Pankow – einfach hübsch

Die Betonung liegt auf „einfach“. Die Bauten des vorigen Jahrtausend und des jetzigen bilden eine harmonische Einheit. Was heute neu gebaut wird, ist, genau wie früher, für die Mittelschicht erdacht. Es sind keine Arbeitersiedlungen, wie in Reinickendorf. Sondern Bauten, die sich Beamte und Gutverdiener leisten können. Aber es sind nicht die „ich-zeige-meinen-Reichtum- Bauhausstil-Nachahmer-Bauten“ der Mitte oder in Dahlem. Die Neubauten sind geschmackvoll, wohnlich, reduziert und wahrscheinlich bezahlbar für ein Klientel, das über bescheidenen Wohlstand verfügt. Die neuen Gebäude haben nur ein Stockwerk mehr als die alten, weil die Deckenhöhe reduziert wurde. Aber sie passen zu den alten Gebäuden, selbst wenn sie in eine Lücke alter Fassaden hineingebaut wurden.

Wenn ich das Wort „Pankow“ höre, denke ich immer sofort an Herrn Bolle. In meiner Jugend wurde am Lagerfeuer stets ein Lied intoniert, in dem Herr Bolle eine wichtige Rolle spielt, was wie ein Ohrwurm in meinem Gedächtnis verhaftet ist.Wenn ich „Pankow“ höre, denke ich automatisch „Bolle“. Im Lied reist Herr Bolle einmal in seinem Leben zu Pfingsten nach Pankow, wo ihm übel mitgespielt wurde. Offensichtlich war eine große Menschenmenge unterwegs. In der unübersichtlichen Lage verlor er zunächst seinen Sohn aus den Augen. Danach wurde er in eine Schlägerei verwickelt und böse verletzt. Als er schließlich spät nachts nach Hause kam, verprügelte ihn seine Frau mit dem Nudelholz. Egal, wie schrecklich Bolle auch zugerichtet wurde, er verlor nie seine gute Laune, was die jeweils letzte Zeile einer jeden Strophe so ausdrückte: „aber trotzdem hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert“. Die Zeile wurde von allen Zuhörern immer lautstark mitgesungen. Bolle nahm ein böses Ende. Er wollte wegen der Schmach sein Leben beenden und legte sich daher auf die Eisenbahnschienen einer allerdings bereits stillgelegten Linie. Vor lauter Warten ist er daselbst vertrocknet.

Meine Neugier war natürlich groß, als ich jetzt zum ersten Mal nach Pankow kam. Den Stadtteil wollte ich mir genau unter die Lupen nehmen und Herrn Bolle Genugtuung widerfahren lassen. Aber in den drei Tagen fand ich keinen Grund für einen Groll. Die Pankower sind nette Leute, keine Schlägerbanden. Wahrscheinlich waren es die alkoholisierten Zugereisten, die Probleme machten. Aber den Grund, warum zu Pfingsten so viele Menschen sich auf den Weg nach Pankow machten, habe ich auch nicht finden können. Die Attraktionen sind nicht zahlreich. Es gibt nicht soviel Wasser, wie sonst überall in Berlin. Vielleicht war es ein Rummel, der immer zu dieser Zeit stattfand. Wer weiß?

Falls ich nach Berlin zöge, dann nach Pankow. Vorzugsweise in den Amalienpark, wo es noch eine gut erhaltene Wohnanlage aus dem vorigen Jahrhundert gibt. Wo aber auch neue Wohneinheiten in unmittelbarer Nähe errichtet werden.

Pankow ist nicht weit entfernt von der Stadtmitte und gut angebunden. S- und U-Bahn fahren vom Garbatyplatz in zwanzig Minuten in die Mitte des Ostens von Berlin. Mit dem Platz hat man dem Gründer der gleichnamigen Zigarettenfabrik ein Denkmal gesetzt.

Josef Garbaty-Rosenthal, der im Juni 1851 in Belarus geboren wurde, wanderte bereits in früherJugend nach Berlin aus. Grund dafür war die judenfeindliche Stimmung in seinem Heimatland. Bereits 1879 gründete er seine erste Zigarettenfabrik, die er kurz darauf in Pankow ansiedelte. Noch heute kann man das Fabrikgebäude in der Hadlichstraße bewundern. Allerdings hat sich die Zweckbestimmung dieses Hauses im Laufe der Zeit mannigfach verändert. Garbaty beschäftigte in der Blütezeit an die 1600 Arbeiter, überwiegend Frauen. Dazu kamen noch 800 Angestellte in der Fabrik für Druck und Verpackung. Gabartys Zigaretten genossen Weltruhm. Seine Premiummarke „Königin von Saba“ wurde nicht nur in den deutschen Kolonien, sondern auch sonst überall auf der Welt, unter anderem in den USA und Russland, geraucht. Seine Kunden schätzten die Qualität des ägyptischen Tabaks, den er vorzugsweise verarbeitete.

Josef Garbaty war nicht nur ein außergewöhnlich guter Geschäftsmann. Er sorgte sich auch um das Wohl seiner Angestellten und das der Jüdischen Gemeinde. Es gab in seinen Werken Kasinos für Mittag- und Abendessen. Bezahlt wurde mit betriebseigener Währung. Alle Mitarbeiter wurden durch ihn gegen Arbeitslosigkeit versichert. Neun Jahre, bevor dies gesetzlich geregelt wurde. Und berühmt waren seine jährlichen Tanzveranstaltungen für die Belegschaft. Für die jüdischen Waisenkinder errichtete und unterhielt er ein Haus auf der Berliner Straße.

Bereits Ende der 1920er Jahre wurde der Druck des Tabakmonopols stärker. Für Einzelunternehmer wurde das Geschäft immer schwieriger. Die Söhne verkauften die Verpackungsgesellschaft an den Giganten Reemtsma, die aber offensichtlich nur einen Konkurrenten aufkaufen wollte. Wenig später wurde die Fabrik geschlossen, die Produktion nach Hamburg verlegt.

Gabarty überstand als Jude die ersten Jahre der Naziherrschaft glimpflich. Erst im Jahre 1938 widerstand seine Familie dem Druck des Regimes nicht länger. Die Firmenanteile wurden der Firma Reemtsma zwangsübereignet, seine Villa beschlagnahmt. Die Kinder des Jüdischen Waisenhauses wurden deportiert, das Haus einer staatlichen Stelle übereignet. Frau und Kinder emigrierten in die USA. Josef Garbaty fühlte sich zu schwach für die lange Reise und verblieb bis zu seinem baldigen Tod in Pankow.

Nach dem Krieg wurde aus der Firma ein Volkseigener Betrieb, der zunächst noch den Namen Garbaty weiter führte. Aber als die gesamte Zigarettenproduktion der DDR an diesen Standort zusammengeführt wurde, verschwand auch der Gründername vollends. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Wiedervereinigung der Firma den Todesstoß versetzte. Die Treuhand verkaufte für wenig Geld lediglich die Markennamen an Tobacco Reynolds. Die Firma wurde daraufhin umgehend geschlossen.

Das Jüdische Waisenhaus und das Firmengebäude haben die Zeitläufte überdauert. Aus dem Waisenhaus ist eine Bibliothek geworden, Im Firmengebäude wohnen jetzt Familien. In die Villa der Garbatys ist eine Botschaft eingezogen. Das pompöse Grab der Familie auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee erinnert an glorreiche Zeiten. Wer das alles besichtigt hat, kann vielleicht im Cafe Garbaty in Pankow die alten Zeiten reflektieren oder aber nach weiteren schönen Ecken suchen.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Thilo Thilo sagt:

    Sehr interessanter Artikel!

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    1. Avatar von sibaaske sibaaske sagt:

      Lieber Thilo, vielen Dank fuer Dein Interesse. Vielleicht darf ich Dich am 20. April um 19 Uhr im Theatersaal Marleen im Liliencarree begruessen Da gibt es viele „Neue Geschichten aus Berlin““.

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      1. Avatar von Thilo Thilo sagt:

        Vielen Dank für die Einladung, aber ich bin bis Mitte Mai noch auf der anderen Seite des Atlantiks … 😉

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