Lichterfelde – Süd/West/Ost? Ost!

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Warum Lichterfelde Ost? Er ist heute der lebendigste Stadtteil mit gut erhaltenen Villen aus der Gründerzeit. In Lichterfelde -West standen vor dem Zweiten Weltkrieg die pompöseren, fantasievolleren Prachtbauten. Leider wurden die meisten davon während des Krieges zerstört. Im Süden ist die Bebauung höher und dichter. Hier entstehen demnächst auf einem ehemaligen Feld der amerikanischen Streitkräfte weitere 25tausend Wohnungen. Eigentlich muss man da nicht hin. Außer einmal Mitte April, wie alle anderen Berliner auch. Mehr davon später. Zunächst einmal die harten Fakten. Lichterfelde gehört mit seinen etwa 85tausend Bewohnern zum Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Die Nachbarstadtteile sind Dahlem, Zehlendorf und Steglitz. Im Süden grenzt Brandenburg an Lichterfelde, das 1920 nach Berlin eingemeindet wurde. Lichterfelde ist ein großer Stadtteil mit etwa 18 Quadratkilometern Fläche und 300 Strassen.

Die Entstehung der Stadt Lichterfelde verdankt man dem sehr wohlhabenden und bekannten Architekten Johann Wilhelm von Carstenn, dem man in der Stadtgeschichte Berlins an vielen Stellen begegnet. In die Geschichte ist er eingegangen durch eine einmalige Planung mehrerer Straßen, die alle auf einen Platz münden. Diese Konstruktion trägt heute seinen Namen. Das viele Geld aus seinen Bauten steckte er in die Planung einer neuen Stadt, die sich damals auf einem Acker außerhalb Berlins entwickelte. Damit dort überhaupt hinkommen konnte, schenkte er der neuen Gemeinde zwei Bahnhöfe, Lichterfelde-West und Lichterfelde-Ost. Die kann man noch heute besichtigen. Mit der neuen schnellen Anbindung an die Stadt wuchs die Begeisterung der wohlhabenden Bürger für eine Veränderung. Frische Luft und das Landleben waren damals en vogue. Wer allerdings in Lichterfelde bauen wollte, musste nicht nur Land bei Carstenn kaufen, sondern ihn auch mit der Planung beauftragen. Carstenn wollte eine Stadt nach seinem Geschmack errichten. So entstanden in kürzester Zeit hunderte von Prunkvillen unterschiedlichster, aber oft gewagter Stilrichtungen, wie es in der Gründerzeit üblich war. Korruption war damals noch kein Unwort. Aber eine Hand wusch damals auch schon jede andere. Als der preußische Staat mal wieder, wie so oft, in Geldnot war, half Carstenn gerne aus. Er ließ Unterkünfte für die Offiziere in seiner neuen Stadt bauten und verlangte dafür nichts.

Der Prunk wurde um den Bahnhof West erbaut. Bald regte sich aber auch in der Mittelschicht Berlins der Wunsch nach Umzug aufs Land. Während die meisten großartigen Villen in Lichterfelde zerstört wurden, blieben die Häuser in Lichterfelde Ost größtenteils unzerstört. Während sich auf dem zerstörten Gelände Industriebauten ansiedelten, blieb der Kern des Ostens erhalten. Daher gilt meine Präferenz diesem Teil. Am Bahnhof selbst kann man sich mit allem versorgen, was man zum Leben benötigt. Aber auch mit dem, was das Leben erst lebenswert macht. Die Anwesenheit des Feinkostgeschäftes Lindner deutet eindeutig darauf hin, dass im hier viele zahlungsfähige Kunden wohnen. Im Umkreis von mehreren Quadratkilometern kann man die besichtigen. Das sollte man auch unbedingt tun. Es gibt unterschiedlichste Architektur aus der Gründerzeit. Aber wer neu baut, drückt auch seinen besonderen Stil aus. Hier ein Beispiel für den Baustil in dieser Gegend.

Die Häuser sind geräumig, die Grundstücke teils weitläufig. Mein besonderes Augenmerk fiel auf einen großen hellbraunen Quader mit kleinen Schlitzen und einer fensterlosen Front. Auf dem stand in großen Lettern: „Do not think in Cubes“. Was mich verwirrte. Geht man dort ins Freie, wenn man denken will? Oder soll man sein Schubladendenken aufgeben, obwohl man in einer Schublade wohnt? Die Frage hat KI beantwortet. Besonders in Design-affinen Berufen ist der Ausspruch geläufig und bedeutet, dass man mit seinem Gedanken die dreidimensionalen Grenzen eines Würfels überwinden soll. Also wohnen dort wahrscheinlich Architekten oder Designer. Wer den Spruch zuerst benutzt hat, ist nicht bekannt. Aber bestimmt kein Engländer, denn der hätte wahrscheinlich „within cubes“ gesagt, oder?

Lichterfelde hat teilweise noch den alten Charme bewahren können. Viele Straßen sind noch mit grobem Kopfsteinpflaster belegt. Wenn man Glück hat, begegnet man dort diesem Schornsteinfeger.

Sprechen wir über den Rest des Stadtteils. Er ist nicht besonders erwähnenswert. Es gibt ein paar Kleinode. Dazu gehört der wunderschöne alte Parkfriedhof, auf dem einige bedeutende Lichterfelder Bürgen beerdigt wurden. Bei der Größe und Unübersichtlichkeit ist es es allerdings nicht leicht, sie auch zu finden. Bei Lilienthal hat mein Spürsinn versagt, aber das Grab von Drafi Deutscher habe ich gefunden.

Wer allerdings doch noch auf den Spuren Lindenberghs wandeln möchte, der hat an zwei Orten dazu Gelegenheit. Ich empfehle einen Spaziergang entlang des Teltowkanals auf der gepflegten Eduard-Sprenger Spranger-Promenade, wo man ein Denkmal findet.

Kurz dahinter, im Pavillion, kann man meistens nachmittags die unterschiedlichsten Darbietungen erleben, vielleicht sogar an einem Tangokurs teilnehmen. Eine zweite Möglichkeit, Linbergh zu treffen, besteht an der Schütte-Lanz-Straße. Hier unternahm Lindbergh seine ersten Flugversuche. Ein Denkmal erinnert daran.

Im April ist es im Park am Denkmal besonders hübsch, wenn die japanischen Kirschen blühen.

Damit kommen wir zu Lichtenberg-Süd, das man mit allen Berlinern zusammen an wenigen Tagen Mitte April besuchen sollte. Dann pilgert ganz Berlin, wenn die Sonne scheint, zum Picknick in die Kirschblütenallee in der Nähe des S-Bahnhofes Lichtenbeg-Süd. Die Kirschblütenallee ist keine offizielle Straße. Man kann sie aber kaum verfehlen, wenn man einfach all den anderen Menschen folgt. Sie ist ein langer Feldweg, auf dem früher die Berliner Mauer entlangführte. Zur Wiedervereinigung Deutschlands spendete der japanische Staat den Berlinern 1000 Kirschbäume, die entlang dieses Mauerstückes angepflanzt wurden. Nach über 25 Jahren entfalten sie jeweils Mitte April ihre volle Pracht. Es sei denn, es regnet.

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