Elke Köhler

Elke Köhler an ihrem Arbeitsplatz

Elke Köhler traf ich an ihrem Arbeitsplatz im Taut Center in Bohnsdorf, weil ich ein Geschäft zu erledigen hatte. Elke betreibt dort ein Dienstleistungsunternehmen, das mir in diesem Augenblick gerade das passende Angebot machen konnte. Elke ist Klofrau, und zwar eine besonders nette. Was sofort auffällt: sie liebt gute Musik, meistens sehr laut. Selbst wenn es ihre Kunden stört. Sie stört es nie. Manche Kunden benötigen wohl für die Ausübung dieser Geschäfte eher eine ruhige Umgebung. Aber da sind sie hier absolut Fehl am Platze.

Elkes Musikgeschmack ist sehr umfassend und reicht von Klassik über Rock, Beat und Metal bis zum Rap. Auf ihren USB-Sticks verfügt sie über mehr als 2000 Aufnahmen, aus denen sie sich täglich ihr eigenes Programm zusammen stellt. So wird ihr nicht so schnell langweilig. “ Radio höre ich nicht. Die spielen nicht meine Musik, die Werbung und die Nachrichten nerven mich“. Es gibt allerdings Musik, die bei ihr nicht vorkommt. Das sind Schlager und Volksmusik. „Helene Fischer würde ich nicht einmal spielen, wenn ein Kunde das verlangt“. Aber sonst kann man sich vor dem Gang durchaus etwas wünschen, wenn es einem hilft. Wenn es dann noch Depeche Mode ist, kriegt man sogar einen Pluspunkt von ihr. Das ist ihre Lieblingsmusik.

Wie man sich vorstellen kann, ist der Job für Niemanden geeignet, der Kommunikation liebt. Die meisten Besucher haben es eilig vorher und wollen danach auch schnell wieder hinaus. Dabei ist Elkes Arbeitsplatz durchaus gemütlich. Er liegt im ersten Stock, ist im Sommer lichtdurchflutet und immer sauber und frisch. Also traut Euch mal auf eine Unterhaltung, wenn Ihr dort seid, denn Elke hat immer was zu erzählen. Aber sie kommt auch alleine zurecht. Sie liest gerne gute Bücher. Das geht aber nur bei wenig Besucherfrequenz. „Wenn ich ein Buch lese, dann entstehen in meiner Fantasie Bilder, die immer gelöscht werden, wenn der nächste Besucher kommt“. In solchen Zeiten ist Rätsel lösen oder Fernsehen angesagt. Oder sie spielt Billard im Hinterzimmer.

Als Klofrau wird man nicht geboren. Wenn man ein Kind fragt was es einmal werden möchte, ist die Antwort bestimmt nicht „Klofrau“. Auch Elke begann ihr Berufsleben normal, nämlich als Lehrling und später Angestellte bei der Post. Dort war sie 20 Jahre lang, bis sie siebenunddreißig war. Da hatte sie die Schnauze voll von nörgelnden Kunden. Es passte gut, dass ihr Arbeitgeber ein tolles Abfindungsangebot für Kündigungswillige unterbreitete. Sie schlug sofort zu, nahm das Geld und machte sich selbständig. Das war eine spannende, aber auch bittere Erfahrung für eine Ostdeutsche, die die Tücken des freien Unternehmertums nicht kannte und deutlich unterschätzte. Auf einmal blieben die regelmäßigen Zahlungen aus und Aufträgen musste man hinterher rennen. Sie machte dies und das. Versuchte eine Ausbildung als Floristin, wofür sie nicht geboren war. Machte Meinungsumfragen und Interviews für verschiedene Auftraggeber. Alles Dinge, die zum Überleben kaum reichten. Da war das Angebot des Senats wie ein Geschenk des Himmels. Die suchten nach Mitarbeitern, die durch Berlin liefen und in Vorgärten schauten, ob dort Ambrosia wuchs. Das war eine importierte großwüchsige Pflanze, die sich in Windeseile in Deutschland breit machte und ihren teuflischen Allergien auslösenden Samen überall verstreute. Elke hatte wieder eine feste Anstellung, die ihr Spaß machte, weil sie durch ganz Berlin kam und viele Menschen traf. Leider ging dem Senat nach einiger Zeit das Geld für diese sinnvolle Aufgabe aus. So wurde Elke zunächst arbeitslos und dann wieder selbständig mit mäßigem Erfolg. Dann kam plötzlich die Wende. Ein Nachbar erzählte ihr davon, dass die Toilette im nahe gelegen Einkaufszentrum verpachtet werden sollte. Er selbst hatte sich beworben, war aber wegen seiner augenfälligen Trunksucht abgelehnt worden.

Elke brauchte einige Zeit, um sich ein Leben als Klofrau vorstellen zu können. Da fiel Ihr David Garrett ein. Der hatte in einem Interview einmal erzählt, was er als armer Student in New York alles angestellt hatte, um sich über Wasser zu halten. Klos putzen gehörte auch dazu. Es soll ihm sogar Spaß gemacht haben. Also fasste sie sich ein Herz und bewarb sich.

Sie erhielt die Stelle und sitzt dort jetzt sechs Tage von acht bis 16 Uhr seit fast acht Jahren. Die Arbeit macht ihr Spaß, sie führt ein selbst bestimmtes Leben und hat etwas ganz Besonderes, was nicht jedem Menschen vergönnt ist: sie bekommt jeden Tag Geld. „Wenn ich heute alles ausgegeben habe, weiß ich, dass ich morgen wieder etwas habe“.

Wenn Ihr also Eure Tochter wieder einmal fragt, was sie gerne werden möchte – und sie antwortet: „Klofrau“ – das ist vielleicht nicht die schlechteste Idee.

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