Living in a Museum/Leben im Museum: das Hansaviertel

english version below

Da hat man ein paar Tage in Moabit verbracht, überquert eine Spreebrücke – und ist in einer anderen Welt. Im Hansaviertel trifft man kaum Menschen auf der Straße. Es gibt keine Restaurants, keine Cafes, aber zwei Kirchen, eine Schule, ein paar Läden zum Einkaufen und viel Grün. Das einzige Kino ist jetzt ein Kindertheater.

Nach dem 2. Weltkrieg war hier fast alles zerstört. Nur etwa dreißig Häuser waren den Bombern nicht zum Opfer gefallen. Aber selbst die wurden einer neuen Stadtplanung zum größten Teil geopfert. In den 50er Jahren zeigte der sozialistische Staat, wie er sich das neue Berlin vorstellte und begann mit den Prunkbauten der Stalinallee. Der westliche Teil der Stadt wollte darauf antworten und plante ein Projekt zur Internationalen Bauausstellung, die am 6. Juli 1957 eröffnet wurde. Internationale Architekten aus aller Welt wurden eingeladen, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Sie sollten demonstrieren, wie  man sich urbanes Leben im 20. Jahrhundert vorzustellen hatte. Private Investoren gab es zu der Zeit nicht. So kamen die benötigten Mittel von der Stadt für sozialen Wohnungsbau, und die waren knapp.

Die Vorstellungen der Architekten über die Lebensweise in Großstädten waren global ziemlich einheitlich und bedeuteten eine strikte Trennung von Arbeit, Wohnen, Freizeit und Verkehr. Das ehemalige konzentrierte Wohnen sollte durch großzügige Grünflächen aufgebrochen werden. Das entsprach dem damaligen Weltbild über die Familie, in der der Vater sechs Tage die Woche und über fünfzig Stunden arbeitete, abends spät und erschöpft nach Hause kam und Mutter das Essen auf den Tisch stellte, die beiden Kinder ins Bett brachte und damit für einen ruhigen Restabend sorgte. Sonntags ging man zunächst in die Kirche und danach ins Grüne oder in den Zoo oder ab und zu ins Kino.

Für diese Lebensweise ist das Hansaviertel die ideale Umgebung. Aber das Leben hat sich in nicht einmal sechzig Jahren komplett verändert. Es gibt besonders in den Großstädten immer mehr Singlehaushalte, die Menschen arbeiten zum Teil im Homeoffice oder mit ihrem Laptop im nahegelegenen Cafe. Beide Elternteile gehen einer Beschäftigung nach und schicken die Kinder in die Krippe oder auf Ganztagesschulen. Die Ausgestaltung der Freizeit hat einen enormen Stellenwert in der Gesellschaft. Für diese neuen Herausforderungen bietet das Hansaviertel keine Lösungen.

Breits damals war die knappe Budgetierung eine riesige Herausforderung für die Architekten. So kam es, dass man entweder zu viergeschossiger Bauweise mit wenig  oder aber zu Hochhäusern mit großzügigen Grünflächen entschied. Bei niedriger Bebauung konnte auf die Fahrstühle verzichtet werden. Aber auch beim Design kann man die Mittelknappheit deutlich erkennen. Nach meiner Beurteilung hat hier der rechte Winkel eindeutig über den guten Geschmack gesiegt.

Wer heute im Hansaviertel lebt, ist hier oft schon seit Anbeginn ansässig und fühlt sich wohl. Das Durchschnittsalter ist relativ hoch, die Mieten sind noch bezahlbar. Zum angrenzenden Tiergarten sind es nur ein paar Minuten zu Fuß. Das gesamte Hansaviertel steht heute unter Denkmalschutz – Leben im Museum – und damit sicherlich  für Architekturstudenten eine interessante Ausflugsmöglichkeit.

Wie kommt man hin? S-Bahn Station Tiergarten oder U9 bis Hansaplatz.

Was kann man hier tun? In der Cuxhavener Str. 14 steht eines der wenigen erhaltenen alten Häuser. Hier wurden alle Juden des Viertels zusammengebracht, bevor sie zu den KZ´s abtransportiert wurden

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Akademie der Künste                                                Hochhaus im Hansaviertel

english Version

After having spent some days in Moabit, I crossed a bridge to Hansaviertel and found myself in a completely different world. You will hardly see people on the streets, no cafes or restaurants, but two churches, one school and an academy, a few shops and a lot of green. Hansaviertel is a place to sleep, but not to live.

After Worldwar II almost every house had been destroyed here. But even the rest had been taken down to make space for a new concept of urban living. The architects of the 1950´s  believed in a strict subdivision into areas of  work, traffic, sleep and entertainment, where living-areas should be de-condensed and filled up with green. That matched with the view on family life at that time. The father of a familiy with about two kids worked hard for more than 50 hours, 6 days a week. When he came home late, there was just enough time to enjoy the freshly prepared meal of his wife, bringing the kids to bed and have a little drink, before going to bed early.

In the 1950´s the government of East-Germany started to show their view on modern life in capital areas. Monumental Buildings for the working class arised at Stalinallee. West Berlin´s answer was a international competition of architects for 35 houses buildt at Hansaviertel for the International Building Exhibition in 1957. As there were no private investors available, the government of Westberlin decided to invest into the project, but with very limited money, which was a great challenge for the architects involved. The results were four-storage large buildings and one-familiy-houses with little and a lot of higher houses with more green around. The architecture in total was simple, the right angel dominates over good taste. In total some 5700 people live here today.

Hansaviertel was buildt for the 1950´s generation. But life has changed a lot. Mothers don´t cook so much any more, there are many singles living in capitals. The working conditions changed from 6 days a week to flexible, many people work at home or with their laptops in cafes. Eating out, starting with brunch, continuing with business-lunch and ending with a late dinner became very popular. Leisure is an important part of our life. Hansaviertel has no answers to these challenges. It is no wonder, that many people of the very beginning still live here. Hansaviertel is under monument protection, people live in a museum. For students of architecture it is definately a place to learn about the past.

How to get here: take S-Train to Tiergarten or U9 to Hansaviertel.

What to do: not much, but visit the house at Cuxhavener Straße 14, one of the last old houses, where all Jewish people where isolated, before they came into the concentration camps.

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The academy of fine arts

 

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