Der Blick nach oben

Der Blick nach oben ist fast immer lohnenswert, besonders in Berlin. Wenn er auch nicht immer zu einem besonderen Erlebnis wird. Immerhin habe ich hier eine Straße mit meinem Vornamen gefunden. Eine von insgesamt vier. Straßenschilder dienen in erster Linie der Orientierung. In einer so großen Stadt ist es wichtig, wenn man ungefähr weiß, wo man sich gerade aufhält. Aber interessant wird es erst, wenn man feststellt, dass ein solches Schild auch ein Platz für eine ungewöhnliche Skulptur sein kann.

Das ist jetzt nach etwa drei Jahren das erste Mal, dass ich so etwas in Berlin sehe. Aber ich bin darauf vorbereitet, denn ein Freund hat mir erzählt, er hätte ein solches Männchen in Gesundbrunnen gesehen. Also schärfe ich jetzt meinen Blick, um nach weiteren Männchen Ausschau zu halten. Das dauert aber wieder drei Monate, bis ich das nächste finde.

Wer ist der Erfinder dieser Korkgestalten, wie viele gibt es davon in Berlin und was ist der Grund für sie? Viele Fragen – also wird es Zeit für eine Recherche. Da werde ich schnell fündig. Ein Artikel in Wikipedia gibt Auskunft. Der Sportlehrer Josef Foos hat sich das ausgedacht. Seit 2009 ist er in Berlin unterwegs und stellt seine Korkmännchen auf die Straßenschilder. Damals war es eine kleine Aufregung, denn wieder einmal hatte jemand den öffentlichen Raum in Berlin ohne Genehmigung genutzt. Nach nunmehr 10 Jahren und mehr als 1000 Figuren ist die Aufregung vorbei. Kaum Jemand der Anwohner nimmt Notiz von ihnen. Alle Männchen sind Unikate und bestehen aus zwei Weinkorken. Einen benutzt Foos für den Rumpf. Den anderen zerschneidet er in fünf Teile für Kopf und Gliedmaßen, die mit Holzstäbchen am Körper befestigt werden. Die Figuren sollen verschiedene Yoga-Positionen, inzwischen aber auch Sportarten und Bewegungen symbolisieren. Warum findet man so selten eine dieser Streetart- Objekte, die sich über ganz Berlin verteilen? Zum einen sind sie ziemlich unscheinbar, zum anderen auch vergänglich. Foos hat die Männchen auf die Straßenschilder geklebt. Wind und Regen setzen den Figuren arg zu. Den Untergang seiner Skulptur Nummer 1000 mit dem Namen „Prasaritta Padottanasara“ hat er dokumentiert.

Will man einen Überblick über Foos´ Männchen bekommen, so kann man eine Vielzahl von ihnen auf seiner Homepage betrachten, ohne durch ganz Berlin wandern zu müssen. Hilfreich ist auch eine Karte mit Aufstellungsorten.

Sein Werk hat inzwischen auch Nachahmer gefunden. Ein Streetartist mit dem Namen „Alte Wilder“ ist ebenfalls unterwegs, um seine Männchen zu positionieren. Ein schönes Beispiel seiner Kunst findet man auf der Straße Alt-Moabit.

Das Projekt hat sich mittlerweile verselbständigt. Das Merchandising hat voll zugeschlagen und bietet Tischaufsteller, Kalender und weitere Souvenirs. Mehrmals im Jahr finden Kunstausstellungen statt, welche die Objekte der verschiedenen Künstler zeigen. Der Genderwahn hat auch hier seine Opfer gefunden. Es gibt schwule Korkmännchen, und auf Straßen mit weiblichen Vornamen findet man Korkfräuleins.

Korkmännchen und-Frauen findet man jetzt auch in Halle und Coesfeld. Und natürlich steht auch schon längst eines in einer der vier Siegfried-Straßen in Berlin. Ich muss es nur noch finden.

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