Marzahn – unerwartet

Was ist typisch für Marzahn? Das obige Bild möglicherweise nicht. Aber sind es die nächsten?

Viele glauben wahrscheinlich, Marzahn sähe so aus:

Aber das stimmt nicht. Wenn es ein solches Hau noch gibt, dann ist es dem Abriss geweiht. Alle anderen sind zwischenzeitlich ordentlich aufgehübscht worden. Mindestens ebenso spannend ist die Frage „Wo ist Marzahn?“. Denn wenn man dahin wandert, sieht meistens die Gegend davor sehr ähnlich aus. Egal, ob man von Biesdorf, Lichtenberg oder Hellersdorf kommt Es gibt auch keine Hinweise, wie zum Beispiel ein Ortschild. Das habe ich bisher noch nicht erlebt. Die spannendste Frage allerdings ist „Was ist Marzahn?“ Der Beantwortung all dieser Fragen will ich mich jetzt mehr oder minder erfolgreich widmen.

Marzahn ist der Stadtteil, den die meisten Vorurteile treffen. Wenn man ihn googelt, kommt als erste Frage: „Ist es schlimm, in Marzahn zu wohnen? Und als dritte „Was kann man in Marzahn machen?“ Schon mal ganz oben war auch die Frage. „Ist Marzahn sicher?“ Die ist allerdings verschwunden, weil die Antwort lautete: „Die Kriminalitätsrate ist deutlich niedriger als im übrigen Berlin, außer bei Autodiebstählen“. Ok, ich komme mit dem ÖPNV und bin komplett vorurteilsfrei.

Ich beginne meine Tour durch Marzahn am Hinterausgang des gleichnamigen S-Bahnhofs und stoße umgehend auf den Industriepark Knorr. Das ist ein weitläufiges Gebiet von Industrieansammlungen aller, vor allen Dingen moderner Art. Im weiteren Umfeld davon finden sich Firmen für alternative Energien, Chemie oder Forschung. Aber auch ein riesengroßer Brotversorger, Harry. Es gibt viele Angebote für gute Jos. Das ist anders als in Hellersdorf, wo die Menschen nur zum Schlafen hinkommen und Arbeit fehlt. Der Name einer neuen Straße „Clean-Tec-Business-Park“ beschreibt sehr genau, was hier abgeht.

Marzahn ist der Ortsteil mit dem größten Understatement. Wenn hier etwas „Weg“ heißt, dann ist es immer noch eine breite, gut ausgebaute Straße, die woanders durchaus als Allee durchgehen würde. Marzahn hat sehr lange Straßen, was mich schon am ersten Tag beansprucht. Davon gibt es fast einhundertfünfzig. Wenn ich heute lediglich 29 geschafft habe, dann wird mich der Stadtteil noch eine Weile beschäftigen.

Marzahn sieht aus, wie am Reißbrett entworfen. Unterkunft für über 80.000 Menschen, wo vorher nur ein paar Einfamilienhäuser standen. Jetzt sind die Wohnhäuser unterschiedlich hoch, haben sieben bis zwanzig Stockwerke. Zuerst wurden wohl die Straßen gebaut, allesamt lang und breit. Keine davon führt auf irgendeinen Mittelpunkt zu. Die Häuser wurden in einigem Abstand dieser Straßen gebaut, zwischen ihnen viel Grünfläche. Man lebt eigentlich nicht schlecht dort, wenn man keine Ansprüche hat. Ansprüche auf gemeinsame Treffen mit Freunden. Ansprüche auf kulturelle Teilhabe, Ansprüche auf „Bummeln und Shoppen gehen“. Also Ansprüche auf Irgendetwas außerhalb von Wohnen und Schlafen. Wenn man nach auskömmlichen Mieten sucht, ist man hier wohl richtig, aber auch unter Seinesgleichen. Die Wohnqualität wird offiziell zu einem Drittel als schlecht und zwei Drittel als mittelmäßig eingestuft. Gut und sehr gut kommt nicht vor. Achtzig Prozent der Bewohner werden als „deutsche Deutsche“, wenige als „Deutsche mit Migrationshintergrund“ und etwa achtzehn Prozent als „Menschen mit Migrationshintergrund“ in der Statistik geführt. Man ist also weitgehend unter sich und wählte bisher zu fünfzig Prozent entweder links- oder rechtsaußen. Das hat sich mit der letzten Bundestagswahl stark verändert. Drei Parteigruppen sind jeweils nahezu gleich stark, CDU und SPD mit über 20 Prozent, Linke und AFD mit über fünfzehn Prozent, FDP und Tierschutzpartei mit fünf Prozent.

Marzahn hat, wie fast alle Berliner Stadtteile, auch eine Stelle, der ein „Alt“ mit Bindestrich vorangestellt wird. Aber anders als sonst ist dort mehr als nur eine alte Kirche mit einer Umgehungsstraße. In Alt-Marzahn steht auf einer Anhöhe eine Windmühle mit einem kleinen Gehege davor. Die Idylle trügt ein wenig, weil dort früher nie eine Windmühle gestanden hat. Die Bockswindmühle wurde erst 1996 errichtet. Dafür funktioniert sie aber und mahlt und mahlt, an etwa 150 Tagen Weizenmehl. Bis zu einer Tonne pro Tag. Allerdings stand die Mühle in der Vergangenheit oft still, weil die Müller es nicht lange aushielten. Jetzt mahlt hier Alexander Benedikt, der sagt „Ich bin jetzt 53 Jahre. Das ist mein letzter Job.“ Offensichtlich gefällt es ihm hier. Dabei ist er zwar ein vielseitig begabter Handwerker, aber kein gelernter Müller. Das hat er erst hier mit Hilfe des Brandenburgischen Mühlenvereins erlernt.

Tatsächlich ist genau an dieser Stelle der Ursprung des Fleckens Marzahn, der über elfhundert Jahre zurück liegt. Hier steht auch das Heimatmuseum, wo man viel über die alte Zeit erfahren kann. Insofern sind die vielen Ziegen und Hühner vor der Mühle dort wohl richtig platziert. Alt-Mahlsdorf hat neben der Dorfkirche noch eine Reihe alter Häuser, die an einer kleinen Ringstraße liegen, sowie zwei Gasthäuser mit ordentlichem Angebot. Bezeichnenderweise heißt die Straße natürlich Alt-Mahlsdorf.

Was kann man in Mahlsdorf unternehmen? Die einzige wirklich Attraktion ist eine riesige Parklandschaft, die „Gärten der Welt“. Die gab es bereits zu DDR-Zeiten. Sie wurde aber vor ein paar Jahren zur Weltgartenausstellung noch einmal erweitert. Es gibt eine Vielzahl von Themengärten und lange Wanderwege. Mittendrin ein Hügel von etwas über hundert Metern mit der Mittelstation der Seilbahn. Von Frühjahr bis Herbst sind die Gärten einen Ausflug wert. Der Besucherandrang ist überschaubar, Marzahner eher selten zu finden.

Eine besondere Straße in Marzahn ist die „Allee der Kosmonauten“. Sie soll an den Vorsprung des Kommunismus bei der Eroberung des Weltraums erinnern. Zu Beginn ist sie eine ziemlich breite, vierspurige Schnellstraße mit einer Straßenbahntrasse in der Mitte. Sie führt von Alt-Marzahn kilometerlang auf direktem Weg in die Innenstadt. Dabei macht sie nur eine Rechts- sowie eine Linkskurve. Was aber als so pompöses Bauwerk beginnt, wird urplötzlich zu einer einspurigen Einbahnstraße in Lichtenberg und versandet dann gänzlich in der Nähe des Zentralfriedhofs Friedrichsfelde. Für mich das Symbol für den Kommunismus schlechthin.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Bernd sagt:

    Sehr schöner „Gang“

    Gefällt mir

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