Lübars/das Dorf

Dieses Mal sollte alles perfekt werden. Ich schaue mir Lübars auf der Karte an und entwickle einen optimalen Gehweg, um alle 58 Straßen in einem Rutsch zu erledigen. Als ich mit dem Entwurf fertig bin, habe ich neun Straßen vergessen. In Ordnung. Die füge ich jetzt an den betreffenden Stellen ein und versehe sie mit einem kleinen Hinweis. Jetzt kann nichts mehr schief gehen. Tut es aber doch. Und zwar bereits nach zehn Minuten. Da soll es links ab in den Kühneweg gehen. Tut es aber nicht. Die Herrschaften vom Kleingartenverein „Frohsinn drei“ haben das Schild wohl abmontiert. So gehe ich zehn Minuten zu weit, um dann doch wieder Google Maps zu bemühen. Das führt mich an die Stelle ohne Schild und behauptet, dies sei der Kühneweg. Den Frohsinn der Kleingärtner kann ich nicht verstehen. Die sitzen bestimmt in ihren Datschas und beobachten die Spaziergänger, die sich hier verlaufen. Ich hätte Lust, mich zu beschweren. Auf der Mitteilungstafel des Vereins stehen die Sprechstunden des Vorsitzenden. Sonntags im Kühneweg 69. Es ist Sonntag, aber leider zu spät. Der Herr ist nur bis 12 Uhr da. Bis zur nächsten Woche will ich nicht warten. Aber jetzt springt mir ein Plakat ins Auge: „Sonntags ist Ruhezeit“. Ausrufezeichen und riesige Buchstaben für sehbehinderte Mitglieder. Wie soll das gehen bei einem Verein mit dem Namen „Frohsinn 3“? Aber Namen sind Schall und Rauch. Also nur Rauch – wegen der Sonntagsruhe. Die leisen Herrschaften sind mir schon aufgefallen, als ich begann, durch ihr Revier zu schreiten. Wer auf Gartenzwerge allergisch reagiert, sollte einen Umweg machen. Hier versammelt man sie in Scharen und sperrt sie hinter Gitter.

Oder lässt Mini-Züge durch seinen ungepflegten Garten fahren.

Aber die Sonntagsruhe wird peinlich eingehalten. Kein einziger Laut. Außer dem ohrenbetäubendem Lärm der Überwachungseinrichtung an jedem Grundstück, welcher schon eine Minute vor Annäherung beginnt. Ich meine diese Furcht erregenden Bulldogen, Schäferhunde, Dackel, Zwergpinscher und anderen Kampfhunde, die ihren Lärm nahtlos an den nächsten Garten weitergeben. Überall Schilder an den Zäunen „Er ist in 3 Sekunden bei ihnen“ zusammen mit einem Bild von ihrem Liebling, wie er die Zähne zeigt.

Wie beschreibt man Lübars am besten? Am besten bezeichnet man es als Auslaufgebiet für die Hunde des Märkischen Viertel. Denn die haben nicht viel Auslauf in ihrem Stadtteil. Aber nach Lübars ist es nur ein Sprung. Und da springen sie, was das Zeug hält. Besonders an Sonntagen, wenn Herrchen und Frauchen nicht arbeiten. Einem Redakteur des Tagesspiegel ist es auch schon aufgefallen, dass in Stadtvierteln mit hohem prekärem Bevölkerungsanteil auch wesentlich mehr Hunde herumlaufen. Aber im Märkischen Viertel laufen sie an der Leine, in Lübars direkt auf Dich zu. Die sind tatsächlich in drei Sekunden bei Dir. Oder sogar schneller.

Wenn man Lübars netter beschreiben will, erzählt man über die großen landwirtschaftlich genutzten Felder, die endlosen Wandermöglichkeiten, die dünne Besiedlung nur an den Rändern oder den gut erhaltenen alten Ortskern. Obst und Gemüse aus dem Umfeld ist bei den Berliner Nobelrestaurants ein Muss. Wenn man es sich noch leisten kann, Fleisch auf dem Teller zu servieren, dann muss wenigstens die Öko-Bilanz stimmen. Insofern dürfte es den wenigen Bauern nicht schlecht gehen. Sie verkaufen ihre Produkte auch direkt an die umweltbewusste Kundschaft auf ihren Höfen oder Sonntags auf dem Wochenmarkt nahe der Kirche.

Während die Randbebauung nicht besonders erwähnenswert ist, der kleine Kern der Altstadt ist es durchaus. Natürlich wird auch dort die alte Dorfkirche von der Straße Alt-Lübars umzingelt. Aber hier ist es wenigstens keine vierspurige Bundesstraße, sondern ein sehr grob gepflasterter Weg. Das ist eine wirkliche Herausforderung für Busse, Autos, Fahrräder und die Stöckelschuhe der Touristinnen.. An der Straße „Alt-Lübars“ stehen auch das hübsch restaurierte Haus des Dichters Wilhelm Rabe, sowie die urige Dorfkneipe „Alter Dorfkrug“ und eine alte, als Gratis-Bücherei umgebaute Telefonzelle.

Der Kaiser hat hier, wie es sich für eine Hoheit geziemt, eine Deutsche Eiche gepflanzt. Ein Gedenkstein erinnert daran. Der inzwischen 123jährige Baum zeigt heute seine ganze Pacht.

Im Spätherbst muss man unbedingt die Blankenfelder Chaussee bis zur Grenze nach Brandenburg entlangwandern. Im Herbst ist die baumbestandene Allee farbenprächtig anzuschauen. Ganz am Ende der Straße sollte man den Gedenkstein bewundern, der dem Helden Bauer Quanz gewidmet ist.

Der hat nämlich mit seinem Traktor an dieser Stelle die Mauer durchbrochen. Er selber wird immer ein bisschen rot im Gesicht, wenn man ihn auf diese Ruhmestat anspricht. Denn es war bereits zehn Tage vor der Währungsunion mit der DDR, als er dieses Glanzstück vollbrachte. Und damit völlig ungefährlich. Am nächsten Tag besuchte er die Feuerwehr im Nachbarort, brachte ordentlich Bier mit auf seinem Traktor und bat die Kollegen um Hilfe bei der Schuttbeseitigung. Die halfen gerne, denn jetzt gab es einen freien Durchgang auf der Straße.

Lohnt sich Lübars? Auf alle Fälle. Es ist der ideale Sonntagsausflug aufs Land., abseits vom Trubel der Hauptstadt. Honigliebhaber werden fündig im gemütlichen Haus der Hobby-Imkerei Lück. Wer mit Kindern unterwegs ist, sollte unbedingt den Freizeitpark besuchen, Der ist völlig unspektakulär. Man kann das Landleben erfahren, Tiere streicheln und den Bauern bei der Arbeit zuschauen. Balsam für die gestresste Seele.

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