Haselhorst – friedvoll (peaceful)

Spandau050

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Die Haselhorster hatten mehrmals Glück. Zunächst einmal steht in ihrem Stadtteil die berühmte Spandauer Zitadelle. Und viel mehr gibt es auch eigentlich nicht zu berichten. Aber das zweite Glück besteht darin, dass es sie überhaupt noch gibt. Denn die Zitadelle war gebaut worden, um sich gegen Feinde zu behaupten. Aber zweimal siegte der Verstand, und die Haselhorster ergaben sich friedlich und retteten damit ihr bedeutendstes Gebäude.

Zum ersten Mal ergaben sich die Haselhorster friedlich, als die Franzosen am 25. Oktober 1806 vor der Festung standen und deren Übermacht erkennbar war. Am nächsten Tag kam Napoleon zur Besichtigung. Ist der Zitadelle während des Krieges ,auch nie etwas passiert, so wurde sie doch mindestens seit ihrer Eröffnung im Jahre 1594 zwei Mal in durch Feuer stark beschädigt. Eine schwere Explosion erschütterte die Bastion Kronprinz im Jahre 1691. Schon ein Jahr später wurde sie neu errichtet. Und noch einmal wurde während der Befreiungskriege das Pulvermagazin auf der Bastion Königin getroffen. Der Verursacher erhielt dafür später zur Belohnung das eiserne Kreuz.

Die zweite friedliche Übergabe fand gegen Ende des zweiten Weltkrieges statt. Da befanden sich einige Soldaten, große Teile der Spandauer Bevölkerung, sowie die Giftgasexperten des Dritten Reiches gemeinsam hinter den Festungswällen. Die Soldaten waren bereit, sich dem russischen Gegner zu widersetzen. Die Russen hatten aber nach langen, zehrenden Kämpfen offensichtlich keine Lust, einen so ungleichen Kampf aufzunehmen und das schöne Gebäude völlig sinnlos zu zerstören. Marschall Schukow beschloss daher, mit den Eigeschlossenen über einen friedlichen Abzug zu verhandeln. Das war leichter gesagt, als getan. Denn Schukow hatte kein passendes Outfit, um seinen Gegnern gegenüber zu treten. Seine Uniform war nach den aufreibenden Kämpfen total zerschlissen. In dieser erbärmlichen Kleidung würde er sich lächerlich machen. Als man einen passablen Mantel aus Beständen der Britischen Armee besorgt hatte, schickte Schukow seinen  Major Grischin in neuer Kluft zu den Verhandlungen. Ihm zur Seite stand der deutsche Hauptmann Groß als Dolmetscher. Die Beiden näherten sich nun der Festung mit einer weißen Fahne, um ihr friedliches Unterfangen anzuzeigen. Das war nicht ungefährlich. Denn als die deutsche Wehrmacht bemerkte, dass dieser Krieg nicht mehr zu gewinnen war, warf sie auch alle ritterlichen Spielregeln über Bord, um solche Gelegenheiten zu ihrem Vorteil auszunutzen. Aber zunächst passierte nichts, bis sich der Erzählung nach der Kommandant der Festung und sein Adjutant per Strickleiter an der Festung herunterließen. Sie erklärten, dass Verhandlungen schwierig seien, da die verbleibenden Offiziere unbedingt den Kampf suchten. Daraufhin schlugen die Russen vor, an den Strickleitern zur Festung hochzuklettern und die Verhandlungen dort oben fortzusetzen. Man verhandelte lange und stellte schließlich ein Ultimatum. Werde man sich nicht ergeben, so werde die Zitadelle angegriffen. Was letztendlich half. Am späten Nachmittag ergab man sich ohne Widerstand. Alle Menschen auf der Festung erhielten freies Geleit. Major Grischin und Marschall Schukow sei Dank, dass sie die Festung für spätere Generationen erhalten haben. Aber soweit geht der Dank der Haselhorster nun auch wieder nicht, dass sie wenigstens zwei Straßen nach ihnen benannt hätten. Dafür gibt es Straßen für Lilli Palmer, Olga Tschechowa oder Elsa Wagner. Auch der Erfindung der Lünette wird mit einer Straße gedacht. Es gibt einen Trost: die Bewohner dieser Straßen müssen jeden Tag auf dieses scheußliche Monument schauen und sehen selbst nichts von der Zitadelle.

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Was gibt es sonst noch zu berichten? Wenig. Am Stadtrand von Haselhorst wurde vor einigen Jahren ein Neubaugebiet direkt in die Einflugschneise des Flughafen Tegel gebaut. Den Käufern der Häuser hat man sicher erzählt, dass mit dem Fluglärm bald Schluss sein wird. Die Straßen sind nach allen Seen um Berlin herum benannt. Im Garten kann man sich nur mit Ohrenschützern aufhalten. Der nächste See ist der Rohrbruchteich. An dessen Ufer befindet sich eine Gaststätte, deren Namen ich nicht nenne. Denn dort wird immer noch zelebriert, wie schlecht die Berliner Küche einmal gewesen ist.

Die Kleine Eiswerderbrücke macht ihrem Namen alle Ehre. Sie führt auf die Insel Eiswerder im Tegeler See und wurde aus EU-Fördergeldern wieder original getreu, also einspurig.

Wenn die früher so friedvollen Haselhorster heute ihren Frust loswerden wollen – und das scheinen einige hier zu sein -, dann können sie zu Point Ball World gehen und dort mit Farbbeuteln auf ihre Gegner schießen. Laut Eigenwerbung auch für Kinder bestens geeignet.

 

Empfehlungen: Die Zitadelle, sonst keine

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