Johannisthal – clever

Das haben sich die Verantwortlichen des Ortsbeirats clever ausgedacht. Erstmal zuschauen, wie es mit dem neuen Wissenschaftszentrum in Adlershof vorangeht und dann zuschlagen. Adlershof hatte die Idee, in einem brachliegenden Feld Wissenschaft und Industrie anzusiedeln und dafür die freien Flächen zur Verfügung zu stellen. Das wurde ein riesiger Erfolg. Die Humboldt Universität hat dort verschiedene Institute für die Grundlagenforschung angesiedelt und sucht zusammen mit renommierten Firmen, aber auch Start-ups nach Umsetzungsmöglichkeiten. Was dabei entsteht, sind überwiegend neue clean erstellte Produkte ohne giftige Abgase, CO2-neutral mit guten Gewinnspannen, die auch neue Gewerbesteuer-einnahmen generieren. Jetzt ist den Adlershofener das Land ausgegangen. Da kann man im angrenzenden Johannisthal mit riesigen Flächen aushelfen. Der Bauboom in Adlershof hat die Grundstückspreise angefacht. Neben Forschungs- und Bürobauten sind jetzt auch genügend Wohnungen geplant. Die Mitarbeiter der neuen Unternehmen können ihre Arbeitsstelle direkt vor der Haustür finden.

Johannisthal ist der Ortsteil mit den meisten Straßen, die es noch gar nicht gibt. Was in meinem offiziellen Verzeichnis von Kauperts aus dem Jahre 2016 bereits erwähnt wird, ist nicht einmal ansatzweise erkennbar. Bei Google gibt es einen Blackout, bei Kauperts einen roten Pfeil auf einer sonst leeren Landkarte, wenn man die Straßen sucht. Die Namen der neuen Straßen sind über wiegend Fliegern gewidmet. Denn man will ein für alle Mal klar stellen: der ehemalige Flughafen lag nicht in Adlershof, sondern hier. Das Gelände ist zu einem Naturpark umgebaut worden. Der braucht noch einige Zeit, um sich zu entwickeln. Bietet aber schon eine gewaltige Auslauffläche für Jogger und Hundebesitzer.

Zurück zu den Straßennamen. Natürlich sind alle bekannten Namen wie die der Gebrüder Wright verewigt, ebenso Fokker oder Hugo Junkers. Aber wer war zum Beispiel Pierre de Caters? Von Wikipedia habe ich gelernt, dass der Baron aus Belgien stammte, bereits in jungen Jahren im Jahre 1908 fünf Motorflugzeuge erwarb, mit denen er in einer Höhe von fünf Metern immerhin mehrere hundert Meter weit flog. Eine Goldmedaille wurde ihm vom belgischen Aeroclub für den ersten geflogenen Kilometer überreicht. Sein Wagemut führte ihn in entfernte Länder wie Ägypten, die Türkei oder Indien. Dort begeisterte er die Frau eines Maharadschas so sehr für den Flugsport, dass sie mit ihm eine Runde flog. Im Ersten Weltkrieg leitete de Caters die Flugschule der belgischen Streitkräfte. Wie erfolgreich seine Piloten im Krieg waren, sagt Wikipedia nicht. Danach verliert sich die Spur des Adligen. Offensichtlich gab es neue Herausforderungen, denen er sich widmete. Denn auch im Automobil- und im Motorbootsport findet sich sein Name.

Oder wer kennt Melli Beese, der eine andere Straße gewidmet wurde? Sie war immerhin die erste weibliche Pilotin in Deutschland. Sie musste sich damals gegen die Mobbing-Attentate ihrer männlichen Kollegen durchsetzen, für die eine Frau im Cockpit unvorstellbar war. Ein durchlöcherter Benzintank und angesägte Flügel führten zu einem Absturz, den Melli Beese zwar überlebte. ihre Schmerzen danach wurden aber so unerträglich, dass sie mit Morphin behandelt werden musste. Das führte zur Abhängigkeit. Zusammen mit dem Franzosen Charles Boutard gründete sie ein Flugzeugwerk, in dem zunächst Nachbauten erfolgreicher Flugzeugmodelle, dann aber auch eigene Konstruktionen umgesetzt wurden. Die Krönung ihrer Arbeit war ein Flugboot, welches im August 1914 auf einer Ausstellung in Warnemünde vorgestellt werden sollte. Das verhinderte aber der Ausbruch des ersten Weltkrieges. Die Beiden waren über Nacht Staatsfeinde geworden, ihr Flugzeug wurde zerstört. Sie selbst wurden während des Krieges interniert. Nach dem Krieg gab es keine geschäftliche Grundlage für den Flugzeugbau mehr. Der Aufbau von Streitkräften war den Deutschen durch den Versailler Vertrag untersagt. Melli Besse griff verstärkt nach Morphium und erschoss sich 1925 aus Verzweiflung. Man fand einen Zettel bei ihr mit den Worten „Fliegen ist notwendig, Leben nicht“.

Wenn man sich für die Anfänge der Luftfahrt interessiert, sollte man die Straßen von Johannisthal durchwandern. Immer, wenn man auf einen Fliegernamen trifft, wird man auf auch auf eine ungewöhnliche Geschichte stoßen.

Was man sonst noch entdecken kann? Wenig bis nichts. Alles ist Vergangenheit. Wie der Flughafen. In den früheren Filmstudios wurde zum Beispiel Fritz Langs legendärer „Dr.Mabuse“ gedreht. Früher kam man nach Johannisthal wegen der frischen Luft. Das hörte schlagartig auf, als während der Industrieansiedlung die Luft verpestet wurde. Die damaligen Bauten sind zu Ruinen zerfallen. Auf diesen Grundstücken wird das Wissenschaftszentrum angesiedelt. Vielleicht eine neue Zukunft für den Stadtteil?

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