Reinickendorf – Füchse und gute Nacht

Reinickendorf erschließt sich mir nicht. Das bleibt ein fremder Stadtteil. Er gab dem Bezirk den Namen. Er ist sozusagen das Zentrum aller ihm zugeordneten Stadtteile. Ist er aber nicht. Es gibt auch keinen Anhaltspunkt dafür, wo denn das Zentrum sein könnte. Nirgendwo ein Hinweis, nicht einmal das neuhochdeutsche Wort „Center“ auf irgendeinem Schild. Auch kein S-Bahnhof mit seinem Namen. Nichts – niente -nothing. Wie soll ich mich diesem Nichts nähern? Reinickendorf ist mit über 10 Quadratkilometern und mehr als 200 meist langen Straßen eine wirkliche Herausforderung. Immerhin sind 42 davon bereits erwandert, weil Reinickendorf überall aneckt, und ich meistens eine einmal angefangene Straße auch zu Ende wandere. Dennoch werde ich für den Rest ein paar Tage benötigen. Also schreibe ich meine Erlebnisse in Tagebuchform. Mal sehen, was so passiert – oder auch nicht.

Tag 1 24.3. 2022

Der erste Tag beginnt mit einem de ja vue. Ich verlasse die S-Bahn in Alt-Reinickendorf und erlebe, was ich immer erlebe, wenn ein Ortsteil mit “ Alt-“ beginnt. Da steht eine kleine alte Kirche auf einem Hügel, davor und dahinter teilt sich die Straße. Sie ist mit dicken alten Steinen aus der Vorzeit gepflastert, bremst die Autofahrer aus und heißt Alt-Reinickendorf. Noch ein paar alte bunt gestrichene Häuser drum herum – fertig.

Ich fange hinter dem Bahnhof mit der Wanderung an, was ein Fehler ist. Drei lange Straßen und mehr als eine Stunde braucht es, um ein Industriegebiet von erheblichen Ausmaßen zu umrunden. Wenn man einen Laster sieht, der in eines der Werke abbiegen will, bleibt man besser stehen. Die Fahrer stehen unter Zeitdruck und bremsen nicht. Nicht einmal für Tiere. Den Rest des Tages verbringe ich überwiegend mit dem Abhaken einiger weniger Straßen, die alle endlos lang sind, aber keine Besonderheiten aufweisen. Für den nächsten Tag habe ich mir vorgenommen, das Rathaus zu finden, Da muss doch der Mittelpunkt liegen. Mal sehen.

Tag 2 25.3.2022

Dieses Mal verfolge ich eine andere Taktik. Ziel ist das Rathaus, aber auf dem Weg möchte ich gerne möglichst viele Straßen erobern. Das ist leichter gesagt als getan. Manche Straßen machen einen kleinen Bogen und verbergen damit ihre wirkliche Länge. Besonders übel ist, dass von diesen Straßen so gut wie keine Querverbindungen abgehen. Das verflixte Numerierungs- System in Berlin sieht durchaus vor, dass auch Querverbindungen den selben Straßennamen tragen. Endlich bin ich am Friedhof angelangt, der ist so wie ganz Reinickendorf – riesig und langweilig. Noch nie habe ich irgendwo auf der Welt soviel Platz zwischen zwei Grabstellen gesehen. Ich laufe und laufe, bis der Tag zu Ende geht, aber immer war das Rathaus weit entfernt. Als ob sich die Straßen gegen mich verschworen hätten. Heute war nicht viel los. Ich habe nur zwei Fotos geschossen. Mal sehen, was morgen passiert.

Tag 3 26.3.2022

Es sind immer noch 132 Straßen zu laufen. An einer davon liegt das Rathaus. Neue Taktik: ich laufe heute möglichst viele Straßen, damit der Rest überschaubar wird. Es werden insgesamt immerhin 61, so dass nur noch 71 übrig bleiben. Das Rathaus ist mir inzwischen egal. Wer Architektur studiert hat, dem würde die heutige Tour sicherlich gefallen. Unzählige Mietshäuser aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Gebaut von den Stararchitekten der damaligen Zeit. Für mich ist das ein wenig zu viel. Was vom Tage übrig bleibt: Es gibt eine Sommer- Herbst- und Winterstraße. Für den Frühling haben die Reinickendorfer keine Straße gefunden. Und: Leckeres Mittagessen beim Türken für zehn Euro. Eintopf und Backlava. Im Juni wird es weiter gehen.

Tag 4

17. Juni 2022. Wegen der Staatsfeier bleibt mir heute nur der Rest des Nachmittags. Es geht so weiter wie bisher. Kein Zentrum, kein Rathaus, viele lange Straßen, bebaut von bedeutenden Architekten. Am Ende sind es noch 45 Straßen, die übrig bleiben.

Tag 5

18. Juni 2022. Ich mache den Rest der Straßen. Es ist wie immer. Die meisten sind lang und langweilig. Kein Zentrum weit und breit. Aber auch kein Rathaus. Das Rathaus Reinickendorf liegt im Stadtteil Wittenau, wie ich später erfahren werde.

Vor lauter Unaufgeregtheit hätte ich es beinahe vergessen: die Füchse sind natürlich Reinickendorfs größter Sportverein. Neben dem vielfältigen Breitensport auch über Berlins Grenzen hinaus bekannt als Profi-Handballverein der ersten Bundesliga.

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