soeben im Internet gefunden/Vielen Dank Volker Milch

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Auf Entdeckungsreise zu den Menschen

Von Volker Milch

Erschienen am 17.07.2018 um 00:00 Uhr

WIESBADEN – Es passiert an der Mainmündung in den Rhein. Siegfried Baaske sieht ein Schild: „Nach Wien 1200 Kilometer“. Der IT-Berater überlegt und fragt seinen Hund: „Sollen wir das machen?“ Und Clinton, so hieß Baaskes treuer Gefährte, „schien zu nicken“. Gebellt, getan: Das Duo nimmt das erste Wanderprojekt in Angriff.

In Etappen, „immer mit leichtem Rucksack für sechs Tage“. Dazwischen geht es zurück nach Hause zum Brotberuf. Leider bekommt Clinton Hüftprobleme. Die Etappen werden immer kürzer, bis der betagte Hund stirbt. Herrchen, Jahrgang 1944 und also auch nicht mehr der Jüngste, hält durch, wandert nach einer Pause weiter auf dem Weg von Bonn nach Wien. Und schreibt darüber auf seinem Blog zum Beispiel über ein Fliegermuseum für einen Flieger, der nie geflogen ist. Solche Kuriositäten interessieren ihn.

„Oh Shit, mein schönes Projekt ist zu Ende“, denkt er, als er in Wien vor dem Stephansdom steht. Und ist sich doch sicher: „Beim nächsten Mal nicht wieder durch die Pampa. Da trifft man ja niemanden!“ Mit dem „Ziel, Menschen zu entdecken, die ungewöhnlich sind“, wandert er nun seit zwei Jahren durch Berlin.

Viele spannende und kuriose Geschichten erzählt er auf seinem Blog „allstreetsofberlin“. Besonders interessant ist ein Stück DDR-Historie: die Geschichte von Edith B., auf die er im Café Sibylle an der Karl-Marx-Allee gestoßen ist. Das Foto einer kleinen Ausstellung zeigt ein Mädchen, das über dem Trümmerschutt der Nachkriegsjahre eine Fahne der Freien Deutschen Jugend schwenkt. Der Text dazu erzählt von einer Edith B., die als eines von vier Mädchen eine Maurerlehre macht, später Architektin wird und nach einem Fluchtversuch ins Gefängnis kommt.

„Ich muss diese Frau kennenlernen“, setzt sich Baaske in den Kopf. Nach Monaten findet er tatsächlich jene 1935 geborene Edith, die ihm ihre bewegte Lebensgeschichte erzählt: „Es war ein Treffen wie bei Parship“, verrät er über die Verabredung mit der 1935 geborenen Architektin. „Wir mochten uns von Anfang an.“ Edith hat etwas zu erzählen: „Jetzt sind wir bei 1966.“

Solche Recherchen machen ihm offensichtlich Spaß. „Ich wollte eigentlich Journalist werden, war aber unschlüssig, was man dafür tun muss.“ Außerdem: „Meine Eltern hatten keinen Sinn für brotlose Künste.“ Er machte eine Lehre bei Siemens und wuchs nach einer EDV-Ausbildung schnell in die Branche hinein. Mit 25 wurde er Deutschlands jüngster IT-Chef, ging später zu Nissan und war bei der AOK für vier Rechenzentren verantwortlich. Heute arbeitet er freiberuflich – und betreut seine Webseite natürlich selbst.

3000 von 12 000 Berliner Straßen hat Siegfried Baaske schon abgewandert. Ist eine Lieblingsstraße darunter? Baaske gibt eine pragmatische Antwort: „Am liebsten sind mir zunächst die kurzen Straßen.“ Kurz sei zum Beispiel die nur 50 Meter lange, aber immerhin vierspurige Thusnelda-Allee. Absolut rekordverdächtig „mit exakt null Metern“ ist die Straße 357 in Spandau. Sie bestehe eigentlich nur aus einem Straßenschild, sagt der Stadtwanderer.

Ein urbanes Experiment im Regenrückhaltebecken

„Es gibt aber auch Straßen, die ich hasse“, betont er: „Die kommen harmlos als Gasse daher und entpuppen sich nach 3,5 Kilometern als Sackgasse, die ich wieder ganz zurücklaufen muss.“ Die Otto-Lilienthal-Straße in Kreuzberg ist momentan seine Lieblingsstraße, denn auf ihr habe er „gleich mehrere verrückte Menschen“ getroffen. Außerdem endet sie am Tempelhofer Feld, wo in einem Regenrückhaltebecken die „Floating University“ zu urbanen Experimenten und zum Hinterfragen „städtischer Routinen“ einlädt. Und sicher wieder ein gewisses Kontrastprogramm bietet zur hessischen Landeshauptstadt, in der Siegfried Baaske seit zehn Jahren lebt: “ �

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