ÖPNV Berlin

In der Hauptstadt ist der öffentliche Nahverkehr vielfältig. Man hat die Wahl zwischen Straßen- S- und U-Bahn oder Bus. Nicht zu vergessen die vielen Fähren. Bei Touristen sind alle beliebt. Der Berliner steht lieber im Stau. Meiner Ansicht nach sind die ausgehängten Fahrpläne daran schuld. Die erwähnen zum Beispiel einen Bus, der montags bis freitags um zehn Uhr siebenundzwanzig abfahren soll. Da kommt aber keiner. Vielleicht kommt er fünf Minuten später oder fünfzehn oder auch gar nicht. Der Tourist schaut auf die elektronische Anzeigetafel. Da steht: „Der nächste Bus kommt in drei Minuten“. Das stimmt in aller Regel. Aber ob das der 10-Uhr-Siebenundzwanziger ist oder der von vor einer Stunde oder von gestern, ist dem Touristen egal. Darum nörgelt er auch nicht rum und steigt einfach ein. Der Berliner aber schreibt einen Leserbrief an die Berliner Morgenpost und macht seinem Ärger Luft. Wenn dann genug Briefe eingetrudelt sind, schreibt die einen schönen Leitartikel und macht die Berliner Verkehrsgesellschaft fertig. Da freut sich der Berliner, wartet aber weiter auf seinen 10-Uhr-Siebenundzwanziger Bus. Jeden Tag. Oder nimmt sein Auto. Die Touristen aber steigen in den Bus ein, der in drei Minuten kommt.

Der ÖPNV hat es nicht leicht in Berlin. Bei Staatsbesuchen werden oft stundenlang ganze Stadtteile gesperrt. Routengebundene Fahrzeuge können nicht ausweichen. Bleiben einfach stehen, bis der Spuk vorbei ist oder fahren gar nicht los. Ein Ausweg währe es vielleicht, die Staatsbesuche generell zum Beispiel in Waldniel durchzuführen. Da gibt es wahrscheinlich gar keinen ÖPNV.

Routengebundene Investitionen in Neufahrzeuge und Streckennetz wurden erst in den letzten Jahren nachgeholt. Die schlampigen Behörden machten Fehler in den Ausschreibungen oder führten sie erst gar nicht durch. Wegen der Klagen der dabei zu kurz Gekommenen gibt es monatelange Lieferverzögerungen. So fahren die S-Bahnen auf bestimmten Strecken im Schneckentempo, weil Gleise marode sind oder die Bremsen eigentlich ausgetauscht werden müssten. Wenig erfreulich ist es, wenn SEV angezeigt wird. Das bedeutet Schienenersatzverkehr. Auf bestimmten Streckenabschnitten muss man aus der Bahn in einen Bus umsteigen und dann womöglich vom Bus wieder in die Bahn. Irgendwo ist immer SEV, am häufigsten am Wochenende. Trotzdem, finde ich, kommt man mit ÖPNV in Berlin recht schnell von einem Ort zum anderen. Wir reden über eine Fläche von über 850 Quadratkilometern, die komplett regelmäßig abgedeckt werden muss. In Spitzenzeiten in der Innenstadt alle drei bis fünf Minuten.

Was ist die beste Wahl? Für lange Strecken nehme ich die S-Bahn und eventuell danach den Bus zu meinem Endziel. Das ist die schnellste Möglichkeit. Für mich gib es aber noch andere Gründe für die Wahl des Verkehrsmittels – das Vergnügen. In diesem Fall ist die reguläre Straßenbahn die schlechteste Wahl. Die fährt nur im Osten der Stadt, meistens zu den Stadtrandbezirken. Die Menschen sitzen stumm auf ihren Plätzen, wollen nur noch Hause und sind nicht ansprechbar. Spaß macht die Straßenbahn in den Außenbezirken. Da gibt es noch einige Linien, auf denen ausrangierte Modelle fahren. Der Fahrer kassiert, die Bänke sind aus Holz, Blümchenpflücken ist während der Fahrt verboten.

In U-Bahnen ist mehr los. Da sie durch ganz Berlin fahren, ist das Publikum vielfältiger. Touristen und Alleinunterhalter im Zentrum, Menschen ohne Unterkunft wegen der angenehmen Wärme auf der gesamten Strecke. Nachts und an Wochenenden ist allerdings die Fahrt alleine nicht zu empfehlen. In den Spassvierteln Friedrichhain, Kreuzberg, aber auch am Alexanderplatz steigen häufig Fahrgäste ein, die das preiswerte Angebot für alkoholischen Verzehr allzu ausgiebig genutzt haben. Da sollte man sich sorgfältig aussuchen, in welches Abteil man einstiegt.

Die U-Bahn ist der ideale Aufenthaltsort, wenn man sich etwas dazu verdienen möchte. Ständig gibt es dort Angebote für Menschen mit seltenen Krankheiten, für die ein neues Präparat getestet werden muss. Egal, ob Erektionsstörungen, Übergewicht, Diabetis- bedingte Sexualschwäche oder übermäßige Transpiration: es gibt immer eine Belohnung für die Teilnehmer. Je nach Risiko kann das stark schwanken. Aber die Auswahlkriterien sind streng. In aller Regel muss man gesund sein. Also vor dem Test. Bei Erektionsstörungen können nur Männer mitmachen. Und das im genderkorrekten Berlin. Wenn man aber zum Beispiel an Übergewicht leidet, darf man die letzten drei Monate nicht zugelegt haben. Da kann ich jetzt keinen Anreiz für Übergewichtige erkennen, die doch die Gewichtszunahme verhindern wollen. Aber egal. Wenn ihr das nächste Mal mit der U-Bahn unterwegs seid, gibt es bestimmt ein passendes Angebot zur Taschengeld Aufbesserung.

Wer den Bus benutzt, besonders in den Außenbezirken zwischen zehn und sechzehn Uhr, sollte die vorderen Sitzplätze meiden. Die sind teilweise für Menschen mit körperlichen Behinderungen vorgesehen. Spätestens an der nächsten Haltestelle wird jemand einsteigen, der genau das Recht auf Deinen Sitzplatz beansprucht, selbst wenn der ganze Bus leer ist. Das ist zu verschmerzen. Schlimmer ist es, wenn die Behinderung anderer Natur ist und der Betroffene in der Nähe sitzt.

Zwischen zehn und sechzehn Uhr sind viele alte Männer unterwegs, die etwas zu erledigen haben oder ihren Psychiater aufsuchen. Die sitzen im Bus und denken nach. Aber offensichtlich können die nur denken, wenn sie es auch hören. Deswegen reden die ununterbrochen, und zwar laut. Da war dieser Mann, der beobachtete, wie an einer Haltestelle der Busfahrer auf sein Handy schaute. „Das geht ja gar nicht. Schaut der auf sein Handy und bringt uns alle in Gefahr.“ Pause zum Weiterdenken und wegen ausbleibender Reaktion. Dann aber deutlich lauter: „Das ist verboten im Straßenverkehr, der muss sofort aufhören“. Pause. Jetzt aber „Ich werde den anzeigen. Das geht gar nicht“.

Endlich die erste Reaktion des Busfahrers, eines Türken in perfektem Berliner Dialekt. „Junger Mann. Ma langsam. Rejen Se sich nich so uff, sonst kippen se hier noch vom Hocker und ick muss den Notarzt rufen.“

„Sie können mir gar nichts verbieten. Ich reg mich auf, wenn ich mich aufregen will. Aber Sie sind das schuld. Ich muss schon Pillen nehmen, weil ich mich immer so aufrege. Wenn mir was passiert, sind Sie das schuld.“

„Ja sach ich doch. Bleiben se besser ruhich. Det bringt nüscht, wenn jetzt der Leichenwagen kommt.“ „Machen Sie sofort Ihr Handy aus. Dann bin ich auch ruhig. Aber auf mich hört ja keiner. Auf den Kleinen – da hacken alle immer drauf rum. Meine Frau kommt aus Rumänien und hat schon seit vier Jahren keine Arbeit mehr. Kriegt Hartz vier. Und da soll ich mich nicht aufregen. Die ist so eine tolle Arbeiterin. Aber die wollen keine Rumänen auf dem Arbeitsamt. Ist alles die Merkel schuld. Jetzt machen Sie endlich Ihr Handy aus.“

Der Bus hält. Fahrgäste steigen ein. Der Mann schreit: „Sie sollen das verdammte Handy ausmachen.“ Und an die zugestiegenen Fahrgäste gerichtet: „Der bringt uns noch alle um.“ Der Busfahrer muss kassieren, aber als er losfährt, ist er wieder an der Reihe. „Sie haben det Schild jelesen. Kehne Jespräche mit dem Busfahrer , wenner fährt. Is ooch besser für Sie, damit se sich beruhijen.“ „Die ganze Regierung muss weg. Die kümmern sich nicht um uns. Allen voran die Merkel. Die muss weg. Dann wird sich das auch ändern. Stecken Sie das Handy weg“.

„Wissen se wat? Wenn ick jetzt meen Handy weckstecke, is die Merkel immer noch da. Also seien se ma still, bisse aussteigen.“ Der Bus hält. Ich steige aus, warte auf den nächsten Bus und setzte mich in die letzte Reihe.

Den größten Spaß bereiten die unzähligen Fähren der BVG, die man mit seinem normalen Fahrschein benutzen kann. Eine kleine Kreuzfahrt von etwa dreißig Minuten ist die Überfahrt von Wannsee nach Kladow bei Sonnenschein. Aber deutlich mehr Spaß macht die Fähre F24 an den Spreewiesen. Die fährt nur im Sommer, aber dann auch nur am Wochenende. Es gibt zwar einen Fahrplan. Der Fährmann fährt aber bei Bedarf und auf Wunsch. Das Beste: Die Wegstrecke beträgt nur wenige Meter und wird mit einem Ruderboot durchgeführt. Etwa drei Ruderschläge reichen für die Fahrt. Angst muss man keine haben. Es gibt Rettungswesten an Bord und der Steuermann hat ein Kapitätspatent.

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S-Bahn fahren ist auch nicht ohne. Noch immer gibt es eine Vielzahl von Alleinunterhaltern mit einem Angebot, welches genau zwischen zwei Haltestellen passt. „When the Saints go marching in“ ist beliebt bei rumänischen Virtuosen, deutsche dagegen besingen machmal den Stadtteil, durch den man gerade fährt. Prediger aus den USA verkünden Gottes Wort, ohne daraus einen finanziellen Vorteil für sich selbst zu schlagen. Das ist anders bei denen, die seit kurzem keiner regelmäßigen Beschäftigung nachgehen und um ein kleines Almosen bitten. Diese Leute haben Glück, wenn sie die ersten sind, auf die ich treffe. Denn meine Regel ist: der erste am Tag, der bittet, bekommt auch eine Kleinigkeit. Leider hat die Zahl der Darbietungen abgenommen, seitdem die S-Bahn wieder verstärkt Fahrscheinkontrollen auf den beliebtesten Strecken durchführt. Jetzt treten nur noch Künstler auf, die sich eine Tageskarte leisten können. Aber selbst die müssen vorsichtig sein, denn jegliche Art öffentlicher Veranstaltung ist jetzt leider in den S-Bahnen untersagt.

Dass man dennoch in der S-Bahn einiges erleben kann, bezeugt ein Artikel der Berliner Morgenpost vor einigen Monaten. Der berichtet, dass am frühen Sonntagmorgen ein Pärchen in den hinteren Reihen eines Abteils ihrer plötzlichen fleischlichen Lust freien Lauf gab. Dies fiel einigen in der Nähe tobenden Kindern auf, die flugs zu ihren Eltern liefen, um ihnen ihre Erlebnisse zu schildern. Wahrscheinlich waren die Kleinen uneins über das Gesehene und fragten die Eltern, was dort gerade passierte und ob sie selbst auch so etwas machen. Einige Eltern informierten umgehend die Polizei. Die anderen liefen zum Tatort und forderten die Beiden auf, sofort aufzuhören. Die waren aber offensichtlich an einem Punkt angelangt, wo ihnen eine Unterbrechung schwer fiel. Da sie nicht gewillt waren, ihr Handeln so kurz vor dem eigentlichen Höhepunkt zu unterbrechen, zogen die Herumstehenden kurzer Hand die Notbremse. Jetzt beeilte sich das Paar, den Zug schnellstmöglich zu verlassen. Das war aber wegen der heruntergelassenen Kleidung mühsam. Die folgende Meute konnte der Beiden habhaft werden und solange festhalten, bis die Polizei eintraf. Im anschließenden Prozess verurteilte der Richter den Mann zu einer Geldstrafe von dreihundert Euro, die Frau musste immerhin vierhundert Euro bezahlen. Der sonst so ausführliche Bericht der Morgenpost lässt allerdings zwei wichtige Fragen offen. Was war die Rechtsgrundlage für die Bestrafung und warum musste die Frau mehr bezahlen? Auf den ersten Teil der Frage weiß ich keine Antwort. Beim zweiten Teil vermute ich, dass die Frau angefangen hat. Jedenfalls haben wohl Beide den Begriff „Öffentlicher Personennahverkehr“ deutlich missverstanden.

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