Help! The „Berliner“ extincts/der Berliner stirbt aus

der-berlinerDas ist kein Berliner, sondern in Berlin ein „Pfannekuchen“

the english version will be published later

Es wird Zeit, dass ich nach fast einem Jahr der Wanderungen durch Berlin über den Ureinwohner schreibe, bevor er nur noch selten anzutreffen sein wird. Es ist wahr: immer weniger Menschen in Berlin sind waschechte Berliner, und immer häufiger trifft man Menschen aus aller Welt dort. Auch bayrisch, schwäbisch oder hessisch kann man an jeder Straßenecke hören.

Woran erkennt man überhaupt, dass man einen Berliner vor sich hat? Natürlich berlinert er, was vielleicht selbstverständlich ist. Aber was ihn wirklich auszeichnet, ist, die Fehler anderer Menschen zu erkennen und sie darauf aufmerksam zu machen. Wenn er merkt, dass man ihm eine unsinnige Frage stellt, hat er blitzschnell eine passende Antwort darauf, die er in Laufe der Evolution von vorherigen Generationen übernommen hat. Und ein echter Berliner ist nur der, welcher alle diese Eigenschaften in sich vereint. Ein Zugereister mag vielleicht nach langer Zeit berlinern, den Dialekt nachahmen oder den Wortschatz erlernen können. Aber Berliner würde er erst, wenn er aus den seit Generationen vererbten Redewendungen in Sekundenschnelle die passende findet. Dabei kommt es wesentlich darauf , sein Gegenüber immer höflich und korrekt auf seine Unzulänglichkeit hinzuweisen. Das schafft kein normaler Mensch in einem Leben. Beispiele kommen später.

Aber wo findet man den typischen Berliner noch? Vergesst das Taxi, eine frühere Domäne. Politiker sollen sich früher angeblich nur deswegen in ein Taxi in Berlin gesetzt haben, um Volkes Stimme zu hören. Der Berliner Taxifahrer gab immer seine politische Meinung zum besten, gerne auch ungefragt. Aber seit die Politiker nicht mehr auf ihr Volk hören und sich auch nicht mehr in ein Taxi setzen, musste sich der Berliner ein neues Betätigungsfeld suchen. Taxis fahren nur noch Türken, Pakistani und andere ausländische Mitbewohner, die mit ihrer  politischen und jeder anderen Meinung  sehr sorgsam umgehen.

Berlinern begegnet man häufig in Restaurants als Kellner, als Busfahrer oder in anderen Bereichen des Dienstleistungsgewerbes. Hier arbeiten sie unermüdlich daran, den  Ruf der Stadt Berlin zu ruinieren. Fragt nie einen Busfahrer irgendetwas, wenn ihr nicht unbedingt müsst. Euer Handy ist verlässlicher und höflicher. Auf die Frage „Verzeihen Sie, fahren Sie gleich nach Tegel“ kommt wie aus der Pistole geschossen. „Nö, watt soll ick denn da“ oder „Mit Lesen is det nich so dolle bei Ihnen“. Gerne wird man an der Stelle auch auf die Tageszeit hingewiesen. „Tach heest det“. Als Ausländer solltet ihr unbedingt erst deutsch lernen, bevor ihr einen Bus betretet. Denn da kennt der Fahrer keinen Spaß. Da gibt er auch keine Antwort, denn er weiß, dass Beleidigungen nur gut rüber kommen, wenn der andere sie auch versteht.

In Restaurants solltet ihr auf alle Fälle schlagfertig sein, wenn ihr mit dem Kellner kommuniziert. Wenn ihr nicht zurückgeben könnt, wenn er austeilt, wird er euch den ganzen Abend missachten. Das Beste, das ich erst vor kurzem gehört habe, war die Antwort eines Kellners auf die Frage „Dürfen wir den Hund mit hereinnehmen?“. Der sagte nämlich ganz spontan „Na klar, die sind besser erzogen als die verdammten Gören“. Womit er vielleicht Recht hatte, aber doch eine nachfolgende Familie mit zwei Kleinkindern erheblich irritierte.

Am besten ist es, bei Fragen des Kellners präzise zu antworten und auf gar keinen Fall eine Gegenfrage zu stellen. Wenn er etwa nach  Getränken fragt, teilt ihm euren Wunsch mit , aber fragt nicht: „Kann ich auch schon das Essen bestellen?“. Die Antwort wäre unweigerlich „Siehst du sonst noch einen?“.

Treffsicher werdet ihr Berliner kennenlernen, wenn ihr etwas tut, was man als Berliner nicht macht. Dann erfolgt postwendend eine Regieanweisung aus dem Off. In anderen Weltstädten sieht man großzügig über die schlechten Angewohnheiten anderer hinweg. Ein Londoner würde natürlich die Nase rümpfen, wenn man sich an der Bushaltestelle nicht anstellt, aber schweigen. Beim Berliner muss das raus. Da hat er wieder jemanden gefunden, dem er noch was beibringen kann. Also tut er es auch und zwar laut, damit alle Umstehenden auch was davon haben. Wen man jetzt zurück blökt, hat man schon verloren. Denn der Berliner hat  eine Antwort parat, bevor man überhaupt etwas gesagt hat. Da hat er einfach einen jahrelangen Vorsprung in Besserwisserei, den er gnadenlos ausnutzt.

Wo auch ein Berliner keine Rücksicht nimmt, ist als Radfahrer. Da gehört der Radweg ihm und sonst niemandem. Touristen machen höchstens einmal den Fehler, auf einem geteilten Bürgersteig die Radfahrerspur zu nutzen. Das wird auf alle Fälle schmerzhaft enden, wenn nicht sogar im Krankenhaus. Berliner kennen keine Begrenzung der Geschwindigkeit für Radfahrer und keine Klingel am Fahrrad. Aber seid unbesorgt. Wenn ihr zerschmettert am Boden liegt, wird dem Berliner noch eine flotte Belehrung auf der Zunge liegen.

Den meisten Touristen wird der Gang zu einer Behörde erspart bleiben. Das ist auch gut so. Denn die Beamten dort sind auch nicht darauf  eingerichtet. Daher steht vor jeder Begegnung mit ihnen ein Automat, an dem du zunächst eine Nummer ziehst. Das ist wie eine Lotterie. Aufgrund der Nummer erhältst Du einen Termin. Der liegt in deinem Fall so weit in der Zukunft, dass du mit Sicherheit schon wieder zuhause bist.  Also versuch es erst gar nicht.

Wenn es jetzt so aussieht, als ob ich die Berliner nicht mag, ist das weit gefehlt. Das Gegenteil ist der Fall. Berliner sind nette, freundliche, hilfsbereite Menschen, aber eben keine Berliner, wenn da nicht dieser eine Tick wäre: alles besser zu wissen und es ständig zu erzählen. Man mag es kaum glauben, aber auch in Berlin gibt es trotzdem nicht genügend Lehrer.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. HH sagt:

    moin siegfried,

    wunderbare Beschreibung des pädagogischen gens der berliner. fand ich richtig gut!!!!

    lg nach wiesbaden

    Hauke Jan Herzberg

    Essener Str. 3 10555 Berlin, Germany

    mobile +49 151 15 67 61 27 email hherzberg@gmx.de haukejanh@gmail.com

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