunstschmiedes Achim Kühn. Wir wollen uns im Atelier seine Arbeiten und die seines Vaters Professor Fritz Kühn anschauen. Fritz Kühn war der bedeutendste Kunstschmied der DDR. Viele seiner Werke, so der Brunnen am Strausberger Platz, können noch heute besichtigt werden. Wie kommt es zu unserem Besuch? Edith war in ihrer Zeit als Architektin mit der Projektplanung und Bauaufsicht für ein Wohnhaus der Bauaufsicht eines Wohnhauses für die sowjetische Handelsmission beauftragt. Das war kein einfacher Job, an dem schon einige ihrer Vorgänger gescheitert waren. Sie bekam es aber irgendwie hin, das Vertrauen der sowjetischen Beamten zu gewinnen und den Bau fertig zu stellen. Im Rahmen dieser Tätigkeit stand auch die Vergabe der Kunst am Bau an, die für jedes DDR-Gebäude verpflichtend war. Ein bestimmter Prozentsatz der Bausumme war dafür jeweils vorgesehen. Edith wollte damals einem jungen mittellosen, aber begabten Künstler eine Chance geben. Ihre Vorgesetzten entschieden sich aber gegen sie und gaben den Auftrag an einen damals bereits bekannten Kunstschmied, dem Sohn des Professors Fritz Kühn, den Auftrag zur Gestaltung der Eingangstür. Der reichte seine Pläne ein und durfte sie dann umsetzen. Während der Arbeit pfuschten im aber die Sowjets in seine Arbeit und veränderten zu seinem Unmut verschiedene Details. Hierüber ist noch Schriftverkehr erhalten, der widerspiegelt, wie delikat es damals war, dem Willen der Besatzungsmacht zu widersprechen. Achim Kühn beschwerte sich bei Edith und Edith versuchte dem erbosten Künstler klar zu machen, dass man hier mit Bedacht vorgehen müsse. Schließlich kam aber alles zu einem guten Ende, denn die Handelsvertretung bedankte sich bei Edith ausdrücklich für die gute Zusammenarbeit.

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Wir sind für den Nachmittag verabredet. Frau Kühn führt uns durch das Atelier und zeigt uns die verbliebenen Arbeiten ihres Schwiegervaters, die nicht den Weg in Museen gefunden haben. Fritz Kühn war zwar ein hoch angesehener Kunstschmied in der DDR, der auch im westlichen Ausland sehr gefragt war. So wurde er eingeladen, für den deutschen Pavillon der Weltausstellung in Brüssel zu arbeiten. Aber seine Arbeit war nicht unangefochten. Denn seine Werke waren nicht figurativ, sondern abstrakt. Das war den Machthabern und den Kulturverantwortlichen der damaligen Zeit zu westlich dekadent. Fritz Kühn verstand es aber meisterhaft, glaubhaft darzustellen, dass abstrakte Kunst und Sozialismus durchaus miteinander vereinbar waren. Es gibt noch Tondokumente  aus damaliger Zeit, die das belegen. Fritz Kühn war ein  unermüdlicher Arbeiter, für den der Tag nicht genug Stunden hatte. Er gestaltete Brunnen, entwarf Mahnmale und Schmiedekunst, wie Handläufe, Türen, Treppengeländer oder Türklinken für die Prunkbauten des Sozialismus. Auch bei der Restaurierung alter Gebäude war er ein gefragter Mann.Seine Bücher über Kunstschmiede und Fotografie machten ihn weit über die DDR hinaus bekannt.

Frau Kühn verfügt über einen großen Schatz von Dokumenten, Briefen, Tondokumenten und Arbeiten von Fritz Kühn. Sie hat in der von ihr gegründeten Stiftung begonnen, viele dieser Dokumente zu digitalisieren, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Seit Jahren versucht sie, ein Museum zu finden, welches ihre Dokumente ausstellt. Das gestaltet sich schwierig. Entweder ist man an den Dokumenten interessiert oder an den Schmiedearbeiten. Bisher hat sich kein Museum bereit erklärt, des Gesamtwerk von Fritz Kühn auszustellen. Frau Kühn ist aber eine beharrliche Frau, und über den ihr zur Verfügung stehenden Kanälen versucht sie immer wieder,  die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Gesamtwerk ihres Schwiegervaters zu lenken, dessen Arbeit nach der Wende ein wenig ins Abseits gerückt ist.

Sein Sohn Achim hat schon früh begonnen, in die Fußtapfen seines Vaters zu treten.Längst sind auch seine Arbeiten weltweit bekannt. Gerade eben ist in Ypres/Belgien ein langes Fest zu Ende gegangen, das an die Toten und Deserteure im ersten Weltkrieg erinnerte. Millionen Soldaten haben in der Gegend ihr Leben gelassen in einer der erbittertsten Schlachten des Jahrhunderts. Mehr als hundert Kunstschmiede aus aller Welt waren eingeladen, an einem Mahnmal mitzuwirken, welches der Toten gedenkt. Hunderte von Helfern haben mitgewirkt, einzelne Mohnblüten zu schmieden, das Wahrzeichen der Gedenkstätte. Achim Kühn war der einzige Deutsche, der am Mahnmal mitgearbeitet hat.

Aber auch in seiner Heimat gibt es genügend Aufträge. So hat er die Kuppel des Deutschen Kirche und die darauf thronende „Siegende Jugend“ restauriert, den „Erzengel Michael“ der Friedrichswerderschen Kirche, sowie unzählige Eingangspforten, Brunnen und Skulpturen erschaffen. Überall in Berlin begegnet man seinen Kunstwerken. Im ehemaligen Ateliers seines Vaters kann man auch einige seiner kleineren Arbeiten bewundern, die zum Verkauf angeboten werden.

Ein wunderbarer Nachmittag, den ich ohne Edith so nicht erlebt hätte. Und eine Inspiration für eine neue Wanderung. Es ist geplant, am 29. April 2017 zunächst das Atelier zu besuchen und danach einige Werke der beiden Künstler in Berlin zu besichtigen. Ich freue mich auf rege Beteiligung.

 

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16. September 1945

Edith ist erst vor ein paar Tagen zehn Jahre alt geworden und steht vor dem völlig ausgebombten Stettiner Bahnhof. Sie hat eine endlos lange Bahnfahrt, geschätzte vier bis fünf Wochen, von der Ostseeküste hinter sich. Dort konnte sie nicht länger bleiben. Deutsche hatten nichts mehr im inzwischen von Polen besetzten Teil Deutschlands zu suchen. Alle wurden zusammengetrieben und in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Da blieb nicht mal Zeit, die wenigen Habseligkeiten aus dem Versteck zu holen. Nach und nach wurden alle in Viehtransporter verteilt, die bis an die neue Grenze fuhren. Edith gehörte zu den letzten, die zwangsweise ausgesiedelt wurden. Die wenige Habe, die sie mitnehmen konnte, wurde ihr während der Fahrt von marodierenden Banden gestohlen. Die Fahrt im Zug, der nur langsam vorankam, war fürchterlich. Die beiden Bewacher auf der Lok und am Ende des Zuges waren nicht in der Lage, der Raubüberfälle Herr zu werden. Immer wieder hörte man Schießereien, manche Menschen kamen nur noch mit Unterwäsche bekleidet in Berlin an. Ab der deutschen Grenze wurden alle in Personenzüge verstaut. Jetzt gab es wenigstens einige Sitzplätze, aber die Raubüberfälle hielten an und verschonten auch die Kinder nicht. Nun stand Edith also in Berlin, schlotternd und erschöpft, ohne Habseligkeiten und versuchte sich, in der Ruinenstadt zurecht zu finden. Sie wollte so schnell wie möglich ihre Eltern finden, die sie durch die Kriegswirren jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Es gab auch kein Lebenszeichen von ihnen. Also machte sie sich zu Fuß nach auf nach Pankow, wo ihr Elternhaus stand. Was würde sie dort erwarten und was war bis hierher geschehen?

Nach Kriegsbeginn blieb es noch einige Zeit ruhig in Berlin. Zunächst war die deutsche Wehrmacht siegreich und überfiel andere Völker. Edith erinnert sich an eine glückliche Kindheit, umsorgt von der Familie und ihren drei Omis, wie sie immer sagte. Denn auch die Mutter ihres früheren Freundes sorgte sich um sie. Ihr Vater hatte wieder Arbeit gefunden und die Mutter arbeitete Tag und Nacht in Heimarbeit mit ihrer Nähmaschine.  Edith hört noch heute das Rattern und wird später in ihrem Leben noch einmal Erfahrung damit machen. Ihre Mutter hatte eine Jahreskarte für den Zoologischen Garten, und wenn immer es die Zeit erlaubte, ging man in den Tierpark.

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Edith wunderte sich, dass immer mehr Freunde der Familie plötzlich nicht mehr auftauchten. Ihr Vater wurde vom Kriegsdienst zurückgestellt, da er als Werkzeugmacher in der Kriegsindustrie arbeitete.Der Onkel Erwin jedoch, ein bekannter Amateur-Radfahrer, wurde schon früh zur Wehrmacht eingezogen und gehörte zu den ersten großen Verlusten der Familie. Bereits zu Beginn des Feldzuges fiel er in Frankreich im Jahre 1940. Die Eltern konnten Edith kaum erklären, warum sie ihn so plötzlich nicht mehr sah. Auch einer ihrer Großväter starb bereits im selben Jahr.

 

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Am 1. September 1942 wurde Edith in die 3. Volksschule für Mädchen eingeschult. Aber ihre Schulzeit dauerte dort nicht lange.

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Eigentlich waren am 6. Februar 1943 die ersten Schulferien, auf die sich alle Kinder freuten. Aber das Hitler-Regime hatte Angst um seine Kinder in den bereits stark zerbombten Städten. Also beschloss man, sie in ländliche Gebiete zwangsweise umzusiedeln, was damals mit „Kinderlandverschickung“ niedlich umschrieben wurde. Natürlich war auch Edith davon betroffen. Ostern 1943 wurde sie nach Thüringen verschickt. Mit Schulranzen auf dem Rücken, einem Köfferchen in der Hand und einem Namenschild musste Edith sich tränenreich von ihren Eltern auf dem Bahnhof Lichtenberg verabschieden und in Richtung Thüringen in eine ungewisse Zukunft aufmachen.

In Thüringen angekommen, wurden alle Kinder vor dem Rathaus in Reisdorf postiert und ihren Pflegefamilien zugeteilt. Edith hatte Glück und wurde von Frau Müller, die ein gleichaltriges Kind hatte, ausgesucht. Noch heute denkt Edith gerne daran zurück, wie liebevoll sie von ihr gepflegt wurde. Aber der Trennungsschmerz war größer und wog die besorgte Pflege nicht auf. Edith weinte Tag und Nacht. Ihrer Pflegemutter gelang es nach einigen Wochen, sich mit Ediths Mutter in Verbindung zu setzen und sie nach Thüringen zu bitten. Wenig später erschien sie bei ihrem verstörten Kind. Aber jetzt war guter Rat teuer, denn Ediths Mutter konnte sich einem Beschluss der Regierung nicht einfach widersetzen. Schließlich fand man im Dorf einen Amtsarzt, der bereit war, ein Attest auszustellen. Somit durfte Edith mit ihrer Mutter zunächst wieder nach Berlin. Aber das ging nur für ein paar Wochen. Es war verboten, dass Kinder sich in Berlin aufhielten.

Jetzt lernte Edith den Krieg von seiner schlimmsten Seite kennen. Fast jeden Tag wurden Bombenangriffe auf Berlin geflogen. Hauptsächlich nachts warnten die Sirenen vor den herannahenden Flugzeugen. Alle wichtigen Sachen lagen bereit für den Weg in den Luftschutzkeller. So auch Ediths kleine Umhängetasche, die ihre wichtigsten Papiere enthielt. Diese Tasche hat die Zeitläufte überdauert und befindet sich noch heute in Ediths Besitz.

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Ediths Vater weigerte sich jedes Mal, die Familie in den Luftschutzkeller zu begleiten. Der befand sich direkt unter jedem Haus und verband die einzelnen Wohneinheiten unterirdisch miteinander. Einem direkten Angriff auf das Haus hätte er wohl nicht widerstanden. Also blieb der Vater in der Wohnung. „Lieber sterbe ich im Bett, als dass ich unter Trümmern begraben qualvoll ersticke.“ Für Ediths Mutter war das jedes Mal bedrückend, denn sie ließ der Gedanke nicht los, dass sie die Nacht im Keller und wohlmöglich  den Krieg   ohne den Beistand ihres Mannes auskommen musste.

Die Bombenangriffe nahmen nun so überhand, dass die Familie doch wieder nach einer Unterkunft für die Tochter auf dem Land suchen mussten. Eine Lösung bahnte sich während der Sommerferien 1943 an. Die Familie fuhr nach Jershöft,  ein Ostseebad in Pommern, und mietete am Ende der Ferien ein Zimmer mit Küche für Edith, ihre Cousine und die Oma an. Nun war wenigstens ein kleiner Teil der Familie beisammen und Edith ging es besser, obwohl sich ihre Eltern nach Ende der Ferien von ihr verabschieden mussten.

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Alle hatten ein gutes Gefühl. Reisemöglichkeiten an die Ostsee gab es danach nur noch selten. Bis etwa zum Herbst 1944 waren Besuche aus Berlin noch möglich. Bis dahin gab es auch finanzielle Unterstützung, denn die Großmutter konnte mit ihrer kleinen Rente auf Dauer nicht auch noch Edith und ihre Cousine durchfüttern. Edith hatte Glück. Ihr Vater wurde in eine Kaserne in der Nähe versetzt. So gab es die Möglichkeit, dass er sie an den Wochenenden mit dem Fahrrad besuchen konnte. Während dieser Zeit lernte Edith mit großem Fleiß das Radfahren, denn sie wollte unbedingt ihrem Onkel nacheifern, der es auf dem Rad als Amateurfahrer so weit gebracht hatte. Das war nicht einfach, denn das Rad ihres Vaters war viel zu groß, und so gab es die ein oder andere Blessur.

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Später dann, als ihr Vater wieder zurück nach Berlin musste, baute sich Edith aus Schrottteilen ihr eigenes Fahrrad zusammen, mit dem sie bis Kriegsende durch Jershöft und zur Ostseeküste fuhr. Als ab Herbst 1944 keine Besucher mehr aus Berlin kommen konnten, war die Großmutter ganz auf sich alleine gestellt, brachte aber die beiden Kinder irgendwie durch, was nicht immer leicht war.

Edith kam in die einklassige Dorfschule, wo acht Schuljahre in einem Klassenzimmer von einem strengen Lehrer unterrichtet wurden. „Viel gab es da nicht zu lernen“ sagt Edith heute, aber der Hitlergruß am Morgen war wichtig. Wer den nicht richtig aufsagte, wurde hart bestraft. Es gab für die Jungen zwei Hiebe auf den Po und für die Mädchen auf die ausgestreckten Handflächen. Da der Vater seiner Tochter den Hitlergruß streng verboten hatte, begann für Edith eine peinvolle Zeit. Aber wenigstens war der Krieg weit weg. Noch immer konnte man im Sommer in der Ostsee baden. Wenn auch die Nahrung immer knapper wurde, bei den Bauern gab es immer das eine oder andere zu tauschen oder auch zu „requirieren“.

Der Krieg geht schneller als erwartet seinem unheilvollen Ende entgegen. In der Berliner Illustrierten, die Oma immer liest, wird bereits von Greueltaten berichtet, die die Russen bei der Eroberung der deutschen Gebiete anrichteten. So hat Edith besondere Angst davor, dass ihr ein russischer Soldat die Zunge herausschneiden würde. Also übt sie jeden Tag, sich tot zu stellen, um diesem Schicksal zu entgehen. Aber das klappt nicht wirklich. Schon nach kurzer Zeit, wenn sie die Luft anhielt, muss sie immer lachen.

Bald stehen die Russen dann tatsächlich vor den Toren des kleinen Ortes und marschieren im Januar an einem Mittag ein. Es gibt keinen Widerstand. Aber das ist nicht der heroische Einzug einer glorreichen Armee, wie ihn sich Edith vorgestellt hatte. Da kommt ein Haufen armselig gekleideter, kleiner, asiatisch aussehender Männer, alle von den Strapazen des Krieges gezeichnet. Hinter ihnen  ihre Ausrüstung, mehr oder weniger Schrott. Das ist wirklich kein Triumphzug

Außer ein paar alten wehruntauglichen Männern sind da nur noch der Apotheker, der Bürgermeister und der Lehrer. Die werden noch am gleichen Tag  vor den Augen der Bevölkerung standrechtlich erschossen. Von der Besatzungszeit weiß Edith nicht mehr viel. Die kleinen Männer beginnen alles, dessen sie habhaft werden konnten, an sich zu reißen, vergewaltigten die zurück gebliebenen Frauen und sind ständig betrunken. Oma kann im letzten Augenblick noch ein paar Wertsachen verstecken, nur den wertlosen Kinderschmuck legt sie auf sie auf den Küchentisch. Der wird sofort requiriert.

Erst später kommen die gebildeten  Offiziere, die Ordnung in das Chaos bringen.Der oberste russische Befehlshaber hat sich im Leuchtturm einquartiert. Der Krieg ist offiziell noch nicht zu Ende. Von hier oben kann man die Schiffsbewegungen auf der Ostsee beobachten. Die Frauen müssen um den Leuchtturm herum Schützengräben ausheben. Falls es noch deutsche Kriegsschiffe gibt, sollen die von hier aus beschossen werden. Für die Kinder sind die Schützengräben ein Abenteuerspielplatz. Einmal, als gerade ein Geschütz abgefeuert werden soll, schmeißt sich in letzter Sekunde ein russischer Soldat auf Edith, die dort spielt, bedeckt ihre Ohren und schützt damit ihr Gehör vor dem ohrenbetäubenden Knall.

Wie überlebt man in diesen Schwierigkeiten? Not macht erfinderisch, sicher auch Diebe. Der Oberbefehlshaber braucht jeden Tag zum Frühstück 36 Eier. Edith wird mit einer Liste zu den Bauern geschickt. Auf der steht, wieviel Eier jeder abzugeben hat. Edith erhöht die Zahl geringfügig. Damit gibt es auch in ihrer kleinen Hütte täglich Eierspeisen.  Oma hat inzwischen den versteckten Schmuck gegen eine Kuh getauscht. Jetzt gibt es Milch und ab und zu auch Butter. Und manchmal wundert sich Edith, wo das Huhn im Topf herkommt. Bis dann kurz darauf eine Bauersfrau zu hören ist, die an die Tür poltert und schreit: „Ich weiß, wer mein Huhn gestohlen hat“.

Kurz nach Ende des Krieges kommen die Polen in ihre neu zugeteilte Heimat. Sie vertreiben schon bald alle Deutschen, die sich zunächst zu Fuß und dann im Gütertransport auf den Weg in den verbliebenen Teil von Deutschland aufmachen müssen. Edith packt noch schnell ein paar Sachen für den Weg, darunter auch ihre geliebte Puppe Hannelore. Die ist so groß, dass sie sie unter den Arm nehmen muss. Kurz vor der Abreise sieht ein polnisches Kind die Puppe und schreit laut. Sie will sie unbedingt haben. Also was bleibt Edith übrig, als sich von ihr zu trennen.

Jetzt endlich steht Edith nach der langen Reise mit ihrer Kusine und der Oma am Stettiner Bahnhof und macht sich auf den letzten Teil der Reise durch das zerbombte Berlin zu ihrem Elternhaus in die Thulestraße nach Pankow.  Sie hat keine Ahnung, was und wen sie dort antreffen wird. Leben ihre Eltern noch? Ist ihr Vater unversehrt aus dem Krieg zurück gekehrt und ist ihr Haus von den Bomben verschont worden?

Am Stadtrand von Berlin gibt es weniger zerbombte Häuser , und so hofft sie innig, dass das Haus ihrer Eltern noch steht. Eine Querstraße vor dem Ziel blickt sie vorsichtig um die Ecke und ist erstaunt: in ihrer Straße hat es fast keine Schäden gegeben. Ihr Elternhaus steht noch wie in alten Zeiten. Also geht sie rasch weiter, klopft  an die Eingangstür und liegt wenige Minuten später in den Armen ihrer Mutter. Die Freude ist groß. Aber wo ist ihr Vater? Das klärt sich schnell. Der hat den Krieg gut überstanden, arbeitet bereits wieder in seiner alten Fabrik und hat den Einzug der Russen überlebt. Als ehemaliger Kommunist im Hitlerreich hatte er wenig zu befürchten. Außerdem brauchen ihn die neuen Machthaber dringend dazu, seine alte Fabrik abzubauen und für den Versand nach Russland vorzubereiten. Am Abend ist es soweit. Der Vater kommt von der Arbeit nach Hause. Die kleine Familie liegt sich tränenreich, aber glücklich, in den Armen.

Der Alltag beginnt. Edith muss  bei der Verwaltung angemeldet werden und wieder zur Schule gehen. Aber damit lässt sich Ediths Mutter noch Zeit. Sie hat festgestellt, dass die wunderschönen langen Haare ihrer Tochter mit Läusen übersät sind. Hätte man das beim Amt festgestellt,  würde die Behörde eine Komplettrasur und Entlausung anordnen. Also entschließt sich Ediths Mutter, die Läuse auszukämmen und dafür lieber auf die Lebensmittelmarken für die Tochter zu verzichten. Die gibt es nämlich erst nach der Anmeldung. Es dauert einerseits drei Tage, bis auch die letzte Larve gefunden ist. Und ist andererseits sehr schmerzhaft, da Ediths Haar während der langen Flucht ziemlich verknotet ist. Als das endlich geschafft ist,  können die Formalitäten erledigt werden.

19.10.2016

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Heute treffe ich mich mit Edith am Kossinsee. Dort war während der DDR-Zeit ein internationaler Campingplatz, auf dem auch einige privilegierte Bürger ihren Wohnwagen aufstellen durften. Damals galt das auch noch für Ediths Familie. Da der Weg zum  See zu beschwerlich ist, fahren wir ein Stück weiter zum Anglertreff und genießen ein frisch gefangenes Stück Zander. Edith hat eine Menge Fotos mitgebracht, die noch für den bisherigen Teil ihrer Geschichte gedacht waren. Außerdem gibt es einige Korrekturen, die eingearbeitet werden müssen. Die Zeit verfliegt so schnell, dass wir gar nicht an der Geschichte weiter arbeiten können. Das werden wir auf nächsten Monat verschieben. Auf dem Rückweg habe ich eine Idee. Am nächsten Morgen will ich zur Stasi-Behörde gehen und um Einsicht in meine Unterlagen bitten. Gibt es überhaupt irgend etwas? Als Jugendlicher habe ich ein paar mal meinen Großvater in Eisleben besucht und bin dort immer von der FDJ zum politischen Gespräch eingeladen worden. Mehrmals bin ich an der Grenze stundenlang verhört worden, als ich Zeitungen oder Bücher bei mir hatte und ich habe unerlaubter Weise die Berliner Grenze überschritten und meine Verwandten besucht. Ob es darüber Akten gibt? Ich bin gespannt und habe gleich das notwendige Formular an die Behörde abgeschickt.

Spätsommer 1947

Das Leben läuft wieder etwas runder. Ediths Eltern sind mit dem Ehepaar Mia und Franz Sander befreundet. Die waren bereits in den dreißiger Jahren aus dem Memelland ins gleiche Haus gezogen. Während des Krieges hatte man immer unter der Bettdecke Radio BBC gehört, um zu wissen, wie es in der Welt wirklich zuging. Später flüchtete auch Mias Schwester nach Berlin. Kurz nach dem krieg bauten sich die Sanders ein Geschäft auf und zogen nach Oranienburg. Schon bald war klar, dass gute Beziehungen zu den Russen manche Geschäfte deutlich erleichterten. Der florierende Autohandel und vor allem die Reparaturwerkstatt waren auf die Lieferung von Ersatzteilen angewiesen. Die waren knapp. Aber wenn man einen russischen Soldaten kannte, dann konnte der schon mal eine LKW-Tür besorgen, wenn man sie sonst nirgends bekam. Schnell spricht sich herum, dass man bei den Sanders fast jeden Wunsch erfüllen kann, obwohl es praktisch keine Ersatzteile gibt. Das Geheimnis heißt Galiano und ist ein russischer Offizier, der unmögliche Dinge möglich macht. Schnell entwickelt sich über die geschäftliche Basis auch eine Freundschaft zwischen den Sanders und Galiano. So kommen die Sanders nach kurzer Zeit auch zu einem Doppelgrundstück am See. Auf dem einen baut er sein Geschäftshaus, auf dem anderen steht bereits ein Sommerhaus, dass Franz Ediths Eltern für die Sommermonate zur Verfügung stellt. Somit fährt man an jedem schönen Wochenenden hinaus an den See. Für Essen und Trinken, auch Alkohol, ist immer gesorgt. Das kommt wohl überwiegend aus dem russischen  Offizierskasino.

Aber natürlich war es ein langer beschwerlicher Weg bis dahin. Die russische Besatzungsmacht verpflichtete die gesamte Bevölkerung, Bäume in den umliegenden Wäldern zu fällen. Für den herannahenden strengen Winter benötigt man Brennmaterial. Öl oder Gas  gibt es nicht. Kohle wird in der Industrie eingesetzt. Als Belohnung dürfen    die Arbeiter die Baumwurzeln ausgraben und für sich behalten.

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An einem dieser Tage wird Ediths Mutter von dreizehn bewachenden russischen Soldaten überfallen und vergewaltigt. Ihr Mann, der bei ihr ist, wird mit vorgehaltener Pistole daran gehindert,  ihr beizustehen. Dieses Ereignis hat die nächsten Jahre der Beziehung ihrer Eltern schwer belastet. Es ist gezeichnet von gegenseitigen Vorwürfen, die aber nie ausgesprochen wurden. „Warum hast Du mir nicht geholfen?“, „Warum hast Du das zugelassen?“. Von diesem Tag haben sich Ediths Eltern langsam auseinander gelebt, ihre Liebe zueinander war wohl erloschen. Aber der gemeinsame Kampf um die Familie und das Überleben hat sie noch eine Zeitlang zusammengehalten.

Die Demontage der Fabrik, in der Ediths Vater beschäftigt ist, ist inzwischen abgeschlossen. Eigentlich gibt es dort jetzt keine Arbeit mehr. Es werden aber dringend Arbeiter benötigt, die beim Wiederaufbau in Russland benötigt werden. Eines Tages kommt Ediths Vater nach Hause und berichtet davon. Er ist verpflichtet worden. Aber weder Edith noch ihre Mutter halten viel davon. Man glaubt nicht, dass man in Russland eine Zukunft hat. Man hört viele Geschichten, wie es den Deutschen unter dem Stalin-Regime ergangen ist. Der Vater beschließt also, sich in den Westsektor Berlins zu Verwandten abzusetzen und dort zu warten, bis die Sache ausgestanden ist. Bereits wenige Tage danach stehen Militärwagen vor der Tür, um die Familie nach Russland zu evakuieren. Der Hausherr, der mit seinen Fachkenntnissen am dringendsten benötigt wird, ist nicht anwesend. Also beschließt man, auf seine Rückkehr zu warten. Der kommt aber natürlich nicht wieder. Daher ziehen die Soldaten nach einiger Zeit unverrichteter Dinge ab. Erst viel später, als der Abzug der Fabrik beendet ist, kehrt Ediths Vater nach Hause zurück und muss sich eine neue Arbeit suchen. Das ist nicht so schwer, wie gedacht In den Schulen werden dringend Lehrer benötigt, da die meisten im Krieg gefallen oder in Gefangenenlager gebracht wurden. Da wird jeder, der eine Ausbildung oder Fertigkeit nachweisen kann, schnell umgeschult.

Edith geht nun wieder zur Schule, ist aber ein sehr schwieriges Kind. Traumatisiert, abgekapselt und still, auf der anderen Seite aber  auch aufsässig und nicht bei der Sache. Ihr erstes Zeugnis, das auf ein Stück Papier geschrieben wird,  gibt ihr keine guten Noten. Besonders wegen ihres Betragens sei die Versetzung nur auf Probe  erteilt. Sollte es kurzfristig keine Besserung geben, müsse sie eine Klasse zurück.

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Dass Edith nicht umgehend sitzenbleibt, hat sie wohl dem guten Ruf ihres Vaters zu verdanken, der als Lehrer bekannt ist. Die Sommerferien sind für Edith gestrichen. Der Vater übt jeden Tag mit ihr. Stundenlang. Dabei stellt er auch eine wohl angeborene Leseschwäche fest, die Edith bisher gut zu überspielen wusste. Sie hört nämlich aufmerksam zu, wenn andere etwas vorlesen und kann es dann aus dem Gedächtnis fehlerfrei wiederholen. Mit dem Finger fährt sie dabei an den Zeilen entlang, als ob sie dem Text folgt. Aber ihren Vater kann sie nicht täuschen. Der paukt mit ihr solange, bis sich erste Erfolge einstellen. Schließlich ist Edith soweit, dass sie in der Klasse bleiben kann und bessere, wenn auch nicht gute Zeugnisse erhält. Bis es soweit ist, wird es noch einige Zeit dauern.

Es wird Herbst. Da gibt es Verdienstmöglichkeiten für die Mutter bei der Erntehilfe außerhalb Berlins. Die Entlohnung erfolgt in Naturalien. Das ist wertvoller, als Geld. Ediths Mutter schleppt sich mit einem Zentner Kartoffeln und einer Bescheinigung des Bauern am Abend zurück nach Hause und kommt in eine Kontrolle. Sie wird auf der Stelle verhaftet. Ihre Bescheinigung über den rechtmäßigen Besitz hilft ihr nicht. Die Kartoffeln werden beschlagnahmt, sie selbst wird zu Gefängnis verurteilt, aber kurz darauf von Wilhelm Pieck begnadigt.

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Das bescheidene Lehrereinkommen des Vaters reicht nicht, um die Familie zu ernähren. Also müssen alle mithelfen. Sie sind mit Heimarbeit beschäftigt, die auch nicht viel abwirft. Es werden Baskenhüte gefertigt. Der Vater baut ein Werkzeug, damit die Arbeit schneller von der Hand geht. Im  Sommer  verkauft die Mutter Eis, später wird sie Verkäuferin für Fleisch- und Wurstwaren in der HO.

Mit zwei Einkommen wird das Leben etwas einfacher, hin und wieder kann man sich ein bescheidenes Extra leisten. Dazu gehören besonders die Wochenenden bei den Freunden am See, zu denen auch häufig der Russe Galiano hinzu stößt. Seine großzügigen Mitbringsel aus der Kantine sind immer hoch willkommen. Wenn man ihn in der Kaserne besuchen will, geht das ziemlich leicht. Die Kaserne wird durch einen Bretterzaun abgesichert. Die Bretter stehen aber weit auseinander, und wenn man etwas nachhilft, entsteht eine Lücke, die groß genug ist, um hindurch zu schlüpfen. Alle sind beisammen, Edith mit ihren Elter, die  Sanders und Galiano. Es geht hoch her, der Vodka macht die Runde. Aber plötzlich stürmt in diese Feier eine Meute russischer Soldaten und nimmt Galiano in Gewahrsam. Die anderen entgehen wohl nur einer Verhaftung, weil sie ein kleines Kind bei sich haben. Jedenfalls dürfen sie das Kasernengelände unbeschadet verlassen. Man munkelt, dass Galiano wegen seiner krummen Geschäfte aufgeflogen ist und zurück nach Russland geschickt wurde. Ob man dabei auch Querverbindungen zu ihnen aufgedeckt hat? Wird die russische Militärpolizei bei ihnen aufkreuzen? Die nächsten Wochen sind voller Aufregung.

27.1.2017

Gibt es Zufälle im Leben? Sind Dinge, die geschehen, vorherbestimmt? Oder passieren sie einfach so? Als Edith etwa acht Jahre alt ist, wird sie an die pommersche Ostseeküste evakuiert. Ein Jahr später bin ich etwa zwanzig Kilometer davon entfernt geboren worden. Mehr als siebzig Jahre später treffen wir zum ersten Mal aufeinander und ich will ihre Geschichte erzählen. Das ist bemerkenswert, aber möglich. Heute soll es aber noch viel merkwürdiger werden.

Wir sind mit Herrn Obeth im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner verabredet. Ich verlasse heute meinen eigentlichen Betätigungsraum und fahre mit Edith nach Brandenburg. Das hat einen besonderen Grund. Das Institut sammelt und archiviert Nachlässe und Fundstücke berühmter Architekten der DDR und stellt sie Museen und wissenschaftlich Interessierten zur Verfügung. Da ist bereits eine Menge zusammen gekommen. Aber natürlich ist man sehr darin interessiert, noch unbekannte Objekte als Nachlass oder Vorlass zu erhalten. (Vorlässe sind übrigens Überlassungen zu Lebzeiten) Wir treffen neben Herrn Obeth auch Frau Anja Pienkny, die am Institut als Diplom Archivarin arbeitet.

Edith hat viele Jahre mit dem wohl berühmtesten Architekten der DDR, Josef Kaiser, zusammengearbeitet. Wir dürfen uns anschauen, was das Institut von ihm zusammen getragen hat, vieles aus seinem persönlichen Nachlass. Da die schöpferischen Arbeiten der Architekten während der DDR Zeit  immer in das Eigentum des Staates übergingen, gibt es wenig offizielle Bauzeichnungen, dafür aber um so mehr Fotos, Skizzen, Gedanken zur sozialistischen Baukultur und persönliche Erinnerungen aus dem Besitz der Familie. Ich durfte einige Fotos machen.

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Edith kann die Anwesenden überraschen. Sie hat eine Menge Dokumente aus jener Zeit im privaten Besitz und hat einen Teil davon mitgebracht. Das sind Fotos von Betriebsaus-flügen oder anderen Begebenheiten, einige Schriftstücke und auch ein Gedicht von einer Betriebsfeier, in dem in jeder Zeile ein bedeutender Architekt oder Mitarbeiter in witziger Weise vorkommt.

Edith möchte, dass diese Dokumente nach ihrem Ableben nicht im Müll landen. Mit vielen verbindet sie eine lange persönliche Erinnerung. Sie will heute erfahren, ob das Institut daran Interesse hat. Dann wäre sie sicher, dass diese Dokumente auch nachkommende Generationen noch einsehen können. Aber das macht nur Sinn, wenn sie zu den Dokumenten auch ihre persönlichen Erfahrungen einbringen kann. Die Mitarbeiter schauen sich alles an und sind begeistert. Sie sind sehr daran interessiert, diese Dokumente zu erhalten. Gleichzeitig wollen sie schon heute etwas mehr über Ediths Lebensweg erfahren. Wir haben genügend Zeit, um über die Zusammenarbeit mit ihrem früheren Chef zu erfahren.

Aber wie das in solchen Fällen wohl häufig ist, erklären sich manche Sachverhalte nur, wenn sie in einem größeren Zusammenhang erzählt werden. Also berichtet Edith auch über ihre Jugend und Schulzeit in Pankow. Frau Pienkny fragt, welche Schule das war und wo genau sie gewohnt habe.  Edith nennt die Straße und Frau Pienkny schweigt einen Augenblick. Dann sagt sie „Die Strasse ist aber sehr lang. Wo denn da genau?“  und Edith nennt die Hausnummer. Jetzt ist es für eine Sekunde mucksmäuschen still. Dann “ Da wohne ich jetzt mit meiner Familie seit vielen Jahren“.  Natürlich wird sofort gecheckt, ob man wirklich das gleiche Haus meint. Es werden viele Einzelheiten ausgetauscht und es stellt sich heraus, dass das Haus immer noch den gleichen Grundriss hat, aber modernisiert wurde. Die Gemeinschaftstoiletten sind  Bädern gewichen, aber noch immer gibt es Wohnungen mit nur einem Zimmer und der Küche. Darin hat Edith mit ihren Eltern im vierten Stock gewohnt. Wie der Zufall es will, hat Edith ein paar Fotos aus der damaligen Zeit mitgebracht. Frau Pienkny erzählt, dass es vordem Haus einen Stolperstein für eine Jüdin gibt und ob Edith etwas über die Frau wisse. Natürlich weiß sie etwas. Die Dame hat oft mit ihr gespielt, wenn ihre Mutter mal unterwegs war und Edith erinnert sich daran, wie sie eines Tages im Hof gespielt hat. Da wurde sie von zwei Männern aus dem Haus geführt und hat ihr  noch ein Buch von Jonathan Swift zum Abschied geschenkt. Edith hat erst viel später begriffen, was da passiert war.

Frau Piekny erzählt uns, dass ihre Mitbewohner alle sehr an der Geschichte des Hauses interessiert sind, aber wenig wissen. Also beschließen wir, dass wir uns an einem lauen Sommerabend bei einem Glas Rotwein im Hof treffen werden, Edith über ihr Leben im Haus berichtet und ich vielleicht ein bisschen aus ihrem Leben vorlesen werde. Edith hat jetzt eine Menge Arbeit mit der Zusammenstellung und Aufbereitung ihrer Sammlung.

Aber bevor ich es vergesse: Herr Obeth, der uns eingeladen hat, ist der Verfasser und Herausgeber eines Buches über die Stalinallee. In einem Kapitel „Die Helden der Stalinallee“ erwähnt er den Maurerlehrling Edith B. Dieses Kapitel war der Schlüssel, um Edith zu finden und ihre Geschichte zu erzählen. Seit heute bin ich felsenfest davon überzeugt: es gibt paranormale Phänomene.

September 1952

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Inzwischen hat sich das Leben normalisiert. Im Vergleich zu den Kriegswirren geht es langsam bergauf. Der Vater hat seinen gesicherten Beruf als Lehrer, die Mutter verdient etwas zum Lebensunterhalt dazu und Ediths Leistungen in der Schule werden stetig besser. Dabei hilft ihr auch die Versetzung in eine Parallelklasse. In ihrer bisherigen Klasse sind nämlich ausschließlich Kinder besser gestellter Eltern. Sie will zu den Arbeiterkindern und  dem hübschen Lehrer, der von allen Mädels angehimmelt wird. Es ist die Zeit der die ersten Tanzcafes. Am Sonntagnachmittag  drücken sich draußen die Mädels der Schule an den Fensterscheiben die Nase platt, um zuzuschauen, wie ihr hübscher Lehrer die Damen zum Tanz auffordert. Der Lehrer erkennt aber auch Ediths Talente und fördert ihre Begabung. Natürlich will sie ihn nicht enttäuschen, den sie so anhimmelt.

Edith kommt zu den Jungen Pionieren. Ihre Mutter will das. Zum einen möchte sie, dass ihre Tochter sozialistisch erzogen wird. Das ist sie ihrer Herkunft schuldig. Zum anderen gibt es aber auch extra Marken für Bekleidung. So erhält Edith einen nagelneuen Rock und eine Bluse. Obwohl oder weil ihre Eltern religionslos sind, will Edith unbedingt den Religionsunterricht besuchen. Besonders ihr Vater will sie davon abhalten, aber sein Wille hat immer weniger Gewicht in der Familie. Edith setzt sich durch und sagt heute, dass es nicht der Glaube an einen Gott war, der ihre Entscheidung herbeiführte. Vielmehr sind es die christlichen Werte und die Befolgung der Gebote, die sie stark beeindruckte.  Besonders das achte Gebot ist zu ihrem Leitsatz geworden „Du sollst kein falsches Zeugnis von Dir geben über Deinen Nächsten.“

Ediths Mutter denkt an ihre Zeit, als ihr Traum vom Tanzen unerfüllt blieb. Jetzt möchte sie, dass ihre Tochter in ihre Fußtapfen steigt und meldet Edith bei der strengen Tanzlehrerin Arne Molander an. Die bestraft jeden Fehler umgehend mit Stockschlägen auf die Stelle, die nicht regelgerecht positioniert ist. Edith kann mit klassischem Ballett nicht viel anfangen, sie möchte lieber Stepptanz lernen und setzt ihren Willen durch. Ihre Mutter spart sich die Kosten regelrecht vom Munde ab. Der Kursus kostet immerhin vierundzwanzig Mark im Monat.

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In der siebten Klasse kommt eine neue Direktorin an die Schule. Es herrscht immer noch Lehrermangel, besonders in den unteren Klassen. Die Direktorin setzt Edith als Hilfslehrerin ein und möchte, dass sie später Lehrerin wird. Also empfiehlt sie die Versetzung auf die Oberschule, was auch geschieht..

Inzwischen hat der Vater eine Lehrerkollegin kennengelernt und trifft sich heimlich mit ihr in der Sommerfrische in Oranienburg. Ediths Mutter erfährt davon erst später durch einen anonymen Brief. Sie ist entsetzt, dass ihre beste Freundin Mia ihr nichts davon erzählt hat, obwohl sie direkt daneben wohnt. Das wird sie ihr ihr ganzes Leben lang nicht verzeihen.

Ediths Eltern hatten sich aber schon lange vorher auseinander gelebt. Die täglichen Sorgen, bei kleinem Einkommen über die Runden zu kommen, zerrüttete die Liebe zwischen den Beiden. Edith erinnert sich daran, dass nie Geld für Naschereien übrig war. Sowohl ihr Vater als auch sie stahlen hin und wieder einen Teelöffel Zucker aus der Dose. Doch die Mutter bemerkte es, weil sie einen Strich an die Dose machte und beide zur Rechenschaft zog.

Ediths Mutter wird schwermütig, aber auch gewalttätig. Ihr Vater, der niemals die Hand gegen seine Tochter erhoben hat, bemerkt die Blessuren an Edith und ist entsetzt. Eines Tages schließt sich die Mutter in der Küche ein. Nur mit roher Gewalt kann der Vater den Türrahmen sprengen und seine Frau von einem Sprung aus dem vierten Stock abhalten. Bevor er das Haus endgültig verlässt, flickt er die gebrochenen Stelle notdürftig.

Edith lebt jetzt mit ihrer Mutter allein in der kleinen Einzimmerwohnung mit Küche und einer Gemeinschaftstoilette im Zwischengeschoss. Ihr Vater ist zu seiner neuen Frau gezogen, die ein Kind in die neue Ehe bringt. Danach kommen noch vier weitere Kinder zur Welt. Einer seiner Söhne erhält den Namen Erwin zum Andenken an seinen Onkel, den berühmten Radfahrer, der so früh im Krieg gefallen war. Leider hat er seit seiner Geburt eine Hasenscharte, die ihn sehr entstellt und beim Sprechen hindert. Edith kümmert sich darum, dass er in der Charite operiert wird. Seine Entstellung wird nahezu ganz behoben.

Das Leben für die beiden Zurückgelassenen wird immer schwieriger. Der Vater muss selbst für eine große Familie sorgen. Von ihm sind keine großen Zuwendungen zu  erwarten. Ihre Mutter schließt sich wieder in der Küche ein.Dieses Mal ist es Edith, die die Tür eintritt und zu ihr stürzt.Sie reißt ihre Mutter an sich und schreit „Verlass mich nicht, verlass mich nicht“.

Edith weiß, dass sie die Schule nach dem neunten Schuljahr  nicht weiter besuchen kann. Bei ihrer Mutter, die sie mit dem Selbstmordversuch schwer enttäuscht hat, kann sie nicht mehr bleiben. Also zieht sie zu ihrem Vater. Der hat aber schon genügend Mäuler zu stopfen. Also sucht Edith nach einer Arbeit und findet eine Anstellung als einer der ersten weiblichen Maurerlehrlinge in der DDR. Sie wird in der Stalinallee arbeiten  und schon bald mit einem der größten politischen Ereignisse der Zeit konfrontiert werden.

 

26.2.2017

Heute haben wir uns zu einer Rundfahrt entlang der deutsch-deutschen Grenze verabredet. Edith holt mich am Bahnhof Baumschulenweg ab. Unsere erste Station ist der Britzer Zweigkanal. Dort hat Chris Gueffroy zusammen mit einem Freund versucht, den Kanal zu durchschwimmen und in den Westen zu gelangen. Die Zeiten schienen für die Beiden günstig. Es war 1989, die Schießereien an der Grenze hatten abgenommen. Für den nächsten Tag war ein Staatsbesuch in der DDR  angesagt. Da würden die Grenzsoldaten doch nicht für schlechte Schlagzeilen sorgen. Aber die beiden Freunde irrten sich. Sie  hatten bereits in der Nacht zum 6.Februar die Hinterlandmauer und den Grenzzaun überwunden, als zwei Soldaten sie anriefen und nach einigen Warnschüssen das Feuer auf sie eröffneten. Chris Gueffroy wurde durch mehrere Schüsse tödlich getroffen. Er brach am Grenzzaun zusammen. Sein Freund  wurde schwer verletzt ins Gefängniskrankenhaus gebracht und anschließend zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Bereits im Oktober 1989 wurde er dann nach Westberlin abgeschoben. Chris Gueffroy war der letzte Flüchtling, der an der Mauer erschossen wurde. Zu seinem Gedenken wurde an seinem fünfunddreißigsten Geburtstag an der Stelle seines Todes eine Gedenktafel aufgestellt. Die Straße, die über den Britzer Zweigkanal in den Westen führt, trägt heute seinen Namen.

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Weiter geht es zur Waltersdorfer Chaussee, dem ehemaligen Grenzübergang für Reisende vom Flughafen Schönefeld. Hier wurden aber auch Asylanten, die in Schönefeld landeten, in den Westen abgeschoben. Der Übergang Walterdorfer Chaussee war der erste, der 1991 für DDR-Bürge geöffnet wurden, noch bevor dies an der Bornholmer Straße geschah.

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Die nächste Station führt am Altglienicker Kosmosviertel vorbei zum Friedhof. Das Kosmosviertel war einer der großen Bauabschnitte, die nach dem Krieg die Wohnungsnot beseitigen sollten und hat große Ähnlichkeit mit den anderen Großbauprojekten in Ost- und Westberlin. Wer es sich leisten konnte, ist inzwischen weggezogen. Heute leben hier überwiegend Rentner, Russlanddeutsche und Asylbewerber, eine explosive Mischung. Nirgends ist die Zustimmung für die AfD größer, aber selbst bürgerliche Parteien begeben sich mit extremen Parolen auf Stimmenfang. Die Stadt versucht mit Quartiers-management und Fördermitteln, die Situation zu entspannen und ein friedliches Miteinander der Bewohner zu erreichen. Insbesondere Projekte zur Integration Jugendlicher in Millionenhöhe sind geplant oder bereits in der Umsetzung.

Auf dem Weg zum Altglienicker Friedhof gibt es eine schwer zu findende Stelle, an der die Alliierten  1955 einen etwa 430 Meter langen Spionagetunnel gebaut haben, der es ermöglichte, Telefonate abzuhören. Es dauerte etwa elf Monate, bis die Spionageabwehr der DDR den Tunnel entdeckte und zuschüttete. Bis dahin wurden etwa vierhundert-tausend Gespräche abgehört und ausgewertet.

Der Friedhof in Altglienicke stand teilweise im Sperrgürtel und war hinter der Feierhalle durch eine Mauer abgetrennt. Erst nach der Grenzöffnung konnten die Besucher sehen, wie es dort aussah. Es gibt einige alte Gräber und Gedenksteine für die Toten beider Weltkriege. Heute gehört das etwa  23500 Quadratmete große Gelände zu den eingetragenen Baudenkmälern in Berlin. Ediths Mann wurde auf dem Friedhof Altglienicke begraben. Wir statteten einen kurzen Besuch ab und werden im Frühjahr wieder kommen, um ein paar Blumen zu pflanzen.

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Den Abschluss unserer Tour bildete ein Besuch der Hinterlandmauer an der Rudower Höhe. Durch diese Mauer, die weit entfernt von der eigentlichen Mauer errichtet wurde, entstand ein riesiger Grenzstreifen, der von den Volkspolizisten mühelos überwacht werden konnte. Heute sind nur noch wenige Reste zu besichtigen,  so der etwa 450 Meter lange Streifen in Rudow, der in die Denkmalliste eingetragen wurde.

Danach ging es zum wohlverdienten Mittagessen und zu weiteren Gesprächen über Ediths Leben. Es wurde ein langer Tag bis gegen 20 Uhr. Immerhin sind wir bis zum Juni 1953 gekommen.

 

17. Juni 1953

Bei Dienstantritt als Lehrling hat Edith großes Glück. Ihr Ausbilder wird Jule Biehl, ein Mann mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Der begrüßt sie zwar mit den Worten „Jetzt schicken die mir schon Kinderweiber“, aber er kümmert sich um sie. Zunächst muss eine Umkleidekabine hergerichtet werden, denn bisher waren nur Männer auf der Baustelle. Jule Biehl findet einen kleinen Raum und klebt die löchrigen Latten mit alten Ausgaben des Neuen Deutschland zu. „Wehe , Ihr bohrt Löcher in die Zeitungen und guckt den Mädels beim Umkleiden zu“ warnt er die männlichen Lehrlinge. Immerhin erhält Edith einen nagelneuen weißen Maureranzug. Das Werkzeug hat allerdings erhebliche Qualitätsmängel. Wie gut, dass man nach Westberlin fahren kann. Also kauft sich Edith bei „Kapelle“ eine nagelneue Maurerkelle von den ersparten fünf Mark Westgeld, die sie monatlich von ihrer Tante erhält. Damit fällt die Arbeit nicht mehr so schwer und sie ist komplett für ihren neuen Beruf ausgerüstet.

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Dennoch ist die Arbeit für Frauen körperlich sehr anstrengend. Das Putzen bleibt den Mädchen zwar erspart, aber Verputzen ist Teil der Ausbildung. Nach einem Jahr ist Edith fix und fertig und will aufgeben. Wieder ist es Jule Biehl, der ihr gut zuredet. Also bleibt sie bei der Stange.

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Selbst im Jahre 1953 gibt  es in der DDR immer noch Mangelversorgung. Fleisch, aber selbst Obst und Gemüse sind nur selten erhältlich. Immer gibt es überall lange Schlangen, wenn sich herumspricht, dass irgendetwas irgendwo zu bekommen ist. Schnell ist das Wenige aber auch wieder ausverkauft.

Nur die Maurer der Stalinallee haben einen Sonderstatus. Sie bauen an einem Prestigeobjekt, das termingerecht fertiggestellt werden soll. Also gibt es jeden Tag Extraportionen an Fleisch. Dennoch sind die Arbeiter unzufrieden. Ständig werden die Normen erhöht, weil es Verzögerungen beim Bau gibt. Das liegt aber nicht an ihnen, sondern meistens an fehlendem oder schlechtem Material. Wenn es auch nur den Anschein von Sabotage gibt, weil Vorgaben nicht eingehalten werden, sind Verhaftungen an der Tagesordnung. So wird die  Unzufriedenheit über die willkürlichen Maßnahmen immer größer. Dazu kommt der große politische Druck. Die Menschen werden gezwungen, für  den großen Führer Stalin zu demonstrieren, der erst vor kurzem gestorben ist. Man nennt das freiwilligen Zwang. Während die anderen Ostblockstaaten sich von den Zwängen des totalitären Regimes allmählich befreien, steht  die Regierung der DDR fest zu Stalin. Die Bauarbeiter verhalten sich solidarischer, als andere Werktätige. Ihnen ist klar, dass sie alle aufeinander angewiesen waren, wenn sie ihre große Aufgabe erfolgreich zu Ende bringen wollen. Obwohl sie privilegiert sind, stehen sie dem Regime aber auch kritischer gegenüber, weil der Druck der Normen immer heftiger wird und die Lohnkürzungen zunehmen.

Am Sonntag, dem 14. Juni 1953 starten zwei Ausflugsdampfer in der Nähe des Treptower Parks zu einem Betriebsausflug der Bauarbeiter am Krankenhaus Friedrichshain. Was zunächst als gemütliches Beisammensein der Arbeiter geplant ist, entwickelte sich im Laufe des Abends als der Beginn des Aufstandes der Arbeiter gegen den Staat. Am frühen Abend fahren die Funktionäre mit dem ersten Schiff wieder in Richtung Treptow. Die Zurückgebliebenen formulieren vor Ort eine Resolution, die sie am nächsten Tag der Führungsspitze der DDR übergeben wollen.

Am 15. Juni setzt sich eine Delegation der Arbeiter in Richtung Alexanderplatz in Bewegung. Aber ihre Mission ist erfolglos. Niemand aus der Regierung will ihr e Resolution annehmen. Unverrichteter Dinge begibt man sich auf den Heimweg und beschließt Streik. Am 17. Juni will man über die Stalinallee zu den Regierungsgebäuden wandern und protestieren. Man glaubt sich im Recht, denn selbst das regierungstreue Neue Deutschland spricht mittlerweile von unrechtmäßigen Handlungen bestimmter Funktionäre gegen die Arbeiterklasse.

Für die Lehrlinge gelten natürlich die ständig erhöhten Normen nicht. Dennoch wird es gerne gesehen, wenn die Lehrlinge über die regulären Arbeit hinaus arbeiten. Eigentlich ist das auch so ein freiwilliger Zwang. Auf den Baustellen ist das Material immer knapp. Viele kratzen daher den Mörtel von den Steinen aus den vielen Ruinen, um für Nachschub zu sorgen. Wer hier kräftig mitarbeitet, kann zwar nicht viel verdienen, bekommt aber für eine bestimmte Menge ein Freilos. Mit sehr viel Glück gewinnt man so  ein Anrecht auf eine der begehrten Wohnungen auf der Stalinallee.Natürlich spendet jeder freiwillig (?) auch  etwas von seinem Lohn für den Aufbau des Sozialismus. Edith, die dafür sogar lobend im Neuen Deutschland erwähnt wird, hätte die paar Mark sicher gerne für sich selbst behalten.

Am 16. Juni ist für Edith Berufsschultag. Am Abend hört sie von ihrer Oma aus Neukölln, die immer fleißig RIAS hört, dass für den nächsten Tag ein Generalstreik in der DDR ausgerufen wird. Am frühen Morgen ist ein sternförmiger Marsch aus allen Stadtteilen über die Stalinallee Richtung Alexanderplatz und Brandenburger Tor geplant. Die Arbeiter wollen von ihrem verbrieften Streikrecht Gebrauch machen und gegen das Unrecht der ständigen Lohnkürzungen und Normerhöhungen protestieren. Dazu sind auch alle Arbeiter aus der ganzen DDR aufgerufen.

Edith macht sich am 17.Juni 1953 auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle auf der Jablonskistraße, gleich hinter dem Block D Süd auf der Stalinallee. Als Lehrling darf sie an keinem Streik teilnehmen. Deshalb zieht sie ihren Maureranzug an, um mit der Arbeit zu beginnen. Aber dazu kommt es nicht. Alle Lehrlingen werden in die Bauunterkünfte eingesperrt, damit sie nicht sehen sollen, was auf den Straßen passiert. Die sind aber pfiffig genug, sich schnell zu befreien, da die Fenster auf den Toiletten im ersten Stock nicht vergittert sind. Natürlich wollen die Jungen und Mädchen sehen, was los ist. Um nicht weiter aufzufallen, geht man getrennte Wege und mischt sich auch nicht unter die Demonstranten, die aus allen Himmelsrichtungen auf die Stalinallee zuströmen. Es ist etwa 9 Uhr morgens, als Edith sich aus der Bauunterkunft befreit, um sich über Seitenstraßen zu ihrem Lehrlingsbetrieb auf der Rungestraße durchzuschlagen . Außer dem Pförtner ist niemand mehr dort, und der weiß nur, dass alle zum Brandenburger Tor aufgebrochen sind. Also macht sich auch Edith auf den Weg und sieht bereits gegen zehn Uhr die ersten Panzer über die Stalinallee rollen. Viele Menschen sind entsetzt und schreien „Es ist Krieg“.

Edith schlägt sich bis zum Kronprinzenpalais durch. Auch dort sind die Panzer inzwischen angekommen. Einige Mutige wollen sich dagegen auflehnen und stürzen sich ihnen entgegen. Aber die Fahrer sehen aus ihrer Position die Menschen auf der Straße überhaupt nicht.  So muss Edith mit ansehen, wie einer der Demonstranten von ihnen überrollt wird. Neben dem Historischen Museum errichten Menschen ein Holzkreuz. Edith ist der Situation nicht mehr gewachsen und geht zu Fuß zurück in die Thulestraße nach Hause. Noch ist hier alles ruhig, aber in der Nacht wird sie von ohrenbetäubendem Lärm und den Schreien ihrer Mutter geweckt. Die russischen Panzer fahren dreispurig durch ihre Straße, wahrscheinlich in die nagegelegene Kaserne zurück. Ihre Mutter schreit „Die Russen greifen an“ und hat die entsetzlichen Bilder des Krieges im Kopf. Edith kann sie nicht beruhigen. Am nächsten Morgen meldet sie sich bei ihrer Arbeitsstelle krank.

September 1958

Das  ist jetzt eigentlich der nächste große Schritt m Leben der Edith B. Die Prüfung an der Bauakademie steht bevor. Die Maurerlehre war nur der erste Schritt im Berufsleben und die Grundlage für ein Studium, das sich Edith so sehr gewünscht hatte. Aber der Weg dorthin wird mühevoll. Nicht nur hat sie einen  großen Nachteil  gegenüber den Abiturienten. Während der Lehre lag der Schwerpunkt auf praktischer Arbeit, im Wissen sind ihr die meisten anderen weit voraus. Aber bald mischt sich auch der Staat in ihre Angelegenheiten. Von den Studenten wird eine positive Haltung zur DDR erwartet. Mehr noch. Der Staat verlangt Unterstützung in zweifelhaften Situationen. Wer da nicht mitmacht, hat es schwer auf der Akademie. Schon bald wird Edith Entscheidungen treffen müssen, die ihr späteres Leben beeinflussen werden. Ihr Examen, ja sogar ihr Leben wird in höchster Gefahr sein.

Aber zunächst steht ihre Lehrabschlussprüfung bevor. Edith meldet sich nach einem Tag Krankheit am 19. Juni wieder bei ihrem Meister zurück. Sie beginnt ihren letzten Monat als Lehrling und hat großes Glück. Sie wird einem alten Meister im Historischen Museum zugeteilt. Dort lernt sie, wie man Rundbögen mauert – eine anspruchsvolle Aufgabe.  In der Mittagspause konnte sie auf die Straße schauen, wo für kurze Zeit ein Kreuz aufgestellt war – zum Andenken an den von russischen Panzern überfahrenen jungen Mann. Sie selbst hatte  noch vor ein paar Tagen selbst miterlebt, wie er an dieser Stelle überrollt wurde.

Die letzten Tage ihrer Lehre vergingen wie im Fluge. Schließlich bestand Edith am 11.  Juli die Prüfung zum Maurergesellen. Bei ihrer schriftlichen Prüfung überzeugte sie besonders durch einen Aufsatz über Maxim Gorkis Buch „Die Mutter“. Dort sollte sie die Frage beantworten, wieso der Sohn Pawel zum sozialistischen Helden wurde. Edith hatte das Buch nie gelesen, wusste aber, wie man die Genossen Lehrer überzeugen konnte. Sie erhielt ihre Arbeit zurück mit den Worten „Eine wunderbare Arbeit“. Mit der bestandenen Prüfung hatte sie nun die Berechtigung, an der Fachschule für Bauwesen zu studieren und dort ihren Abschluss zu machen.

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Das war zunächst einmal eine große finanzielle Herausforderung. Zum Glück gab es drei Sponsoren: der Staat half mit einem kleinen Stipendium, ihr Vater gab ihr 50 Mark im Monat und bei der Mutter konnte sie kostenfrei wohnen. Das musste reichen.

Am 1. September 191953 besuchte Edith die erste Klasse der Fachschule. Gelernt wurde in Klassenkollektiven zu etwa fünfzehn Schülern. Auch wenige Schüler aus Westberlin nahmen am Unterricht teil, wenn sie eine eindeutige kommunistische Zugehörigkeit nachweisen konnte. So lernte Edith dort einen jungen Mann aus der SED Westberlin kennen, der sie hin und wieder zu sich einlud und ihr auch zu einen Urlaub bei einer kommunistischen Familie in Westdeutschland verhalf. Was Edith noch nicht wusste: dies waren bereits die ersten Versuche der SED, die junge Frau zu beobachten und als Kader zu gewinnen.

Das erste Jahr war eine generelle Ausbildung. Neben den Ingenieurswissenschaften standen auch allgemeine Fächer, wie Russisch auf dem Lehrplan. Das war für die meisten Studenten eine besondere Herausforderung, da die meisten eine Abneigung gegen die Sprache ihrer Besatzungsmacht hatten und ihnen das Lernen daher besonders schwer fiel. So war es auch nicht verwunderlich, dass im ersten Anlauf eine komplette Klasse wegen mangelnder Russischkenntnisse in der Abschlussprüfung durchfiel. Das war für den Staat ein großes Desaster, denn Ingenieure wurden dringend benötigt. Also musste nach einer Lösung gesucht werden, bei der alle das Gesicht wahrten. Edith wurde zu einem ihrer Lehrer bestellt, der ihr am Ende des Gesprächs einen nicht verschlossenen Umschlag überreichte, den sie zum Direktor bringen sollte. „Da darfst Du auf keinen Fall hineinschauen“ befahl er ihr noch. Also machte sich Edith auf den Weg, schaute in den Umschlag mit den Aufgaben für die Wiederholungsklausur und schrieb alles ab, bevor sie den Umschlag dem Direktor überreichte.  Dass die ganze Klasse danach die Prüfung bestand, war ein Wunder, das aber niemand hinterfragte.

Neben den Schularbeiten waren aber auch ständige politische Aktivitäten von den Studenten gefordert. So war es Pflicht, regelmäßig in Westberlin an Protestaktionen teilzunehmen und dabei durchaus auch Krawall zu machen. Einige der Mitschüler saßen dafür auch schon mal in Untersuchungshaft und mussten dann von ihren Kommilitonen durch Besuche moralisch unterstützt werden.

Inzwischen hatte ihre Mutter beim Tanztee einen Mann aus Sachsen kennen gelernt, in dessen Wohnung sie später zog. Edith zog zunächst als Mieterin in die Wohnung der Mutter ein, um die Wohnung später selber mieten zu können. Das war der einzig mögliche Trick, um bei der herrschenden Wohnungsnot bei der Vergabe freier Wohnungen bevorzugt zu werden.

Nach dem ersten Studienjahr war es an der Zeit, sich zu spezialisieren. Edith entschied sich für den Studiengang Bauingenieur. Jetzt lernte man nicht nur in der Schule, sondern traf sich auch in Kadergruppen zur Vertiefung des Wissens und zur politischen Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind. „Lernen konnte man in der Schule nicht so viel“, erinnert sich Edith heute. Aus dem Krieg waren nur einige wenige  Fachkräfte übrig geblieben, die den sozialistischen Vorgaben entsprachen. Die machten ihre Sache recht gut. Einer mit dem Spitznamen „Graf Bobby“ ist Edith in guter Erinnerung geblieben. Der mochte sie wahrscheinlich auch sehr, denn er gab ihr oft bessere Noten, als sie es verdiente. Die jungen Lehrer waren oft bessere Ideologen als gute Fachkräfte.

Im Jahre 1956 wurde Edith zum ersten Mal aus dem Unterricht gerufen und zum Direktor gerufen. Dort angekommen, traf sie auf zwei gut gekleidete Herren in Anzügen. Die hatten davon gehört, dass Edith sich sehr für französische Lebensweise, für Chansons von Edith Piaf und Jaques Brell interessiere, und machten ihr einen Vorschlag. Sie solle die nächsten Jahre intensiv Französisch lernen, um dann vielleicht nach Frankreich gehen. Dort könne sie ihrem Land dienen, wenn sie entsprechende Informationen nach Hause lieferte. Edith war fassungslos. Der Kontakt mit solchen zwielichtigen Personen war ihr bisher erspart geblieben. Urplötzlich stieß es ihr heraus: „Das ist doch unanständig!“. Damit war das Gespräch für den Tag beendet. Man bedeutete ihr noch, kein Wort über diese Unterhaltung jemals mit irgend jemanden zu wechseln. Dann durfte sie wieder in ihre Klasse. Wie lange sie dort noch bleiben konnte, war völlig ungewiss.

17. Juni 2017

Heute gibt es, wie jedes Jahr, einen Staatsakt zum Gedenken an die Toten des 17. Juni 1953. Edith ist als Zeitzeuge eingeladen und wird der Feier ganz vorne beiwohnen. Ein Begleiter darf mitkommen. So machen wir uns am frühen Morgen auf den Weg zum Urnenfriedhof an der Seestraße im Wedding, wo die Toten des 17. Juni beerdigt wurden. Nur wenige Menschen interessieren sich noch für ein Ereignis, das schon so viele Jahre zurückliegt, obwohl es doch für die Geschichte des geteilten Deutschlands so einschneidend war: der erste friedliche Aufstand der Arbeiter gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen, der durch die brutale Gewalt der Sowjetarmee blutig niedergeschlagen wurde.

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Die für die Zeitzeugen und deren Angehörige reservierte Reihe direkt vor dem Rednerpult ist überschaubar. Wer damals 1953 dabei war, ist heute über achtzig Jahre alt. Eine Schulklasse ist mit ihrem Lehrer ist gekommen. Die dürfen kurz nach vorne kommen und mit den Zeitzeugen sprechen. Die Fragen fallen den Jugendlichen schwer. Das ist alles so weit weg und nicht mehr vorstellbar. Aber Edith und die wenigen anderen versuchen den Kindern die damalige Zeit näher zu bringen. Nach kurzer Zeit müssen sie wieder hinter die Absperrung, wo inzwischen auch ein paar Bundestagsabgeordnete aller Parteien eingefunden haben. ZDF und ARD haben ein Kamerateam geschickt. In den Nachrichten wird es später einen kurzen Einspieler von vielleicht zwanzig Sekunden geben.

Der Regierende Bürgermeister und die Ministerin für Wirtschaft sind inzwischen eingetroffen, schütteln den Zeitzeugen die Hände und richten einige Worte an sie.  Der Staatsakt beginnt mit Musik, die von einer Berliner Polizeikapelle vorgetragen wird. Danach zwei kurze Reden von Müller und Zypries. Zum Abschluss werden Kränze an den Urnen der Verstorbenen abgelegt.

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Dann geht alles sehr schnell. Auf den Regierenden Bürgermeister wartet ein Flug, Frau Zypries muss auch weg. Die Zeitzeugen, deren Reihen sich jedes Jahr lichten, gedenken ihrer Kameraden, die nebenan begraben sind. Ihr Verein darf seine Mitglieder hier zur letzten Ruhe betten.   Man verabredet sich zum gemeinsamen Kaffee. Für Edith ist der Weg dahin zu beschwerlich. So beschließen wir, zum Cafe Sybille zu fahren. Das liegt auf dem Weg zum STASI-Museum, das wir heute noch besuchen wollen.

Zum Gedenktag des 17. Juni hat das STASI-Museum eine besondere Veranstaltung geplant. Auf dem Hof der ehemaligen STASI-Zentrale ist eine Dokumentation aufgestellt, im Plenum gibt es unterschiedliche Vorträge zum Gedenktag. Edith wird zu Beginn der Veranstaltung spontan als Zeitzeuge mit zwei anderen Kollegen auf die Bühne gebeten.

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Sie haben noch einmal die Gelegenheit, die damaligen Ereignisse aus ihrer Sicht darzustellen. Die Zuhörerreihen sind gut gefüllt. Es gibt großes Interesse an Informationen aus der damaligen Zeit. Erschreckend ist allerdings, dass sich unter die Zuhörer offensichtlich auch einige ehemalige STASI-Mitarbeiter gesellt haben, die schon wieder unverblümt ihre damalige Sichtweise zu erkennen geben. Da ist einer, der sich unverfroren als damaliger „Täter“ zu erkennen gibt und die lauteren Absichten der Arbeiter infrage stellt. Das sei alles aus dem Westen gelenkt worden. Die Arbeiter wären aus Westberlin gekommen. Selbst als angesehene Historiker und auch die Zeitzeugen dem vehement widersprechen, bleibt er bei seiner Meinung und findet auch noch Zustimmung von einigen anderen. Es sieht so aus, als ob die alten Garden der Staatssicherheit nach einer gewissen Schamfrist nun plötzlich aus dem Dunkel auftauchen und völlig unbehelligt nach Ablauf der Verjährungsfristen wieder an die Öffentlichkeit treten. Das ist ganz und gar widerlich und verhöhnt die guten Absichten, die die damaligen Helden des 17. Juni bewegten.

Wir haben uns anschließend noch einige Vorträge angehört, von denen mir einer ganz besonders in Erinnerung bleiben wird. Es ging um die Rolle der Rechtsanwälte in der DDR, die politisch Angeklagte vertreten mussten. Die wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung hinterfragt, wobei eine riesige Anzahl von Fällen untersucht wurde.. Auffällig war dabei, dass die Mehrzahl der Anwälte das ihnen in der DDR zustehende Recht der Mandantenverteidigung  nur selten ausnutzten und wenig zur Verringerung des Strafmaßes beitrugen. Teilweise sogar das in sie gesetzte Vertrauen ihrer Mandanten missbrauchten. Es ist bedauerlich, dass diese Rechtsanwälte heute immer noch tätig sind, uns sogar häufig im politischen Leben an prominenter Stelle begegnen, auch wenn sie nachweislich nach den vorliegenden Akten ihren Mandanten geschadet haben.

Ich habe den 17. Juni 1953 im Alter von neun Jahren erlebt und kann mich nur an einige Bilder der Wochenschauen erinnern. Für mich ist dieses Ereignis nach 64 Jahren noch einmal sehr anschaulich geworden.

7.7.1956

Endlich ist es geschafft. Edith besteht die Abschlussprüfung zum Bauingenieur mit der Fachrichtung Bauwirtschaft, und das trotz vieler Hindernisse. Als sie die erste Bekanntschaft mit dem Staatssicherheitsdienst macht und ihr die Anwerber der HVA-Auslandsaufklärung (Spionage) eine Ausbildung zur „Kundschafterin des Friedens“ im westlichen Ausland schmackhaft machen wollen, muss sie sofort eine wichtige Entscheidung in ihrem Leben treffen. Man hat sie damit überrumpelt, als sie plötzlich aus dem Unterricht abgeholt und in ein Zimmer geführt wird. Jetzt geht es darum, blitzschnell die richtige Entscheidung zu treffen. Als sie die Zusammenarbeit als Spionin ablehnte, wurde ihr gedroht. Für ein junges Mädchen, welches drei unbekannten Männern in schwarzen Anzügen, gegenüber sitzt, fast unlösbar. Nach kurzem Überlegen kam es aus ihr heraus. „Nein, danke. Das finde ich unanständig“. Die drei Männer, darunter der Kaderleiter (Personalchef) der Hochschule machten ihr klar: wer so wenig kooperativ für den Staat sei, der könne auch keinen Abschluss an der Hochschule bestehen. Sie hat noch Gönner, darunter den Direktor der Uni, dessen Urteil bedeutender ist als das des Personalchefs. Hinzu kommt, dass der junge Staat dringend Ingenieure benötigt.

Aber noch ein anderes Ereignis wirft sie zurück. Die schriftliche Prüfung wird als Dreierkollektiv gefertigt. Zeichnen und beschreiben musste allerdings jeder seine Version selbst. Die Planungen waren für wirkliche Baustellen gedacht. Gleichzeitig sollte eine ingenieurtechnische Zusammenarbeit trainiert werden. In dieser Runde lernt man auch zusammen, oft bis spät in die Nacht. Man trifft  sich immer bei einem Kollegen, der nach späteren Recherchen auch Informant der Stasi war. Einmal ist es schon sehr spät. Edith will nach Hause und dort ihr letztes trockenes Brötchen verzehren. Die Frau des Kollegen gibt ihr eine Fischdose mit auf den Heimweg.  Zuhause stellt sie fest: die Dose kommt aus Kiel. So etwas bekommen normale Menschen nicht. Da muss man schon ein hohes Tier in der Partei oder Gewerkschaft sein. Hastig öffnet Edith die Dose und verschlingt den Fisch mit dem trockenen Brötchen. Aber es dauert nicht lange, und sie bekommt fürchterliche Magenschmerzen. Ihr wird schwindelig, das Bett dreht sich,  sie kann nicht aufstehen. Mit letzter Kraft gelingt es ihr, sich aufzurappeln, mit dem Schlüssel der Nachbarin deren Wohnung zu öffnen und über ihr Telefon den Notdienst zu erreichen. Der findet sie später bewusstlos und bringt sie ins nächste Krankenhaus. Als sie dort erwacht, sagt ihr eine Ärztin, dass sie mit schweren Vergiftungen eingeliefert wurde, es aber schon zu spät gewesen sei, den Magen auszupumpen. Man müsse jetzt abwarten, was passiert. Edith hat eine robuste Natur. Die wehrt sich mit aller Kraft gegen die Vergiftung und befördert alle Essensreste aus dem Körper. Nach einigen Tagen kann sie entlassen werden und ihre Vorbereitungen für die Prüfung  fortsetzen. Ihr ganzes Leben langbelastet sie immer wieder der Gedanke, ob die Konserve aus Kiel nur zufällig verdorben war  oder die STASI sie als vermeintliche Mitwisserin oder aus Rache beseitigen wollte.

Jetzt ist alles überstanden, und der Start ins Berufsleben kann beginnen. Der sozialistische Staat nimmt die Wahl der Qual den jungen Menschen ab. Ein Ausschuss der Hochschule bestimmt mit Kaderleitern  verschiedener Firmen, wohin jeder der Absolventen zu gehen hat. Edith wird eine Stelle in Mecklenburg angeboten, obwohl sie eine Wohnung in Berlin nachweisen kann. Dafür muss ein Kollege aus Mecklenburg in Berlin arbeiten, wo Wohnungen Mangelware sind. Edith beschließt, die neue Stelle nicht anzutreten und teilt dies ihrem Kollegen aus Mecklenburg mit. Der bewirbt sich daraufhin dort und wird eingestellt. Damit ist Edith zunächst einmal arbeitslos. Das ist ein Zustand, den die DDR-Statistik nicht kennt.

Zufällig trifft Edith Tage später eine der Frauen aus dem Gremium, welches die Arbeitsstellen verteilte. Sie teilt ihr mit, dass die Stelle in Berlin noch nicht besetzt sei und sie sich schleunigst darauf bewerben sollte. Sie geht zum VEB Hochbau Friedrichshain und trifft auf den Kaderleiter Fritz Garbe. Edith muss vor ihm auf- und abgehen, wie ein Mannequin. Muss man als Bauingenieurin attraktiv laufen können? Natürlich nicht. Die Mundpropaganda hatte dem Kaderleiter mitgeteilt, diese junge Frau habe wunderschöne Beine. Fritz Garbe ist wohl überzeugt und stellt Edith umgehend ein für ein Gehalt von 600 Mark monatlich.

Als Anfängerin wird Edith zunächst in die verschiedenen Abteilungen des VEB Hochbau geschickt und verrichtet die unterschiedlichsten  Arbeiten. So muss sie an verschiedenen Häusern der Stalinallee alle Platten abklopfen und auf Hohlräume untersuchen und dann kennzeichnen. Zu viele davon waren in letzter Zeit wegen schlechter Verarbeitung heruntergefallen und müssen jetzt ersetzt werden. In der Nähe des Wriezener Güterbahnhofs sind viele Wohnungen vom Schwamm befallen. Die Bewohner werden in andere Wohnungen umquartiert, die durch Republikflüchtlinge freigeworden sind. Die Balken in den morschen Wohnungen fallen bereits in sich zusammen, wenn die Böden freigelegt werden. Da ist größte Vorsicht geboten. Edith bildet sich in dieser Zeit weiter und qualifiziert sich als Spezialist für Holzschutz im Hochbau.

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Ihr Chef ist Oberingenieur Otto Pfeng, der den Aufstand am 17. Juni 1953 an Ort und Stelle erlebt hatte. Dort, wo alles begann – in der Stalinallee im Block 40 und am Krankenhausanbau Friedrichshain. Seine Sekretärin hatte den Brief geschrieben, den die Arbeiter dem Ministerpräsidenten Otto Grotewohl überreichten. Obwohl Edith einige Zeit mit Otto Pfeng zusammen arbeitet, fällt über diese Zeit nie ein Wort. Pfeng war wohl hart bestraft worden. Ist er einer der unbekannten Helden, die es damals wagten, der Diktatur zu trotzen? Ihnen wurde eine Gedenktafel am Müggelheimer Damm 143 gewidmet. War er aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten vielleicht von einer Haftstrafe verschont worden und in diesen Betrieb versetzt worden, damit er mit früheren Bauarbeitern nicht wieder zusammen traf? Offensichtlich war es ihm verboten worden, darüber ein einziges Wort zu verlieren. Otto Pfeng ist zu der Zeit noch kein Mitglied der SED, Man kann ihm vertrauen. Edith beschreibt ihn als hilfsbereiten und fürsorglichen Chef, der von seinen Mitarbeitern Leistung und perfekte Arbeit erwartet. Frauen behandelte er in der von Männern dominierten Arbeitswelt als gleichwertig. Edith erhält von ihm das notwendige Rüstzeug für ihr späteres Berufsleben. Politisch hält sich Otto Pfeng bedeckt, und weicht Entscheidungen in diesem Bereich möglichst aus.

Mit dem Arbeitsvertrag wurde Edith automatisch in die FDJ-Leitung einberufen. Dieser Aufgabe konnte man sich nur schwerlich widersetzen. Edith versuchte, das Beste daraus zu machen. So war es zum Beispiel möglich, einem jungen Kollegen durch ein gutes Zeugnis auf seinem weiteren Werdegang zu helfen. Die FDJ hatte in der Klosterstraße eine Jugendclub eröffnet. Der war bei jungen Schauspielern, Literaten und Liedersängern sehr beliebt. Edith trifft dort Manfred Krug, die Schauspieler des Berliner Ensembles, aber auch viele Jugendliche aus Westberlin. Ediths Aufgabe war es im Besonderen, den Westlern die Lebensweise des Sozialismus nahe zu bringen. Aber, wie Edith es heute sagt, „haben die mich aus dem Westen mit ihren Ideen infiziert“. Edith wird dann auch bald auffällig.  Was sie tut, ist mit dem Verständnis der FDJ nicht immer vereinbar. Daher wird sie öffentlich in deren Betriebszeitschrift angeprangert:

„Nur ein Beispiel:

Die Jugendfreundin Edith B, Jungingenieur, ist Leistungsmitglied der zentralen FDJ-Leitung. Vielleicht ist es ihr auch unangenehm, dass die Öffentlichkeit davon erfährt! Sie hat es nicht nötig, das Abzeichen unseres Verbandes zu tragen.

Am 1. Mai demonstrierte sie mit dem Betrieb, obwohl vorher mit ihr ausführlich über den Beschluss des Verbandes diskutiert wurde, der besagte: „Alle FDJler demonstrieren im Blauhemd geschlossen in den Reihen der FDJ.“ Nach dem 1. Mai führten wir nochmals mit der Jugendfreundin B. eine Aussprache über ihre Nichteinhaltung des Beschlusses. Ihre Antwort: Sie besitze zwar ein Blauhemd, aber dieses Blauhemd könnte sie nicht anziehen, es sei schon zu verwaschen. Auf unsere Erklärung, sie hätte sich ein neues kaufen können, meinte sie, sie hielte es nicht für notwendig, sich ein neues zu kaufen, weil sie in zwei Jahren die Altersgrenze für Mitglieder der FDJ (26 Jahre) erreicht hat.

Wir sind anderer Meinung. Als Mitglied der zentralen FDJ-Leitung war der Jugendfreundin B. der Beschluss bekannt, und ein Mitglied der zentralen FDJ-Leitung muss besonderes Vorbild in der Einhaltung der Beschlüsse unseres Verbandes sein. Jugendfreunde, wie ist eure Meinung zu dem Verhalten der Jugendfreundin B.? Gibt es in eurer Gruppe auch solche Freunde? Bitte, beteiligt euch an dieser Diskussion, die wir heute beginnen. Manfred Gendola.“

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Sicherlich wäre es aufschlussreich, zu erfahren, was aus Manfred Gendola so geworden ist.

Edith macht 1958 die zweite Bekanntschaft mit dem Staatssicherheitsdienst. Als sie eines Tages mit hohem Fieber zuhause das Bett hüten muss, klopft es an der Wohnungstür. Sie quält sich zum Eingang, öffnet die Tür und wird sofort von zwei ihr unbekannten Männern überwältigt. Die schleppen sie zurück in die Wohnung. Was sie über ihren Kaderleiter, Herrn Garbe, wisse, fragten sie ohne Umschweife. Er soll ein Verhältnis mit seiner Sekretärin haben. Edith stellt sich unwissend. Sie will auf keinen Fall Garbe mit ihrer Aussage belasten, der in der Nazi-Zeit dem Holocaust entgangen ist. Schließlich soll Edith eine Geheimnisklausel unterschreiben, was sie ablehnt. Schließlich rücken die beiden Männer wieder ab, drohen ihr aber noch, Niemandem über diesen Vorfall zu berichten. Edith kämpft mit sich, geht aber schließlich nach ihrer Genesung zum Kaderleiter und berichtet ihm von dem Vorfall. Der bedankt sich zwar für die Information, ist aber dabei ziemlich reserviert. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Edith mit der Stasi zu tun hatte. Ihre Akte dort wurde dicker und dicker.

Edith erhält nach etwa 18 Monaten trotz aller Vorkommnisse die erste Gehaltserhöhung wegen guter Leistungen von immerhin etwas mehr als zehn Prozent – und kündigt einen Monat später. Das kommt so: die Vertreterin des Kaderleiters erzählt ihr von einer guten Arbeitsstelle in der Nähe Potsdams. Edith bewirbt sich dort schriftlich und wird genommen. Als sie sich aber am ersten Arbeitstag auf den Weg zu ihrer neuen Firma macht, gibt es unter der angegebenen Adresse überhaupt keine Firma. Edith vermutet heute, dass sie hier bewusst getäuscht wurde und jemand ihr schaden wollte. Jetzt ist sie bereits zum zweiten Mal arbeitslos, obwohl es das ja in der DDR überhaupt nicht gibt.

Es ist ein großes Glück für sie, dass sie kurze Zeit später auf der Stalinallee zufällig auf Erhard Gißke, einen bedeutenden Baudirektor trifft, den sie kennt. Sie erzählt ihm von ihrem Missgeschick. Was sie denn jetzt tun wolle, fragt es sie. „Na, wahrscheinlich geh ich in den Westen, da gibt es bestimmt Arbeit für mich.“ Gißke rät ab. „Ingenieure wie Dich brauchen wir doch dringend hier bei unserem Aufbau.“.  Er vermittelt sie zum Entwurfsbüro Hochbau 1, wo Edith auch durch die Empfehlung weiterer Bekannter zum 1. 10. 1958 als Ingenieur für Kostenplanung eingestellt wird. Dort wird sie unter anderem mit Josef Kaiser, einem der bedeutendsten Architekten der DDR, zusammen arbeiten. Ihre hoffnungslose Lage hat sich wieder einmal zum Guten gewendet. Wird das Glück ihr treu bleiben?

September 1960

Heute, am 1. September, ist Ediths 25. Geburtstag. Es ist  noch früh am Morgen, die junge Dame schläft tief und fest, bis sie abrupt aufgeweckt wird. Laute Blasmusik dringt an ihr Ohr. Zunächst fühlt sie sich belästigt. Dann aber bemerkt sie, das muss ein Geburtstagsständchen für sie sein. Aber wer hat das bestellt und wo ist sie eigentlich? Alles schön der Reihe nach.

Zunächst einmal macht Edith am 1. Oktober ihren Antrittsbesuch im Büro von Josef Kaiser, dem Hauptstadtarchitekten der DDR. Dort lernt  sie im Vorzimmer Gerda Herold kennen, die von da an zu ihrer besten Freundin werden wird. Sie ist eine der wenigen, der Edith vertraut. Und da ist da noch der junge Günther J., dem sie bereits am ersten Tag den Kopf verdreht. Der verliebt sich unsterblich, aber auch hoffnungslos, in sie. Was immer er auch anstellt, er erfährt keine Gegenliebe.  Günther ist ein begnadeter Zeichner, der seine Talente genial in den Bauzeichnungen umsetzen kann. Aber im Geheimen arbeitet er an einem kleinen Bildband „Der Vorhang“, in dem er seine Liebe zu Edith illustriert. Diesen übergibt er ihr wenige Tage, bevor er sich zur Republikflucht am 1.5. 1959 entschließt. Edith bewahrt diesen kleinen Schatz für immer auf. Als sie später verhaftet wird, versucht die STASI, daraus Informationen gegen sie zu finden. Aber schließlich erhält sie den Band zurück, sodass wir heute an dem Unglück des jungen Mannes teilhaben können.

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Gerda Herold begleitet Edith am ersten Tag in die Kantine. Dort werden die beiden hübschen Damen von zwei freundlichen Herren von Ferne begrüßt. Erst später, viel später, wird einer der Beiden Ediths Ehemann werden.

Edith wird zu Beginn mit verschiedenen Aufgaben betraut, ist Mädchen für Alles. Darf dem Chef auch das Frühstück zubereiten. Ihre erste Aufgabe erhält sie in der Kostenplanung, aber für diese eintönige Arbeit ist sie nicht geschaffen. Sie möchte gerne als Architektin arbeiten, aber dort ist zur Zeit keine Stelle frei. Also muss sie warten und zunächst Kolonnen von Zahlen addieren, bis sich endlich im Laufe des Jahres eine Möglichkeit bietet. Ihr neuer Gruppenleiter ist Heinz Aust, der schon in dieser Zeit das Privileg von Reisen ins westliche Ausland genießt. Er erzählt immer stolz über seine Wanderreisen nach Österreich. Später findet Edith in ihren Akten heraus, dass auch er ein Informant der STASI war.

Ostberlin nennt sich nun offiziell „Hauptstadt der DDR“, ein bewusster Rechtsbruch gegen die Kontrolle der vier Besatzungsmächte. Bauplanung für neuen Wohnraum und kulturelle Bauten wird so wichtig, dass verschiedene Firmen zur VEB Berlin Projekt als Projektierungsbüro für alle Bauten im Ostteil der Stadt zusammengelegt werden. Deren Führung wird Josef Kaiser übertragen. Der übergibt der jungen Edith die Aufgabe, den Eingangsbereich für das Kino International auf der Stalinallee zu planen. Der Bau eines pompösen Großstadtkinos, wie sie im Westen wie Pilze aus dem Boden schießen, ist der Herzenswunsch von Walter Ulbricht, der die Planungen für das Kino International auch persönlich überwacht,. Edith will natürlich eine erstklassige Arbeit abliefern, die auch das Wohlwollen der Parteispitze findet. Also geht sie zum Kurfürstendamm in Westberlin und schaut sich den Eingangsbereich des MGM Kinos an. Was bis heute vielleicht nur Wenige wissen: der Eingangsbereich vom Kino International ist eine nahezu originalgetreue Kopie des MGM Kinos und hat dem Genossen Ulbricht außerordentlich gut gefallen. Edith hat aber keine Schuldgefühle. „Was ich gemacht habe, ist gängige Praxis bei Architekten“. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Im Jahre 1960 stirbt der Vater von Josef Kaiser in Westdeutschland. Kaiser beantragt daraufhin eine Ausreisegenehmigung zum Begräbnis und der Erledigung der Erbschaftsangelegenheiten. Er behauptet, dass ihm sein Vater einen fast neuen BMW hinterlassen habe, den er in die DDR einführen wolle. Josef Kaiser wird ein solcher Wunsch nicht verweigert. Stimmt die Geschichte so, oder hat sich Kaiser von seiner Erbschaft einen nagelneuen BMW zugelegt- man weiß es nicht. Inzwischen ist die hübsche Edith durch ihre Arbeit auch Kaiser aufgefallen. Der lädt sie ein, eine kurze Reise durch Europa mit ihm zu unternehmen. Um Kaiser im Westen zu treffen, sind allerdings abenteuerliche Vorbereitungen zu treffen. Zunächst besorgt Edith sich in Westberlin einen vorläufigen westdeutschen Reisepass, den DDR-Bürger mühelos erhalten, wenn sie hierfür zwei Bürgen benennen können. Den Pass benötigt sie, um aus Deutschland heraus auch andere Länder zu besuchen. Edith wird also für ein paar Wochen zum ersten Mal für kurze Zeit Bürger der Bundesrepublik Deutschland.

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Jetzt kauft sich Edith die Flugtickets nach Frankfurt und macht sich danach auf den Weg zu Bekannten in Thüringen, von wo aus sie eine Urlaubskarte an die Kollegen im Büro schickt. Es sollen auf keinen Fall irgendwelche Vermutungen kursieren, warum sie und ihr Chef zur gleichen Zeit abwesend sind. Nachdem nun alles geregelt ist, fährt Edith zurück nach Berlin, holt sich Pass und Flugticket bei ihren Verwandten in Westberlin ab und setzt sich in Tempelhof in den Flieger der PanAm. In Frankfurt wird sie bereits von einer ehemaligen Freundin erwartet, die vor einiger Zeit aus der DDR geflohen ist. Am Abend wird Äppelwoi getrunken, der den beiden Frauen ordentlich zusetzt. Auch Edith bestätigt: “ Die ersten drei schmeckten überhaupt nicht, aber dann wurde es immer besser“.

Am nächsten Tag steht Josef Kaiser mit seinem brandneuen BMW vor der Tür, um Edith zu einer Spritztour durch Europa abzuholen. Zunächst geht es nach Straßburg und danach weiter nach Zürich. Dort am Eingang des Hotels ist Edith begeistert von dem pompösen Eingang des Hotels mit einem roten Läufer und der Rezeption im ersten Stockwerk. Kaiser sagt zu ihr: „Merk Dir alles gut, das können wir für das Hotel Berolina kopieren“. Von Zürich aus geht es dann weiter in die Schweizer Berge, wo Edith  am nächsten Morgen zu ihrem Geburtstag mit einem Höllenlärm geweckt wird. „Der Kaiser wusste schon, wie man ein junges Mädchen beeindrucken kann. Umsonst sind die Bergbauern bestimmt nicht zu dem Ständchen für mich gekommen.“

Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zur Rückkehr in die DDR. Es gibt noch einen kleinen Abstecher nach Paris, wo man Museen und die alten Markthallen besucht und auch zu Abend isst. Edith räumt ihren Teller, als sie fertig gegessen hat, zur Seite, wie sie es von zuhause gewohnt war. Daraufhin wird sie von Kaiser zurecht gewiesen. „Was Du da machst, ist eine Beleidigung für die Ober, so etwas macht man nicht“. Seitdem hat sie das nie wieder gemacht. „Aber“ sagt sie „heute wissen die meisten Kellner das nicht mehr und lassen einen unglaublich lange vor einem leeren Teller sitzen“.

Edith hat noch einen Wunsch. Sie möchte zu dem Grab ihres Onkels, der so früh im zweiten Weltkrieg als Soldat gefallen ist. Ob sie jemals wieder die Gelegenheit haben wird, in den Westen zu fahren, weiß sie nicht. Ihr Onkel ist in Sedan begraben. Um den Friedhof zu finden, hat Edith ein paar Worte Französisch gelernt. Aber niemand auf der Straße versteht sie so richtig. Bis man schließlich im Rathaus landet, wo der Bürgermeister jemanden aus dem Keller ruft, der im Blaumann erscheint. Das ist ein Deutscher, der nach dem Krieg dort geblieben ist. Er erklärt ihnen, dass der Friedhof aufgelöst wurde und die Gebeine der Verstorbenen Soldaten auf einen anderen Friedhof gebracht wurden. Also geht es weiter in diesen Ort. Aber dort, wo französische und deutsche Soldaten gemeinsam ihre letzte Ruhe finden sollen, ist man mit den Arbeiten noch nicht fertig. Die Gebeine ihres Onkels sind noch nicht bestattet. Da nimmt Edith die mitgebrachten Blumen und legt sie an einem anderen Grab nieder und macht ein Foto, das sie später der Großmutter zeigt. Und niemals, solange diese noch lebt, wird sie das Geheimnis lüften.

Jetzt ist die kurze Zeit des Urlaubs auch fast zu Ende. Edith wird in Frankfurt abgesetzt und trifft sich noch einmal mit ihrer Freundin. Josef Kaiser tritt die Heimreise mit seinem BMW an. Ediths Freundin beschwört sie eindringlich, in der Bundesrepublik zu bleiben. Eine solche Chance wird es für sie so schnell nicht wieder geben. Edith ist Single. Ihr stehen alle Türen offen, um ein neues Leben zu beginnen. Aber Edith ist anderer Meinung. Als Architektin kann sie in der DDR mehr bewegen, und Josef Kaiser ist ein kongenialer Meister, von dem sie viel lernen kann. Also nimmt sie den Flug nach Westberlin und gibt ihren Pass bei ihren Verwandten dort ab. Den darf sie auf keinen Fall mit nach Ostberlin nehmen. Am nächsten Tag ist sie wieder an ihrem Arbeitsplatz. Die Planung für das Hotel International wartet auf sie.

13. August 1963
Kaum zurück von ihrer Reise warten neue berufliche Herausforderungen auf Edith. Der VEB Berlin-Projekt hat sich an einem Wettbewerb beteiligt, der eine Weiterführung der Stalinallee bis zum Alexanderplatz vorsieht. Es geht um weitere Wohnungen, 2 Kinos, ein Hotel und andere Kultureinrichtungen. Das DDR Regime ist nach dem Aufstand des 17. Juni und durch den Fortgang vieler wichtiger Fachkräfte wirtschaftlich stark angeschlagen. Die bisherige pompöse Architektur kann nicht fortgesetzt werden. Wohnraum ist nach wie vor sehr knapp. Etwa 80 Prozent des Wohnraumes auf der ehemaligen Frankfurter Allee war durch Bomben zerstört. Die Baumaßnahmen müssen zügig und kostengünstig umgesetzt werden. Der Siegerentwurf der Gruppe um Josef Kaiser sieht eine Bebauung im Stil des postmodernen Sozialismus in Plattenbauweise vor. Edith erhält von Kaiser Detailaufträge innerhalb des Projektes. So soll sie unter anderem den Zugang zum Hotel Berolina entwerfen und dabei das umsetzen, was sie auf ihrer gemeinsamen Reise in einem Hotel in Zürich gesehen hatten. Edith war beeindruckt von der sich automatisch öffnenden Eingangstür und will diese Technik unbedingt als Erste in der DDR einführen. So konzipiert sie einen Entwurf für einen Mechanismus unter dem Teppich der Eingangstür, der beim Betreten die Türen öffnet.
Gleichzeitig liefen die Planungen für das Kino International. Im Jahre 1961 war der Rohbau bereits fertig gestellt. Man arbeitete bereits an der Außenverkleidung. Für die Kunst am Bau war ein Relief an der Außenwand geplant. Der beauftragte Künstler setzte sich allerdings während der Ausführung in den Westen ab. So musste das Kunstwerk ohne seine weitere Mitarbeit fertig gestellt werden.

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(Bauprojekt Hotel Berolina im Hintergrund und Kino International)
Noch während der Bauarbeiten gibt es eine erste Ausschreibung zur Neugestaltung des Alexanderplatzes. Der VEB Berlin Projekt reicht hierzu Entwürfe für die Bebauung ein. Inzwischen ist Josef Kaiser bei den linientreuen Genossen in Ungnade gefallen. Er ist weder Mitglied der SED, noch hält er mit seinen persönlichen Anschauungen hinter dem Berg. Er ist immer perfekt gekleidet, lebt einen bürgerlichen Lebensstil und kommt damit bei den Genossen nicht gut an. Mit Sicherheit gibt es über ihn seit langem eine umfangreiche Akte der STASI. Für die Bewerbung hat Kaiser eine geniale Idee. Er lässt die Außenansicht eines Gebäudes auf die Vor- und Rückseite einer etwa ein Quadratmeter großen Glasplatte zeichnen, so dass man einen sehr plastischen Eindruck von dem Gebäude erhält. Wieder ist es Edith, der er zutraut, diese Aufgabe zu meistern. Sie erledigt diese Aufgabe mit Fleiß, Sorgfalt und Begeisterung. Leider muss sie feststellen, dass am nächsten Morgen oft Fettflecken und Fingerabdrücke auf ihrer Zeichnung zu finden sind, die nicht von ihr stammen. Bevor sie weiterarbeiten kann, muss sie mühsam um die einzelnen kleinen Zeichenelemente herumwischen, bevor sie mit ihrer eigentlichen Arbeit fortfahren kann. Offensichtlich gibt es einen Kollegen in ihrem Kollektiv, der ihr nicht gönnt, dass sie mit ihrer Arbeit Erfolg hat. Bei der Präsentation der Projektarbeit gibt es zwar auch viel Zustimmung für den Entwurf. Dennoch verliert Kaiser gegen den linientreuen Architekten Henselmann, der an der Stelle das Haus der Lehrers errichtet, das heute noch mit seinem sozialistischen Mosaikfries den Alexanderplatz beherrscht. Die Glasplatten hängen danach lange hinter Jakob Kaisers Schreibtisch und sind noch auf einigen Fotos zu sehen. Nach Auflösung der VEB Berlin Projekt verliert sich jedoch ihre Spur.

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Edith verbringt ihre Freizeit so oft es geht in Westberlin und besucht ihre Großmutter in Neukölln, wo während der Blockade die Rosinenbomber direkt über das Haus flogen und ab und zu Süßigkeiten für die Kinder an kleinen Fallschirmen abwarfen.

Der 13. August 1961 trifft Edith und ihre Kollegen wie ein Schlag. Niemand hatte damit gerechnet, dass praktisch über Nacht der Zugang zum Westen versperrt bleibt. An diesem Tag ist sie auf dem Weg zur Oma, um Essen vorbei zu bringen. An der Schönhauser Allee fahren weder U- noch S-Bahn. An der Treppe zur S-Bahn wird der Weg von Volkspolizisten versperrt. Edith sieht, dass hier kein Durchkommen mehr ist Sie macht sich auf den Weg zu einer Freundin. „Wir kommen nicht mehr nach Westberlin“. Die kann das nicht glauben. Gemeinsam machen sie sich auf zur Bornholmer und Bernauer Straße. Aber überall ist die Grenze inzwischen durch Polizisten und Soldaten abgeriegelt. Die jüdische Freundin ist verzweifelt und schreit die Grenzer an: „Ihr Nazis“.
Viele Menschen, die ihre Ausreise schon lange geplant haben und Stück für Stück ihre Sachen in den Westen gebracht haben, versuchen noch, ein Schlupfloch zu finden, da sie im Osten nichts mehr haben.
Am Montag sind längst nicht alle Mitarbeiter zur Arbeit gekommen. Vielen ist einfach der Weg von ihrer Wohnung abgeschnitten, oder es gibt keine durchgehenden Verkehrsmittel mehr. Wer dennoch gekommen ist, ist unfähig zu arbeiten. Ein Kollege erzählt Edith, dass er seine Ausreise kurzfristig geplant hatte. Edith rät ihm. „Du bist doch alleine. Noch gibt es Schlupflöcher. Nimm Dein Motorrad und brause über die Grenze. Der Kollege verlässt eilig das Büro, und es gelingt ihm tatsächlich die Flucht, was Edith erst viel später erfahren wird.
Es gibt noch mehr Kollegen im Kollektiv Kaiser, die ihren Weggang geplant haben. Daher schwärmt man aus und sucht nach offenen Stellen in der Mauer. Es gibt tatsächlich noch einige Möglichkeiten, die dann auch umgehend genutzt werden.
Edith sieht ihre berufliche Zukunft noch nach wie vor in der DDR. Sie glaubt nicht, dass sie im Westen der Stadt als Frau erfolgreich in ihrem Beruf arbeiten kann. Ihr Werdegang hat ja gerade erst begonnen. Das möchte sie nicht aufs Spiel setzen. Im Übrigen hat sie eine Wohnung. Die ist auch im Westen nicht so leicht zubekommen. Dort werden Flüchtende zunächst in Auffanglager gesteckt und dann einzelnen Bundesländern zugewiesen. Dennoch ist ihr klar, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es vorher war.
Im August 1961 eröffnet die STASI den ersten Ordner Edith B. Es beginnt mit einer anonymen Anzeige ihrer Stiefschwester, wie Edith später erfahren wird. Die behauptet, Edith pflege regen Kontakt mit Schauspielern und Sängern in den Filmstudios Babelsberg. Die Stiefschwester wird zwar als unzuverlässiger Zeuge eingestuft. Dennoch wird die Akte jetzt vierteljährlich mit einem Vermerk versehen: “Edith B. muss verhaftet werden“.

 

 

 

wird fortgesetzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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