
Das ist nach tagelangen Märschen durch langweilige Stadtteile eine inspirierende Abwechslung. Mariendorf ist sympathisch und hält für den Wanderer einige Überraschungen bereit. Zunächst eine Kurzbeschreibung. Mariendorf ist ein Stadtteil im Bezirk Tempelhof-Schöneberg mit über 53000 Einwohnern, die auf einer Fläche von mehr als neun Quadratkilometern leben. Damit wäre Mariendorf nach den Kategorien des deutschen Städtebaus eine Mittelstadt, wenn es sich nicht freiwillig unter die Fittiche Berlins begeben hätte. Nach dem ersten Eindruck hätte es auch das Zeug dazu mit einem breiten Angebot an seine Bürger. Der Stadtteil hat 170, teils sehr lange Straßen. Es gibt also allerhand zu erledigen in mindestens fünf Tagen.
Begonnen habe ich meine Erkundigungen an der Ullsteinstraße. Direkt an der U- Bahnstation steht das ehemalige Firmengebäude des großen Ullstein-Verlages. Der Firmengründer ließ das Gebäude in den 1920er Jahren errichten. Damals beeindruckte es mit seinem expressionistischen Baustil. Es war mit einer Höhe von 77 Metern das höchste Gebäude in Deutschland für die nächsten 30 Jahre. Das Ullsteinhaus beherbergte den Verlag, sowie die Produktion der Bücher und verschiedener Zeitungen. Die jüdische Familie überstand die Repressalien der Nazi-Zeit nicht. Ullstein musste den damals größten Verlag Deutschlands zwangsweise verkaufen. Erst 1952 erhielt die Familie ihren Besitz zurück. Im Jahre 1960 verkauften die Erben des Firmengründers ihre Anteile an den Axel Springer Verlag. Der nutze die Druckerei noch für eine sehr kurze Zeit, verkaufte das Haus aber it später weiter. Heute teilt das Gebäude das teilt das Schicksal vieler anderer Industriebauten in Berlin. Die Nutzfläche von 80 Tausend Quadratmeter Nutzfläche wurde von nachfolgenden Spekulanten in Bruchstücke aufgeteilt und an verschiedene Nutzer vermietet. So befinden sich dort jetzt unter anderen die Call-Center von Deutscher Bank und Lufthansa.

Ein ähnliches Schicksal erlitt die jüdische Familie Lewissohn, an die eine Gedenktafel, nicht weit vom Ullsteinhaus entfernt, erinnert. Der Firmengründer legte bereits Ende des 19. Jahrhunderts den Grundstein für das Seebad Mariendorf. Später errichtete er in der heutigen Ullsteinstrasse das größte Sportschwimmbad der damaligen Zeit. Bis in die frühen dreißiger Jahre war es die Attraktion in Berlin und immer gut besucht. Auf der Gedenktafel sind Fotos des damaligen Bades angebracht. Mit Beginn der Nazi-Zeit kamen aus Angst keine Gäste mehr. Dann folgte der unweigerliche Bankrott. Lewissohn musste das Gelände zwangsweise an die Nazis abgeben. Nach dem Krieg versuchte seine Frau vergeblich, das Anwesen zurückzuerhalten. Sie starb verarmt in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. An der Stelle des Schwimmbades ist heute eine Altenpflegestätte untergebracht.

Von der Ullsteinstraße ist es ein Katzensprung zur Monopolstrasse. Dort baute die Stadt in den 1920er Jahren eine Siedlung mit absolut gleich aussehenden vier Haustypen. Langweilig sieht das keineswegs aus, da der Architekt die Häuser unterschiedlich anordnete. Absolut gleich? Natürlich nicht in Berlin. Einer tanzt immer aus der Reihe. So hat ein Bewohner die ursprüngliche ockerfarbene Außenwandfarbe in weiß übermalt. Trotz der Nähe zu zwei Hauptstraßen ist die Lage traumhaft und ruhig. Eine Besonderheit gibt es außerdem. Auf Bürgersteige wurde verzichtet. Um die auf beiden Seiten parkenden Autos muss man als Fußgänger herumlaufen. So habe ich das in Berlin noch nirgends in städtischer Umgebung gesehen. In den 1920er Jahren war das wohl kein Problem. Wegen fehlender Autos konnte man die ganze Straße als Bürgersteig nutzen.

Die Hauptstraße ist der Mariendorfer Damm, eine 4300 Meter lange vierspurige, völlig gerade Straße, Heimat aller notwendiger Geschäfte, die man zum Leben braucht. Auch zum Sterben. Den besonderen Humor Berliner Bestattungsunternehmen habe ich bereits jahrelang genossen. In Mariendorf ist es noch einmal anders. Hier verspricht der Bestatter Begräbnisse und Vorsorge. Also: wenn das so ist, wie bei der Krebsvorsorge. Kann man dann die Bestattung verhindern und sein Leben verlängern? Ich muss mich mal genauer erkundigen.

Ich habe inzwischen nachgefragt. Man kann leider keine Vorsorge gegen den Tod, sondern nur für den Tod treffen, damit die Erben nicht für die teilweise enormen Bestattungskosten aufkommen müssen. Schade. Dafür habe ich etwas später einen weiteren Beleg für den besonderen Humor Berliner Bestatter oder Kneipen gefunden.

Schöner, als auf der Hauptstraße ist es allerdings in den Nebenstraßen. Dort gibt es einige Kirchen, wie z.B. die Kirche der Gemeinde Maria Frieden, die durch ihre eigenwillige Architektur auffallen. Das ist mal ausnahmsweise nicht neugotischer dunkelroter Backstein. Links des Mariendamms geht es hochherrschaftlich zu: Königstrasse, Kurfürstenstraße oder gar Kaiserstraße. Aber die Berliner waren schon immer respektlos, wenn es um hochgestellte Persönlichkeiten geht. Was das nächste Foto beweist.
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Von der Kaiserstrasse ist der Weg nicht weit zu einem riesengroßen Gewerbegebiet. Die Gemeinde hat viel Gelände zur Verfügung gestellt, das ehemals überwiegend traditionelle Fabriken beherbergte. Inzwischen hat sich das komplett gedreht. Die heutigen Betriebe verdienen ihr Geld hauptsächlich mit Dienstleistungen, wie Transport oder Zwischenlagerung von Waren aller Art. Amazon ist hier angesiedelt und natürlich auch DHL. REWE betreibt ein riesiges Zwischenlager, Tuner frisieren hochwertige Autos und Baumärkte sind größer als anderswo. Wer einmal sehen möchte, wie es früher ausgesehen hat, sollte die Straße „Altes Gaswerk Mariendorf“ entlanggehen. Stiefel sind angebracht, denn das Gelände wird komplett ausgehoben und verkabelt. Die Straße endet im Morast, und nur mit guter Spürnase und verdreckten Schuhen gelangt man dort hin, wo früher das Gas für Mariendorf in zwei riesigen Ballons gelagert wurde. Die Gegend sieht wie ein verwunschener Ort aus, besonders an einem nieseligen Wintertag. Aber am Ende wird man mit einem solchen Foto belohnt.

Zum Schluss noch der ultimative Tipp für alle, die mittags der Hunger überfällt. Auf der Rixdorfer Straße 96 bietet das Restaurant Michelangelo ein üppiges, preiswertes und schmackhaftes Menü an. Zum Preis von € 10,95 sind Bruschetta, ein Salat, Fisch, Schnitzel oder Hähnchen, sowie ein Nachtisch (Vanilleeis mit heißen Kirschen) und ein Espresso enthalten. Jeden Mittag treffen sich dort die Rentner von nah und fern und lassen sich verwöhnen. Guten Appetit.

Danke Sigi,interessant und sehr schön geschrieben.Gruß, Hans
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