Peter Rensch

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich Peter Rensch kennengelernt habe. Zunächst habe ich mehrmals in seine Schaufenster in Friedrichshagen geguckt, bis ich mir ein Herz gefasst habe, um ihn anzusprechen. Ich liebe Bücher. Aber ganz besonders, wenn man ihnen ansehen kann, dass sie mit großer Handwerkskunst hergestellt worden sind. Bei neuen Büchern freue ich mich schon, wenn sie wenigstens ein Lesezeichen haben, ordentlich gebunden sind und der Einband ansprechend ist. Aber ein Höhepunkt ist es immer wieder, wenn ein Buch alle meine Sinne anspricht. Natürlich ist der Inhalt wichtig. Aber der vollkommene Genuss stellt sich erst ein, wenn ein Buch auch gut aussieht, wenn es besonders riecht und es mich auffordert, über seinen Einband zu streichen. Solche Bücher sind selten geworden, weil es kaum noch Menschen gibt, die die Handwerkskunst des Buchdrucks und der Buchbinderei ausüben. In Berlin gibt es nur noch eine Handvoll von Ihnen. Was aber noch viel wichtiger ist: die Begeisterung für das Buch und den Inhalt selbst.

Mit Peter Rensch habe ich einen dieser wenigen Begabten gefunden, dem das gelingt. Dabei spürt man die Begeisterung bei ihm selbst nicht sofort. Man muss in seinen Büchern stöbern, um das zu erkennen. Bei ihm selbst fällt das Stöbern schwer. Sein Leben erzählt er in kurzen Worten. Überreicht lieber ein kleines Heft, in dem alles Wichtige über ihn geschrieben steht. Er hat es selbst verfasst und bei einer Feier in der Landeszentralbibliothek vorgetragen. Was bleibt mir anderes übrig, als daraus zu zitieren?.

Mit zwölf Jahren sieht Peter Rensch zum ersten Mal Bilder von van Gogh. Die berühren ihn so sehr, dass er umgehend beschließt, Maler zu werden. Seine Eltern sehen das anders. Aus dem Jungen soll was Vernünftiges werden. Er darf eine Lehre als Schriftsetzer beginnen. In seiner Freizeit sitzt er am liebsten zuhause und zeichnet, während andere Kinder draußen spielen. Schon früh nimmt er Zeichenunterricht bei einem renommierten Lehrer in der Schönhauser Allee und bleibt dort für zehn Jahre.

Im Gegensatz zu seinen Mitschülern macht ihm die Lehre Spaß. Bereits im zweiten Lehrjahr darf Rensch beim Berliner Verlag arbeiten, wo einige der wichtigsten Tageszeitungen in Ostberlin gesetzt werden. Schon bald wird aber auch hier der Buchdruck durch Offsetdruck ersetzt, allerdings mit großen Anlaufschwierigkeiten. Lange Zeit wird jede Auflage in beiden Verfahren gedruckt, um dann eine der beiden wegzuschmeißen. Man will auf keinen Fall das Gesicht verlieren und von den Genossen gescholten werden.

Peter Rensch verliert sein eigentliches Ziel nicht aus den Augen. Nach Abschluss seiner Lehre bewirbt er sich mit einer Mappe an der Hochschule in Weißensee. Dort kommt er aber schon nicht am Pförtner vorbei. Die Hochschule akzeptiert nur Bewerber, die mindestens drei Jahre bei der Volksarmee gedient hatten. Er hatte nur seinen Pflichtteil absolviert. Schließlich bewirbt er sich, auch auf Drängen seiner Mutter, an der Fachschule für Werbung und Gestaltung und wird genommen. Nach dem Studium folgen zwei Assistenzjahre bei den Malern Wulff Sailer und Bodo Müller, bevor sich Peter Rensch erfahren genug fühlt, sich als Künstler selbständig zu machen. Das geht nicht besonders gut und gelingt nur, weil einige typografische Aufträge von Verlagen und auch der Aktuellen Kamera, dem Ostfernsehen, kommen.

Als Rensch zusammen mit seiner Freundin 1984 einen Ausreiseantrag stellt, ist es damit auch vorbei. Sein letzter Auftrag bei der Aktuellen Kamera: er soll ein Bild von Honecker so retuschieren, dass man die Falten des Jacketts und die schlecht sitzende Krawatte bei seiner Neujahrsansprache nicht bemerkt.

Jetzt kann er nur noch in einer befreundeten Galerie aushilfsweise arbeiten und am Deutschen Theater die Besucher begrüßen. Wegen seines Ausreiseantrags wird er vom Verband Bildender Künstler mit einem Berufs- und Ausstellungsverbot belegt. Endlich, erst nah fast drei Jahren, darf Rentsch ausreisen und die wenigen S-Bahnstationen nach Westberlin fahren.

Rensch hat nach einigen schweren Monaten Glück. Er bewirbt sich auf die Stellenanzeige einer „Einmann-Druckerei“, stellt sich vor, zeigt seine Arbeiten und wird für zwölf Mark die Stunde in der Handpresse eingestellt. Sein Chef überträgt ihm nach einiger Zeit die ersten anspruchsvollen Aufgaben. So darf er einen Band mit Gedichten von Ingeborg Bachmann gestalten, das Layout und die Typografie selbst bestimmen. Seinen Chef zieht es bald von Kreuzberg in die vornehme Galeriengegend Fasanenstraße. Die Druckerpresse war nicht mehr wichtig. Rensch wird entlassen, darf aber die Presse weiter benutzen. So beschließt er nach kurzer Zeit, sich mit der Maschine selbständig zu machen und die ANDANTE Presse zu gründen. Langsam geht es aufwärts. Seine bibliophilen Kostbarkeiten finden Interesse. Rensch stellt seine eigenen Arbeiten aus und geht auf Fachmessen in Mainz und Frankfurt. Im Jahre 1999 lernt er seine jetzige Frau kennen und zieht zu ihr nach Friedrichshagen. Dort eröffnet er am Müggelseedamm einen Laden, mit dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Es gibt Ausstellungen, kulturelle Veranstaltungen. Er zeigt seine eigenen Bilder und druckt wunderschöne Bücher in kleinen Auflagen.

Ich muss Peter Rentsch unbedingt wieder besuchen, denn in seinem Laden hat mich ein Landschaftsbild von Marokko begeistert, das in meiner Sammlung noch fehlt.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Peter Rensch sagt:

    Lieber Siegfried, habe endlich Deinen Artikel entdeckt.
    Hättest mir ja mal eine Nachricht schreiben können.
    Leider ist mein Name permanent falsch geschrieben:
    RENSCH ohne T. Liebe Grüße von Peter Rensch

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    1. sibaaske sagt:

      Lieber Peter, vielen Dank für Deine Info. Natürlich werde ich das sofort ändern und bitte um Entschuldigung

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  2. Peter Rensch sagt:

    Vielen Dank. Das ging ja auch so schnell. Hatte vorsichtshalber einen Brief geschrieben.
    LG Peter

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