Der Blick nach unten

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Beim Wandern geht der Blick meistens geradeaus. Manchmal auch nach oben, wenn es dort etwas Besonderes zu sehen gibt. Nach unten schaut man eigentlich nur, wenn da etwas im Weg ist, über das man stolpern könnte. Mein Lieblingsblatt in Berlin, die Berliner Zeitung, hat mich eines Besseren belehrt. Die Geschichte des Berliner Pflasters ist kurz und beginnt erst im Jahre 1825. Da war es nämlich dem Besitzer der Weinstube Luther und Wegener ein Dorn im Auge, dass seine Gäste bei schlechtem Wetter über den aufgeweichten Boden seine Gaststätte betraten und seinen Gastraum beschmutzten. Er ließ vor dem Gebäude Granitplatten verlegen, die viel später als Schweinebäuche in die Geschichte eingingen. Die Platten waren oben glatt, unten aber wie ein Bauch ausgebuchtet. Aufgrund der Schwere und der Form konnten sie ohne Zement im Sand eingegraben werden und hielten dauerhaft.

Der Große Kurfürst fand großen Gefallen daran. Erreichte er doch die Staatsoper bei Regen immer mit dreckigen Schuhen. Also erließ er kurzer Hand einen Erlass, der alle Hausbesitzer verpflichtete, ein Trottoir vor auf ihrem Grundstück zu errichten. Das stieß aber auf erbitterte Gegnerschaft, denn Granit war teuer. Ebenso guter Rat. Aber in kurzer Zeit war das Problem gelöst, so wie es Herrscher immer lösen. Eine neue Steuer wurde eingeführt, und zwar für Hunde. Zwei Drittel davon wurde zweckgebunden für die Errichtung der Bürgersteige eingesetzt. Der Granit für die Steine kam damals aus Niederschlesien. In kürzester Zeit wurden hunderttausende von Platten verlegt. Heute allerdings, wo noch immer Schweinebäuche verlegt werden, kommt der Granit aus China. Die Granitplatten waren immer einen Meter breit, aber unterschiedlich lang. Nur die Charlottenburger, die damals noch nicht zu Berlin gehörten, verwendeten zwei Meter breite Steine, um ihrer Besonderheit Ausdruck zu verleihen. Die Schweinebäuche konnten nicht bis an die Hausgrenze verlegt werden. Man begann bereits mit der Versorgung von Gas und Wasser. Dazu benötigte man einen Abstand zum Verlegen der Leitungen und Einführungen in die Häuser. Die Granitplatten waren zu schwer, um sie bei jeder Störung herauszunehmen. Die Lösung war Kopfsteinpflaster, ein sehr harter Stein, der auch in den Sand verlegt werden konnte.

In ländlichen Teilen Berlins findet man auch noch Katzenköpfe. Das waren kleine Feldsteine aus Brandenburg mit sehr unregelmäßiger Form und Größe. Sie waren gefürchtet bei Droschkenfahren und Postkutschen, da sich mit ihnen kein ebener Weg herstellen ließ. Aber auch als Fußgänger wird man auf diesen Wegen malträtiert. Ein Fortschritt war das oben polierte Kopfsteinpflaster aus unterschiedlich farbigen Gesteinen.

Vergessen darf ich natürlich auf keinen Fall die Bischofsmütze, die man im neueren Berlin oft antrifft. Mit ihr kann man sehr plane und gerade Flächen schaffen, wenn man sie immer abwechselnd in der entgegengesetzten Richtung verlegt.

Das ist nur eine kleine Auswahl der Pflastersteine in Berlin. Wer den Blick nach unten senkt, wird auf viel Ungewöhnliches stoßen. Generell kann man sagen: „Die Radfahrer sind bevorteilt“. Radwege sind immer geteert oder völlig plan gepflastert. Fußwege hingegen können auch schon mal so aussehen:

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