Wenn der Postmann mal nicht klingelt

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Natürlich war ich sauer, als mein Brief an das Bundeskanzleramt nach über drei Monaten an mich zurück kam. „Adresse konnte nicht gefunden werden“. Wo doch jedes Kind in Berlin weiß, wo Frau Merkel regiert! Nach monatelanger Recherche weiß ich: Briefträger ist kein einfacher Beruf in Berlin. Auch wenn man schon erfolgreich Post in Bielefeld, Bonn oder sogar in Hamburg ausgetragen hat, stellt Berlin noch einmal besondere Herausforderungen.

Die besten Voraussetzungen sind ein abgeschlossenes Studium als Landvermesser und Mathematiker. Denn der Spürsinn und die Erfahrung reichen dort nicht mehr aus, wo selbst GPS versagt. Schuld daran ist ein System für die Bildung einer Hausnummer, das es so wohl nirgendwo auf der Welt gibt. Aber System ist das falsche Wort. Das würde ja bedeuten, dass irgendein Sinn in der Nummerierung steckt. Aber das ist nicht der Fall.

Wenn der Durchschnittsbürger an seine Heimatstadt denkt, so weiß er, dass die Hausnummern dort auf der einen Straßenseite gerade sind und auf der anderen Seite ungerade und beide laufen in die gleiche Richtung, meistens aus der Stadt heraus. Also: steht auf der einen Seite der Straße das Haus mit der Nummer 1, so wird auf der anderen Seite das Haus Nummer 2 stehen. Am Ende steht dann vielleicht das Haus Nummer 176 gegenüber der Nummer 177. Das ist einfach, und selbst ich würde nach kurzer Einarbeitungszeit das richtige Haus finden.

Die Berliner hatten leider eine andere Idee. Sie nummerierten bei der Stadtgründung die Häuser auf der einen Seite durch, um dann am Ende einer Straße in umgekehrter Richtung auf der anderen Seite fortzufahren. Offensichtlich hat man in uralten Zeiten auf einer Seite mit dem Häuserbauen begonnen, und wenn man fertig war, die andere Straßenseite bebaut. Wenn das System perfekt wäre, hätte es einen entscheidenden Vorteil. Man wüsste auf jedem Abschnitt einer Straße, (und Berlin hat sehr lange Straßen), wie viele Häuser darauf stehen. Wenn man Mathematiker ist. Man teilt nämlich einfach die Summe der gegenüberliegenden Hausnummern durch zwei und kommt damit zum gewünschten Ergebnis. Steht man also vor Hausnummer  88 und auf der anderen Seite ist Nummer 36, so weiß man, dass auf einer Seite der Straße insgesamt 62 Häuser stehen. Wenn man jetzt die Hausnummer 26 sucht, so muss sie auf der anderen Straßenseite liegen, und zwar in unmittelbarer Nähe, zehn Häuser in absteigender Folge. Braucht man das? Nein! Nützt das etwas? Nein? Stimmt das Ergebnis? Nein!

Warum nicht? Nicht alle Häuser sind gleich breit. Und natürlich wusste man oft noch gar nicht, bei welcher Hausnummer man auf einer Seite enden würde, wenn man auf der gegenüberliegenden Seite bereits mit dem Bau begann. So kommt es zu  Verwerfungen.  Hat man also weniger Häuser geplant, als dann tatsächlich gebaut wurden, aber auf der anderen Seite schon mit der Nummerierung weiter gemacht, so nutzt man in den Lücken das Alphabet als Zusatz.  In manchen Straßen benötigt man dazu alle Buchstaben und macht es sogar zweistellig, wenn das nicht ausreicht.  Oder aber man lässt ein paar Nummern aus, wenn es umgekehrt ist.

Manchmal aber ist es auch so, dass man sich offensichtlich nicht einigen konnte, auf welcher Seite der Straße man mit der Nummerierung beginnt. Dann kann es, wie auf der  Nollendorfstraße, vorkommen, dass zwei Häuser mit der gleichen Nummer genau gegenüber stehen. Noch merkwürdiger ist es auf dem kilometerlangen Kronprinzessinnenweg, der nur am Anfang und Ende bebaut ist. In der Mitte jedoch, ziemlich weit weg in den Wald gebaut, steht das Haus des Revierförsters. Das trägt die Nummer 60. Aber warum, das bleibt ein großes Rätsel und wird sicher erst dann zu einer Herausforderung, wenn der Kronprinzessinnenweg einmal zugebaut wird.

Also: die Regel bei der Nummernvergabe ist so, wie eben beschrieben. Aber was bedeutet schon eine Regel in Berlin? Dass es Ausnahmen gibt – oder dass die Regel selbst zur Ausnahme wird. Berlin ist aus sechsundneunzig Gemeinden zusammen gewachsen. Da wäre es ein Wunder, wenn alle der Stadtmitte folgten. Also gibt es natürlich auch andere Varianten. So auch die, die wir sonst im Bundesgebiet kennen. Problematisch wird das immer, wenn eine Straße ihren Namen nicht verändert, wenn sie durch mehrere Stadtteile führt. Oft führt das zu eigenwilligen Nummerierungen.

Erschwerend für Briefträger ist auch, dass Straßennamen in Berlin mehrfach vorkommen. Da hilft das System der Postleitzahlen zur Unterscheidung, wenn es zum Beispiel eine Vorliebe für den Nachtigallenweg gibt. Wie das Foto allerdings zeigt, werden auch schon mal verschiedene Wege im gleichen Ortsteil mit dem gleichen Namen belegt.

Wer allerdings in der  Waldstraße wohnt, hat ein richtiges Problem. Die gibt es nämlich mit gleicher Postleitzahl einmal im Ortsteil Grünau. Aber auch in Schmöckwitz. Das liegt etwa neun Kilometer entfernt in Brandenburg.

 

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