Moabit: Love on first Look/ Moabit, ick liebe Dir

you will find the english version  below

An Moabit kommt man nicht vorbei. Wer am Hauptbahnhof aussteigt, ist bereits da. Und wer fliegt, kommt auf dem Weg in die Innenstadt mit großer Wahrscheinlichkeit daran vorbei. Moabit ist damit für jeden, der in Berlin ankommt, der erste Eindruck der Stadt.

Aber der Hauptbahnhof ist nicht Moabit. Das ist Glitzer und Glimmer, Baulärm, moderne Architektur, Großstadtgehabe und Wichtigtuerei. Nehmt den Bus in Richtung Flughafen und steigt an der nächsten Station Turmstraße aus. Das ist Moabit.

Moabit ist eine einzigartige Mischung von Menschen aus Deutschland und aller Welt, die hier angekommen sind und ein friedliches Miteinander pflegen. Es ist Wahlzeit und ich habe kein einziges Plakat der AfD gesehen. „Wenn die hier kleben, reißen wir es sofort wieder ab“ sagt die Bedienung des Restaurants Walhalla, wo man neben leckeren Speisen auch ein gepflegtes Kölsch bekommt.

Moabit ist eigentlich eine Insel in Berlin, die man nur über eine der vielen Brücken erreichen kann. Umschlossen wird es von der Spree, dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, dem Westhafenkanal, sowie dem Charlottenburger Schifffahrtskanal. Wenn man ans Wasser möchte, ist es nie weit. Moabit hat heute etwa 70 tausend Einwohner, davon etwa 45 Prozent mit ausländischen Wurzeln. Moabit ist eine Kleinstadt in Berlin mit allem, was dazu gehört: eigene Verwaltung, kleine Geschäfte jeder Art, aber keine Kaufhäuser. Schon gar nicht diese Luxus-Shoppingcenter, wie sie sonst überall wie Pilze aus dem Boden schießen. Nicht ganz, denn auch in Moabit folgt man dem Zug der Zeit. Auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei an der Straße Alt-Moabit entsteht ein riesiger Komplex für über einhundert Geschäfte, aber auch für Künstlerateliers, Kulturstätten und Restaurants.

Moabit war der Bezirk der Arbeiter. Viele bekannte Firmen, besonders aus der Schwerindustrie haben hier ihre Fabriken gebaut und Tausende beschäftigt, die auch in der Nähe ihre Wohnungen hatten. Die Anbindung an das Wasserstraßennetz war die Voraussetzung für die Lieferung der benötigten Rohstoffe. Heute findet man hier immer noch viele Leute, die aus der unteren oder der Mittelschicht stammen, aber auch Beamte und Pensionäre, keine Yuppies, Börsenmakler oder Galeristen. Dazu kommen viele Ausländer, vornehmlich aus der Türkei. Es gibt Kieze, in denen sie in der Mehrheit zu sein scheinen.  Die Männer rauchen Shisha auf der Straße zum Kaffee, in kleinen Geschäften wird Obst verkauft, natürlich gibt es eine Reihe Spielhallen. Vor dem Krieg lebten hier etwa viertausend Juden. Der Hälfte ist es geglückt, noch rechtzeitig auszureisen. Die andere Hälfte ist in den Gaskammern der Konzentrationslager umgekommen. Viele Stolpersteine auf den Bürgersteigen bezeugen diese unsägliche Vergangenheit.

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Moabit hat den Charme vergangener Tage behalten, die Bausubstanz ist aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Vieles wurde nach dem Krieg restauriert, nur behutsam entstehen Neubauten, wo Lücken waren. Nun schafft man acht Stockwerke auf der gleichen Höhe, in der früher nur fünf gebaut wurden.  Die Mieten sind hier noch nicht so hoch, dafür fehlt es an Luxusbadezimmern, oft auch an Aufzügen. Bis zum fünften Stock sind es 100 Stufen und mehr. Aber junge Familien können sich die Miete noch leisten, und das merkt man. Nirgends in Berlin habe ich so viele Kitas, Abenteuer-Spielplätze und Angebote für Eltern wie hier gesehen. Das kann man auch hören. Hier sitzen die Kinder nicht vor ihrem Elektronikschrott, sondern spielen laut und ausdauernd im Freien. Moabit ist erfüllt vom Lärm glücklicher Kinder.

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Moabit beschreibt man am besten als freundlich, weltoffen, etwas grün und liberal, aber nicht so kalt wie Prenzlauer Berg. Türkisch, aber nicht so gentrifiziert wie Kreuzberg. Liebens-und lebenswert. Das muss ich erklären. Was mir zuerst auffiel, war die große Zahl sozialer Treffpunkte. Die gibt es zum einen für die Bürger eines „Kiez“, aber auch für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. So gibt es zum Beispiel den Treffpunkt „Der warme Otto“, wo Obdachlose eine Begegnungsstätte am Tage finden und verköstigt werden. Aber diese Institution macht viel mehr. Sie gibt den Menschen das Bewusstsein, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind. Zum Beispiel mit der Aktion „Obdachlose gehen wählen“, um damit  ein Zeichen an die Politiker zu senden, sich stärker um die Belange dieser Wählergruppe zu kümmern.  In Moabit wurden bereits zwei SOS Kinderdörfer gebaut, beide ziemlich groß und damit ein Zuhause für viele elternlose Kinder.

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Die Zahl der Parks ist unübersehbar und die meisten sind gepflegt und haben große Spielflächen für die Kinder. Überall gibt es Bänke, wo sich die Senioren bereits am Vormittag zu einem Plausch einfinden. Man geht gerne aus, die vielen Restaurants sind die ganze Woche über immer gut besucht. Es gibt eine große Auswahl unterschiedlicher Nationalitäten. Aber anders als in Mitte oder Neukölln sind die Preise  zivil. Und wer sich selbst das nicht leisten kann, bekommt in der Markthalle ein belegtes Brötchen (zwei halbe Schrippen) und einen Kaffee für zwei Euro vierzig.

Anders, als im übrigen Berlin, haben die Einwohner ihren Frieden mit der Verwaltung geschlossen. Ja, es dauert auch etwas, bis man einen Termin bekommt. Aber nur Wochen, nicht Monate. Und man kann den Termin im Internet buchen. Moabit ist wirklich eine friedliche Insel mitten in Berlin. Selbst die Ober sind hier freundlich und hilfsbereit, nie im Stress und haben sogar ein bisschen Zeit für die Gäste.

Gibt es nichts, was die Stimmung trübt? Leider doch. In Moabit ist auch das LaGeSo, das sich um die Aufnahme der Flüchtenden kümmert. Die Verwaltung ist total überfordert, monatelang herrschten menschenunwürdige Zustände. Das Amt kommt immer noch nicht aus den Schlagzeilen. Es ist eine Schande zu sehen, dass junge Menschen nicht die Schule besuchen oder eine Ausbildung beginnen können, weil die notwendige Registrierung nicht abgeschlossen ist. Und das seit Monaten! Die Verwaltung verlässt sich bei der Versorgung der Flüchtenden voll auf freiwillige Organisationen, wie „Moabit Hilft“. Die kämpfen bis  zur Erschöpfung und sind dringend auf Spenden angewiesen. Es ist wirklich erbärmlich, wie ein so reiches Land wie Deutschland sich um diese Menschen kümmert.

Dennoch: warum nicht beim nächsten Berlin-Besuch in Moabit wohnen? Das ist gar nicht so einfach. Es gibt nur wenige Hotels. Die Moabiter sind wohl gerne unter sich. Deshalb genieße ich meine sechs Tage hier ganz besonders – bei Freunden. Und natürlich werde ich wieder kommen.

Sightseeing? Im angrenzenden Teil zu Mitte gibt es einige Museen und spektakuläre Architektur. Aber eigentlich kommt man nach Moabit zum Müßiggang. Eine kleine Pause im Park oder an der Spree, ein gepflegtes Glas Wein oder ein genussvoller Abend im Freien, das sind hier die Höhepunkte.

Meine Tipps für Moabit:

Sightseeing: Kirche St. Johannis, Alt-Moabit 23-25. Rechts an der Kirche vorbei auf den Friedhof gehen, die Stille und den Blick auf die Kirche genießen.

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Food-shopping, Frühstück, Mittagessen: Arminius Markthalle, Arminiusstraße 2-4

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Essen, Trinken, Bücher kaufen, Tango tanzen oder sonntags Tatort gucken: Buchkantine, Dortmunder Str. 1 (www.buchkantine.de) und im Sommer unter der großen Eiche chillen, am besten mit der hausgemachten Limonade: grüner Tee mit Grapefruit

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English Version

When you come to visit Berlin, you can hardly miss Moabit. The railway station „Hauptbahnhof“  is in Moabit and when you take the bus TXL from the Airport into the city of Berlin, you will pass by. But the main Station area is not the real Moabit. Too modern, too hyper, too glamarous and too loud. Go one stop back with the airport bus to Tegel and exit at Turmstraße. This is the real Moabit.

Moabit is a unique mixture  of German and people from all over the world, who manage to live peacefully together. I came shortly before the next election of the Berlin parliament. But you will not see a single poster of the AfD-Party (the extrem national party). „If we would recognize one of their posters here, we would immediately damage it“ comments the waitress at Walhalla restaurant, where they serve not only delicious food, but also the typical beer from Cologne.

Moabit is an island within Berlin, completely sorrounded by water, either rivers or waterways. If you want to enjoy a day at the waterfront, it is never far to go. Moabit is a small town with almost 70 thousand people, nearly 45 per cent of them with foreign roots. It is self-sufficent,too, with it´s own government, small individual shops, but no shopping malls. This will change shortly. On the premises of a former brewery at Alt-Moabit a huge complex with one hundred shops, but also studios for artists, restaurants and cultural meeting points is under construction.

In the late 19th century Moabit became the centre of heavy metal construction companies. They employed thousands of workers, who lived near-by. Until now Moabit is the place for low- and middle-class people to live. Many of the old houses survived the world wars ore were restored. They all have  a standard hight of five floors. Only the replacement buildings have up to eight floors, but the same hight in total. Housing in Moabit is simple and not so expensive: mostly no elevators, no extravaganza in bathrooms. The only, but important luxury are the wide backyards with old trees and children´s playgrounds. That makes Moabit very attractive for families with children and people with lower income.  Many turkish families came here to settle. They seem to build the majority in some parts of the city with their social clubs, tea rooms, fruit-stands, newspaper-stands, shisha-bars and gambling-rooms. Before Worldwar II almost  four thousand jewish people lived in Moabit. Nearly half of them were able to escape, but the other half ended in the gas chambers of the Nazis. So called „Stumbling Stones“ with their nameson remind of the cruel history.

moabit008 Moabit was able to keep the charm of former days. Many parks and greens, people sit on benches and communicate or read the paper. Everything is a little bit slower than in near-by Mitte. And the kids have fun outside and you can hear them laughing everywhere.

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If I had to describe Moabit in a few words, it would be: friendly, open-minded, social, liberal and a little green, but not as could as Prenzlauer Berg. Turkish,  but not so stylish as Kreuzberg, lovely and lovable. Let me try to explain it. I was wondering about the huge number of social meeting points in each neighborhood. They are not only for the residents to discuss their daily problems, but also for people in difficult circumstances, like homeless  or others. Organizations like „Warmer Otto“ give homeless people not only a warm place to stay at day-time and a warm meal. They also let them know, that they are a part of our society, have to vote and fight for their rights.

One SOS-children village take care of a huge number of kids with no parents and a second house is just under construction.

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Social life takes also place in the many restaurants. No matter what time of the day or what day in the week – they are always busy, serve good food at reasonable prices and welcome every visitor. Even with a low income you can get your breakfast at he market hall for the price of € 2.40 (Sandwich and endless coffee included).

Opposite to other districts in Berlin people made peace with the government. Yes, it takes several weeks,before you get a date, but not months. And you can book an appointment online.

Is really everything positive in Moabit? No complaints? Not quite. Moabit is the seat of the LAGESO, the government office for the refugees in Berlin, the most inefficient authority. For months they were not able to practice acceptable procedures. And they are still in the headlines. It is a shame, that young people cannot visit a school or learn the language for many months due to slow performance and bureaucracy.  The administration relies completely on voluntary help organizations like „Moabit hilft“. These people work day and night, collect donations and support the refugees with food, clothing and sanatary items.

Anyway, when you visit Berlin next time, have Moabit on your list. Hotels here? Not so many. But you can always enjoy a relaxing day here. Just cross one of the many bridges.

Sightseeing? Yes, there are a few important Museums and spectecular architecture at the border to Mitte. But you should come to Moabit for chilling, good dinig for reasonable prices or relaxing at the waterfront.

Here are my three very personal recommendations:

  1. Sightseeing: Visit the church St. Johannis at Alt-Moabit 23-25. Pass the church at the right-hand side and go to the cementary. Enjoy the silence and the wonderful view Moabit009
  2. Food-Shopping, Breakfast, Lunch or Dinner at the Arminius Markthalle, Arminiusstr. 2-4. You can select your food at differnet stands and take a free seat anywhere in the markethall.Moabit010
  3. Eating, Drinking, Tango Dancing, Book-Shopping and more at Buchkantine, Dortmunder Str. 1 (www.buchkantine.de) Chilling under the very old oak-tree in front of the place, having a home-made green-tea-lemonade with Grapefruit. Moabit014   Moabit012
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