Charlottenburg – alte Liebe (2)

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Meine Karriere als Musiker war nun beendet. Das Zimmer gefiel mir ohne Klavier auch nicht besser und war eigentlich immer noch zu teuer. Aber es war nicht einfach, in Berlin irgendwo unter zu kommen. Beziehungen waren notwendig. Mein Arbeitskollege erzählte mir immer von einem Rentner, bei dem er wohnte. Der vermietete praktisch seine ganze Etage, wo immer kurzfristig ein Mieter auszog. Er wollte die Lage im Auge behalten. Tatsächlich kam er einige Zeit später freudig auf mich zu. Es gab ein freies Zimmer. Es sollte nur fünfzig Mark kosten und war ziemlich geräumig. Das hörte sich zu schön an, um wahr zu sein. Kein Haken bei der Sache? Keiner! Als Sahnehäubchen noch freie Mitfahrt in seinem Auto, da wir dann den gleichen Weg hätten. Also noch einmal dreißig Mark gespart für die Monatskarte. Gleich am Abend nahm er mich mit zum Vermieter und stellte mich bei ihm vor. Schnell wurden wir uns handelseinig. Er wollte zwar die Wohnung umgehend vermieten, und ich hatte eine Kündigungsfrist von einem Monat. Aber bei dem Preis gab es kein Zögern. Am nächsten Tag zahlte ich meine restliche Miete, packte meine wenigen Sachen und zog um in die Nähe des Stuttgarter Platzes.

Ein paar Haken stellten sich allerdings schnell heraus. Ich war aus meiner nahen Grunewald-Gegend direkt an die am meisten befahrenen S-Bahn-Strecke Westberlins umgezogen. Etwa alle zwei Minuten kam ein Zug aus einer der beiden Richtungen mit ohrenbetäubendem Lärm, und zwar Tag und Nacht. Mein Zimmer war von der S-Bahn nur durch eine schmale Straße getrennt, die Fenster einfach verglast. Die erste Nacht war lang und schlaffrei. „Du wirst sehen, das gibt sich mit der Zeit.“ Da sollte mein Kollege Recht behalten. Berlin warb damals mit dem Slogan „Wir haben 24 Stunden geöffnet“. Er lud mich in seine Stammkneipe ein, die diesen Spruch beherzigte. Mutti, wie sie von allen Gästen genannt wurde, hatte eine Kellerbar auf unserer Straße, in der sich die gesamte Verbrecherschar vom Stuttgarter Platz traf, wenn es keine Arbeit gab: Zuhälter, Nutten, Einbrecher und Mörder. Ihr Mann sagte erklärend: „Hier sitzen jeden Tag nicht unter hundert Jahre Zuchthaus beisammen“. Der musste es wissen. Denn er war bei der Kriminalpolizei beschäftigt und führte die Bar in den Morgenstunden. In der Nacht erwischte er Gangster auf frischer Tat.

Mutti führte die Bar vom frühen Nachmittag bis zum Morgengrauen mit harter Hand. Keiner der Besucher muckte da je auf. „Bei mir seid ihr sicher. Die tun nichts.“ beruhigte sie die beiden jungen Kerle, die ihre Stammgäste wurden. Für alle Fälle hatte sie allerdings eine geladene Pistole unterm Tresen. Die hundert Jahre Zuchthaus wollten sich allerdings auch mit Muttis Mann nicht anlegen. Denn das hier war ihr geschützter Rückzugbereich, nicht weit entfernt von ihrem Arbeitsplatz.

Wie eine richtige Mutti, kümmerte sie sich auch um das Wohlergehen ihrer beiden jungen Schützlinge. Wenn das Geld am Monatsende knapp wurde, konnten wir anschreiben lassen. Spätestens um fünf Uhr morgens erinnerte sie uns daran, dass wir uns langsam für die Arbeit fertig machen sollten. Das war im Sommer häufig ein Schock, wenn man aus der düsteren Kneipe heraustrat in das gleißende Sonnenlicht. Da bekam der Begriff „Morgengrauen“ eine wirklichkeitsnahe Bedeutung.

Haken Nummer zwei war das Auto meines Kollegen, ein Lloyd Alexander. Der fuhr an sich für seinen Zustand recht gut. Wenn er denn fuhr. Denn was er überhaupt nicht konnte, war anfahren. Also war es meine Aufgabe, ihn jeden Morgen, den Gott erschaffen hatte, anzuschieben. Dafür hatte ich die Freifahrt. Egal, ob es schneite, regnete, stürmte oder schon dreißig Grad im Schatten waren, wollte LLoyd Alexander angeschoben werden. Und weil ihm das so gut gefiel, ließ er sich auch fast bis zum Ende der Straße Zeit, um zunächst so ein bisschen herum zu blubbern, dann zu stottern und schließlich mit einem kleinen Sprung behände los zu fahren. Ich selbst sah zunächst dem davon brausenden Fahrzeug nach, richtete meine derangierte Kleidung und hoffte auf eine Rückkehr des Autos. Was auch immer geschah. Die Gefahr, dass die Dreckskarre ihren Geist wieder aufgab, war erst gebannt, wenn sie ein paar Mal um die Häuser gescheucht wurde. Bis dahin konnte ich jedenfalls wieder normal atmen und hatte die Schweißperlen getrocknet. Zum Glück war die Kleiderordnung im Büro noch nicht so streng. Ein demoliertes Hosenbein, Schmutz an den Manschetten – alles verzeihlich. Hauptsache Krawatte.

Dass selbst ein junger Mensch bei ausgiebigem Alkoholkonsum und wenig Schlaf Schaden nehmen wird, liegt auf der Hand. Ich brauchte unbedingt einen Schutzengel. Der erschien auch prompt und hieß Waltraut.

Waltraut verkaufte Bücher auf dem Kurfürstendamm. Als ich mein erstes Buch bei ihr erstand, bemerkte ich sofort ihren Liebreiz. Also zog ich meinen Kauf in die Länge. Fragte um ihre Meinung, nach dem Inhalt. Und da außer mir keine Kunden im Geschäft waren, hielt ich sie auch nicht von der Arbeit ab. Wollte noch wissen, was man in Berlin als Neuling so entdecken kann. Ob es ein gutes Restaurant in Charlottenburg gibt. So hätte ich noch stundenlang weiter gemacht, wenn es nicht plötzlich halb sieben gewesen wäre. Da begleitete sie mich vor die Tür und verabschiedete mich. Ich aber versprach, sofort mit dem Lesen zu beginnen und ihr schon bald meine Meinung über das Buch Kund zu tun. Kaum zu Hause angelangt, war für mich klar, mit dem bisherigen Lotterleben sofort aufzuhören. Das konnte nicht so schwer sein. Mit dem Rauchen hatte ich schon lange aus Kostengründen aufgehört.

Also überhörte ich das Klopfen des Kollegen an meiner Zimmertür am Abend. Der sollte sich heute mit Mutti alleine vergnügen. Ich selbst wollte mich gemütlich in den Ohrensessel setzen und das Buch lesen. Was ich tat – bis zur letzten Seite. Dann hörte ich wieder das Klopfen an der Zimmertür. Es war Zeit, Lloyd Alexander auf die Sprünge zu helfen.

Ich brauchte ein neues Buch und eilte flugs am Abend zu meinem Schutzengel. Wir führten eine angeregte Diskussion über ein Buch mit sechshundert Seiten, für das sie selbst einige Tage benötigt hatte. Also stellte sie mich auf die Probe, stellte geschickte Fangfragen. Um dann festzustellen, dass ich das Buch tatsächlich gelesen hatte. Also empfahl sie mir ein anderes. Und am nächsten Tag wieder eins und so fort. Das Geld, das ich bisher für Bier und Schnaps ausgegeben hatte, legte ich nun in Weltliteratur an, und fühlte mich deutlich besser. Der Buchladen erlebte einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung. Und dann fing da dieses Kribbeln an, diese Vorfreude auf das nächste Treffen, die Diskussionen über Literatur. Ihr wisst, wovon ich rede. Allmählich verließen wir auch das Feld der Romane, Kurzgeschichten und Gedichte und unterhielten uns über persönliche Dinge. Waltraud war aus dem Osten durch einen Tunnel geflohen, lebte erst seit kurzem in Westberlin. Seitdem hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Sie hatte großes Glück, dass sie diesen Job sofort bekam, den sie auch in Ostberlin ausgeübt hatte. Sie liebte Bücher über Alles. Ich inzwischen auch. Aber da war noch mehr. War ihr meine Röte im Gesicht aufgefallen, wenn ich den Laden betrat? Oder meine Ungeschicklichkeit in verschiedenen Situationen? Ich bin erst zwanzig und zum ersten Mal allein unterwegs. Als Klavierspieler war ich kläglich gescheitert. Und als Liebhaber am Ende auch?

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. W.H. sagt:

    sehr schön, aber habe ich den ersten Teil übersehen ß

    Wolfgang

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    1. sibaaske sagt:

      Lieber Wolfgang, den ersten Teil kannst Du aber an der gleichen Stelle finden. Wird Dich vielleicht noch mehr interessieren, weil es um meine missratene Karriere als Musiker geht.

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